Nebenverdienst mit E-Scootern: Der Akku ist voll, das Konto eher nicht

Nebenverdienst mit E-Scootern : Der Akku ist voll, das Konto eher nicht

Tausende E-Scooter in Köln und Düsseldorf müssen nachts aufgeladen werden – meist von freien Mitarbeitern, die pro Stück bezahlt werden. Ein aufwendiger Job, mit dem es schwierig ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Die Jogger laufen schon am Rheinufer, als Sven am frühen Sonntagmorgen seinen Kleinwagen an der Kölner Rheinuferstraße abstellt, den Kofferraum öffnet, drei E-Scooter auslädt und am Straßenrand aufstellt. Freiberuflich mache er das, als Nebenverdienst während des Studiums. Abends sammle er die Roller ein, lade sie daheim über Nacht im heimischen WG-Keller und stelle sie am nächsten Morgen wieder auf.

Seit Ende Juni stehen die ersten E-Scooter in Düsseldorf und Köln. Wer seither spät abends oder früh morgens durch die Stadt läuft, dem fallen Menschen auf wie Sven. Mal fahren sie Kleintransporter, mal Kleinwagen, manche nutzen sogar die Roller selbst, befestigen mehrere nebeneinander und rollen die 20 Kilo schweren und rund 1,20 Meter langen Gefährte zum nächsten Ladegerät.

Wer dieser Arbeit nachgeht, der bekommt von den E-Scooter-Anbietern – Tier, Lime, Voi, Circ – eine eigene Bezeichnung: „Juicer“, „Ranger“ oder „Hunter“. Die englischen Jobtitel passen zum Stil der meist jungen Unternehmen und ihrem hippen Geschäftsversprechen: günstige, leicht zugängliche E-Mobilität für kurze Wege in staugeplagten Großstädten. Keiner der Anbieter macht genaue Angaben zur Flottengröße, stattdessen ist stets von „einigen Hundert“ Rollern die Rede. Man darf davon ausgehen, dass in Köln mittlerweile eine deutlich vierstellige Zahl der Geräte steht. Meistens stehen sie auf zentralen Plätzen oder einfach am Straßenrand, manchmal landen sie aber auch in Gebüschen oder aber mitten auf der Einkaufsstraße.

Einsammeln, aufladen, ausliefern

Oliver Jaworek hat auch schon Roller aus dem Rhein gefischt. Er ist für den Anbieter Tier unterwegs. „Da dachte jemand auf dem Heimweg wohl: Mal gucken, ob das Tier auch schwimmen kann – kann es leider nicht.“ Er hat auch schon einen Scooter aus dem 5. Stock eines Hochhauses geholt. Ein anderer Nutzer nahm einen Roller nach einer langen Nacht mit ins heimische Wohnzimmer. Geortet werden die Geräte per Karten-App. In schwierigen Fällen lässt Jaworek die Geräte per Fernsteuerung blinken und lauten Lärm machen. Das will keiner in der Wohnung haben. „Irgendwann stellt man den Scooter dann raus“, sagt Jaworek.

Für rund 40 Kilometer reicht der Akku eines E-Rollers, dann muss er von den Arbeitskräften geortet, entsperrt, eingesammelt, aufgeladen und wieder ausgeliefert werden. Ein Job, der aufwendig, manchmal unwegsam und für die Unternehmen unverzichtbar ist. Circ stellt dafür Hilfskräfte an, die mit einer eigenen Fahrzeugflotte ausgestattet sind. Tier arbeitet mit einem Logistikpartner und sucht „Ranger“ als Minijobber. Lime und Voi suchen „Juicer“ oder „Hunter“ als freie Mitarbeiter.

Für die Unternehmen bietet vor allem das sogenannte Gig-Economy-Modell mit temporären Arbeitskräften, zahlreiche Vorteile. „Freie Mitarbeiter sind selbst dafür verantwortlich, Beiträge zu Sozialabgaben abzuführen und zum Beispiel Steuern zu zahlen“, erklärt Constantin von Köckritz, Fachanwalt für Arbeitsrecht. „Es bestehen auch keine Urlaubsansprüche oder Gehaltsansprüche im Krankheitsfall.“ Außerdem: „Man muss selbst für den notwendigen Versicherungsschutz sorgen, insbesondere für eine Krankenversicherung.“

Auf Anfrage unserer Redaktion gibt es kaum Details zu den Jobs: keine Angaben zum Verdienst, wenige Infos über die Vorschriften, Regeln oder Rechte. Antworten gibt es bei einem Treffen von Lime für potenzielle „Juicer“. Rund ein Dutzend überwiegend junge Menschen bekommt hier erklärt, wie die freie Mitarbeit funktioniert: dass man einen Gewerbeschein braucht, wo es den gibt und was bei der Steuer beachtet werden muss.

Vier Euro bezahlt Lime in Köln aktuell pro eingesammeltem E-Scooter. Die Bedingungen: Gesammelt werden kann jederzeit, über die App werden E-Scooter mit leerem Akku angezeigt. Bei der Auslieferung muss das Gerät zu mindestens 95 Prozent aufgeladen sein, ansonsten gibt es Lohnabzüge. Gleiches gilt, wenn der Roller nicht spätestens um acht Uhr morgens – also quasi zur Hauptverkehrszeit – für potenzielle Kunden wieder zur Verfügung steht. Defekte Geräte können in zentrale Einrichtungen gebracht werden; das Einsammeln und Aufladen von intakten Geräten müssen die „Juicer“ selbst organisieren, mit dem eigenen Auto beispielsweise und gerne an der Steckdose in den eigenen vier Wänden. Zum Start gibt es vier Ladegeräte umsonst.

Drei Euro pro E-Scooter

„Freie Mitarbeiter unterliegen keinem Kündigungsschutz sowie sonstigen Arbeitsschutzvorschriften wie dem Mindestlohn“, erklärt Anwalt von Köckritz. Legal seien solche Abkommen aber, solange keine „persönliche Abhängigkeit“ zwischen freiem Mitarbeiter und Arbeitgeber entstehe.

Student Sven lobt das Modell, es sei entspannter als manch andere 400 Euro-Job. Wer aber seinen Lebensunterhalt mit dieser Art Arbeit verdienen will, braucht mehrere Auftraggeber. Denn Lime wirbt zwar damit, „bis zu 100 Euro am Tag“ zu zahlen. Doch vor allem zu Beginn sind die Einnahme-Möglichkeiten arg reduziert: höchstens zehn Ex-Scooter können Anfänger-„Juicer“ gleichzeitig entsperren und laden, dafür gibt es von Lime maximal 40 Euro. Wer besonders aktiv und zuverlässig ist, für den erhöht sich die Zahl der maximal gleichzeitig ladbaren Roller auf bis zu 25 Geräte.

Felix Röpke gehört zu den Mehrverdienern. Er ist mit einem Kleintransporter unterwegs. „Nur mit einem Auto würde es sich nicht lohnen.“ Bis zu 20 E-Scooter sammelt er auf seiner Tour. Geladen werden sie in einer Garage, fünf Stück gleichzeitig. Rund drei bis vier Stunden dauert der Ladevorgang, er kostet pro Roller rund 20 Cent. „Sprit- und Materialkosten eingerechnet, bleiben am Ende etwa drei Euro pro Roller“, sagt Röpke. Für ihn ist das auf Dauer zu wenig. „Aufwand und Ertrag sind zu gering. Wenn sich der Verdienst nicht bessert, höre ich wieder auf.“

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