Aachen: Der Aachener David Kadel ist Mentalitätstrainer der Profifußballer

Aachen : Der Aachener David Kadel ist Mentalitätstrainer der Profifußballer

Wenn am Samstagabend in Kiew das Finale der Champions League zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool angepfiffen wird, dann schlägt die Stunde der ganz besonderen Spieler. Der Anführer, die in den wichtigsten Momenten ihre Ausnahmeklasse zeigen, wenn alle Augen auf sie gerichtet sind.

Der Aachener David Kadel wird das Spiel mit besonderem Interesse verfolgen. Kadel ist Journalist, Autor und Coach. Er arbeitet als Mentalitätstrainer mit vielen Bundesligaspielern und -trainern zusammen — und er ist ein guter Freund von Jürgen Klopp.

„Vertraut Klopp“: Für die Fans des FC Liverpool ist der deutsche Trainer längst eine Kultfigur. Foto: dpa

„Er hat etwas zu sagen, und ist ein cooler Typ dazu. Wo findet man das heutzutage noch im Sport, in der Politik oder allgemein der Gesellschaft?“, sagt Kadel, wie Klopp gebürtiger Schwabe, über den Liverpooler Trainer. Beide trafen sich einst in Mainz, Klopp war Trainer des 1. FSV, Kadel interviewte nach den Heimspielen die Spieler in der VIP-Lounge. Es war die Eintrittskarte in die Welt des Fußballs für den Perser. Der junge Mainzer Trainer teilte seine Philosophie mit ihm, ließ ihn teilhaben an seinen Ideen, wie man Spieler, eine Mannschaft, ja einen ganzen Verein weiterentwickelt.

Bis heute treffen sich Klopp und Kadel. In dessen Roadmovie „Und vorne hilft der liebe Gott“ erzählt der Startrainer sehr persönlich über Themen wie Demut und Glauben, auch David Alaba vom FC Bayern oder Leverkusen-Coach Heiko Herrlich lassen den Aachener Journalisten nah an sich heran. Auch im Buch „Was macht dich stark“ ist Klopp ein Kapitel gewidmet.

„Einer der besten Sätze, die Kloppo mir je gesagt hat, lautet: Für eine wirklich gute Fußballkarriere brauchst du 20 Prozent Talent, aber 80 Prozent Persönlichkeit“, erzählt Kadel beim Treffen in unserer Redaktion. Und genau das hat Kadel zu seinem Beruf gemacht. Er hilft Spielern und mittlerweile auch Trainern dabei, ihre Persönlichkeit, ihre Mentalität weiterzuentwickeln. Als Fan von Eintracht Frankfurt hat er im DFB-Pokalfinale mit Freude erlebt, dass Mentalität an gewissen Tagen Klasse schlagen kann. „Das war ein Bilderbuch-Mentalitätsspiel“, sagt der 51-Jährige. „Eintracht Frankfurt war ein Team in diesem Finale — und dafür muss man etwas investieren.“

Einmal in den Klettergarten

Kadel hat die Erfahrung gemacht, dass viele Profivereine keine nachhaltige Strategie dafür haben, wie aus vielen Einzelkönnern eine funktionierende Einheit wird. Und sie haben erst recht keine Strategie dafür, wie der einzelne sich ganz individuell entwickeln kann. „Ich höre dann oft: Wir waren doch im August im Hochseilgarten“, berichtet Kadel. Das war‘s dann mit dem sogenannten „Teambuilding“. Für ihn sind viele Mannschaften damit wie ein Auto mit drei Rädern. Technik, Taktik und Physis werden täglich trainiert. Für das genauso wichtige Thema Mentalität findet sich im Trainingsplan kaum Platz.

„Fakt in der Bundesliga ist: Vieles ist einfach nicht durchdacht“, sagt Kadel — ein vernichtendes Urteil für eine Branche, in der es sportlich und finanziell um sehr viel geht. Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, hat jüngst im Sportmagazin Kicker angekündigt, der Verein suche jetzt Mentalitätsspieler — ein recht unbeholfenes Eingeständnis, was dem Millionen-Kader des BVB zuletzt fehlte.

Mittlerweile gibt es eine Reihe von Spielern, die das Thema selbst in die Hand nehmen. Sie beauftragen David Kadel als Coach, häufig kommt der Kontakt auch über Spielerberater zustande. In der Regel ist die Zusammenarbeit auf ein Jahr angelegt. In gewisser Weise begeben sich die Spieler damit auf eine Reise zu sich selbst, Kadels Ansatz hat durchaus auch etwas Spirituelles. Von Klopp hat er die „4 D“ mitgenommen, das sind Demut, Dankbarkeit, Dienen und Durchhaltevermögen. Er hat auch eine Liste mit 100 inspirierenden Filmen entwickelt.

Die Spieler aus der Reserve locken

„Ich versuche, die Spieler aus der Reserve zu locken. Ich sage: Übermorgen ist deine Karriere vorbei. Nimm das ernst!“, beschreibt der Aachener seinen Ansatz. Es geht darum, Dinge zu definieren, die dem Spieler helfen, seine beste Leistung abzurufen, und negative Dinge aus dem Leben zu verbannen. „Ein Spieler hat sich bei Whatsapp, Facebook und Instagram abgemeldet, weil er gemerkt hat, dass es ihm nicht gut tut“, erzählt Kadel. Ein junger Kicker wurde vom Rest des Teams ausgelacht, weil er lieber ein Buch las, statt am Vorabend des Spiels beim Kräftemessen an der Playstation teilzunehmen. Inspiration, Eigenverantwortung, Entschlossenheit, auch Ruhe, diese Werte vermittelt der Coach. „Das klingt ein bisschen nach Streber, und das ist es auch“, gibt der Aachener zu.

Er empfiehlt seinen Klienten Biografien großer Sportler wie Roger Federer oder Dirk Nowitzki, in denen diese ihren Werdegang schildern, die Entbehrungen, die Hingabe zum Sport. Hier lohnt sich ein Blick auf die beiden Über-Helden des Champions-League-Finales. Während sich die Welt gerne über seine Eitelkeit auslässt, loben Weggefährten Cristiano Ronaldo für seine professionelle Einstellung.

So hat sein früherer Mitspieler Sami Khedira in einem Interview über den Portugiesen gesagt: „Ich bewundere ihn dafür, wie er mit seinem Status umgeht und wie hart er an sich arbeitet. Er tut jeden Tag etwas für seine Fitness und übt immer wieder die Dinge, die er bereits perfekt beherrscht. Ich habe gestaunt, als er mal zu mir gesagt hat, dass er während der Saison nicht feiern geht und keinen Alkohol trinkt.“ Von Ronaldo selbst stammt der Satz: „Talent ist nicht alles. Du kannst schon in der Wiege alles mit auf den Weg bekommen haben, aber du musst lernen, dich wie der Beste zu verhalten.“

Auf der anderen Seite hat Mohamed Salah unter Jürgen Klopp beim FC Liverpool einen kometenhaften Aufstieg erfahren. Nur Ronaldo (15) hat in dieser Champions League mehr Tore erzielt als der Ägypter (10), der als Kind jeden Tag vier Stunden mit dem Bus zum Training fuhr und abends wieder zurück. „Er ruht in sich und weiß genau, was er will“, hat Klopps Assistent Peter Krawietz in einem Interview über Salah erzählt. „Er ist sehr ausgeglichen und schafft es, seinen Körper in eine Verfassung zu bringen, die es ihm erlaubt, alle drei Tage seine Leistung abzurufen. So etwas ist natürlich ein wertvoller Faktor für jeden Trainer, wenn man dieses Leistungsniveau sozusagen garantieren kann. Er ist trotz des aktuellen Hypes total geerdet und zeigt keinerlei Starallüren.“

„Ich bringe den Spielern bei, sich selbst zu coachen“

Kadels Herz hüpft bei solchen Aussagen, denn genau diese „Profi-Mentalität“ versucht er zu vermitteln. „Ich bringe den Spielern bei, sich selbst zu coachen. Irgendwann bin ich weg. Wenn dann mal alle um ihn herum durchdrehen, soll der Spieler ganz bei sich sein“, sagt er.

Angefangen hat das Ganze übrigens in den 1990er Jahren in Leverkusen. Kadels bester Freund Dirk Heinen stand damals im Tor der Werkself, über ihn kam der Journalist in Kontakt mit anderen Spielern wie Erik Meijer, Jens Nowotny oder Paulo Sergio. Der damalige Bayer-Trainer Christoph Daum war überzeugt davon, dass Fußballspiele auch im Kopf entschieden werden und ließ seine Spieler über Scherben und glühende Kohlen laufen. „Irgendwann sagte dann einer: Und trotzdem haben wir nächste Woche gegen Bayern wieder die Hosen voll“, erinnert sich Kadel. Daum hätte zwar Recht gehabt, seine Herangehensweise sei aber noch zu oberflächlich gewesen.

Wer inspiriert MICH eigentlich?

Also begann Kadel erste Texte für Spieler zu schreiben. Akteure anderer Klubs wurden aufmerksam, Kadel lernte Gerald Asamoah, Marcelo Bordon und Cacau kennen. Und irgendwann wandten sich die ersten Trainer an ihn mit der Frage: Wer inspiriert MICH eigentlich? So entstanden einige Projekte mit Heiko Herrlich, Marco Rose (RB Salzburg) Sandro Schwarz (Mainz 05) oder Ilia Gruev (MSV Duisburg). Mit ihnen entwickelt Kadel in losen Abständen, wie sie den Horizont der Mannschaft erweitern können. Anders ist das bei Klopp. Von ihm lässt Kadel sich inspirieren, wie er betont.

Es reiche nicht mehr, wenn ein Trainer als Philosophie ausgibt, offensiv zu verteidigen oder taktisch flexibel zu sein. „Das ist Standard. Der Trainer muss eine Story erzählen und sie jeden Tag mit Leben füllen, unabhängig von Ergebnissen. Kloppo versteht das wie kaum ein Zweiter“, sagt Kadel. Am Samstag wünscht er seinem Freund den ersten Champions-League-Titel. 3:2 nach Verlängerung gewinnt Liverpool, tippt der Aachener. Es wäre auch ein Sieg der Mentalität.

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