Denkmalschutz: Deshalb muss es in der Kirche kalt sein

Warme Klänge, kalte Füße : Weshalb es in der Kirche kalt sein muss

Vater unser, muss das hier so kalt sein? Mitunter haben Kirchenbesucher im Winter das Gefühl, mit der Teilnahme am Gottesdienst schon hinlänglich Buße zu tun. Doch kalte Füße und steifgefrorene Finger sind nicht gottgewollt.

Eher schon stecken Denkmalschützer dahinter. Oder Gebäudemanager. Oder Kirchenmusiker … Beim Heizen von Kirchen ist die Gemengelage schwierig.

„Man muss da abwägen“, sagt Marie Goebel, die sich als Referentin für Umwelt- und Klimaschutz beim Bistum Aachen auch um das Energiemanagement kümmert. Wohlige Wärme könnte zwar die Besucher verwöhnen, sagt sie, aber dem Inventar arg zusetzen. Bei höheren Temperaturen werde es zu trocken, Holz verziehe sich und Figuren oder andere Kunstwerke bekämen womöglich Risse. Eine feucht-kalte Kirche ist aber auch nicht besser dran. Zu viel Feuchtigkeit tut der Bausubstanz nicht gut, es kann sich Schimmel bilden. „Auch in der Orgel“, erklärt Goebel, „das ist alles schon vorgekommen.“

Beim wohltemperierten Gotteshaus kommt es letztlich darauf an, Wärme und Feuchtigkeit gut auszubalancieren. Zur Behaglichkeit könnten die Besucher auch selbst beitragen, meint Goebel, indem sie sich warm anziehen. Letztlich dürften etwa die Zuhörer bei einem Orgelkonzert lieber warme Schuhe und Jacken tragen, als im Warmen zu sitzen und einem verstimmten Instrument zu lauschen.

Maximal 14 Grad

Kirchenheizungsfachleute peilen deshalb eine Temperatur von 12 bis 14 Grad an, damit der Mensch beim Gebet nicht auskühlt und die Heiligenfigur keine Risse bekommt. Wenn das Gotteshaus etwa während der Woche leer bleibt, gelten acht bis zehn Grad als ausreichend. Vor der nächsten Sonntagsmesse darf dann aber nicht die Heizung angefeuert werden wie ein Gartengrill. „Ganz vorsichtig“ müsse das geschehen, erklärt Goebel, um große Temperaturschwankungen zu vermeiden.

Weil das bei großen Kirchenschiffen technisch komplizierter ist als ein Dreh am heimischen Heizungsregler, müssen Fachleute ran. Der Aachener Heizungsbauer Mahr hat sich da offensichtlich einen gewissen Ruf erworben, immerhin wird fast die Hälfte der rund 21.000 deutschen Kirchengebäude von Mahr-Heizungen erwärmt. Dazu kommen noch einige Hundert im Ausland. Das Einzugsgebiet reiche „von Kiel bis Graz und von Brügge bis Bratislava“ erklärt der heutige Juniorchef Theodor Mahr, dessen Vorfahren dieses Geschäftsfeld schon vor über hundert Jahren erschlossen haben.

1871 baute der Firmengründer die erste Heizung in die Aachener Annakirche ein, der Aachener Dom steht seit 1912 in der Kundenkartei. „Der hatte vorher gar keine Heizung“, sagt Michael Böckmann, der Vertriebsleiter für Kirchenheizungen, „das war damals bei vielen Kirchen so.“

Warme Luft aus dem Boden

Inzwischen ist es dort wärmer geworden. Heute hätten die Gotteshäuser im Bistum Aachen hauptsächlich Warmluftheizungen, weiß Marie Goebel, bei denen aus mit Gittern abgedeckten Schächten im Boden warme Luft komme. Auf dieses System haben schon Theodor Mahrs Ahnen gesetzt, und das Unternehmen bleibt der Linie bis heute treu. „Nur damit lässt sich ganzheitlich die Gebäudehülle beeinflussen“, sagt Mahr, „mit einer Fußbodenheizung kriegt man die Kirche nicht warm.“ Die beschere den Besuchern zwar warme Füße, helfe aber nicht gegen Feuchtigkeit unterm Dach.

Auch Sitzpolsterheizungen oder Bankstrahler sind aus Sicht der Experten nützliche Extras für mehr Komfort im Gottesdienst. „Das ist wie bei der Sitzheizung im Auto“, sagt Böckmann, „die hilft auch nicht gegen beschlagene Scheiben.“ So weiß denn auch Referentin Goebel nur von einer Gemeinde im Bistum Aachen, die ein solches Verwöhnsystem für das Sitzfleisch angeschafft hat. Das Gros aber belässt es bei den Luftheizungen, die an „möglichst viele Stellen“ Wärme bringen.

Die gleichmäßig im Raum zu verteilen „kriegen wir optimal hin“, sagt Jürgen Reinecke, der Abteilungsleiter Planung im Mahrschen Kirchenheizungsbereich. In früheren Zeiten wurde noch ein Ofen im Keller mit Kohlen befeuert, der die Umgebungsluft ordentlich erwärmte und nach oben steigen ließ, wo sie sich abkühlte, nach unten sank und durch eine Öffnung im Boden zurück zum Ofen strömte, um dann wieder erwärmt die nächste Runde zu drehen. So wurde zwar viel heiße Luft produziert, die aber nicht alle kalten Ecken erreichte.

„Erst ab den 1960er Jahren konnte man mit einem Ventilator die warme Luft bei geringeren Austrittstemperaturen besser im Raum verteilen“, erklärt Reinecke. Auf diesem Prinzip basiert auch der „Mahrcalor“ genannte Klassiker des Hauses, den der Chef für technische Laien einfach erklären kann: „Das ist eine für den Einbau in die Erde geeignete Edelstahl-Truhe mit einem Heizkörper und einem Ventilator drin“, sagt Theodor Mahr. Gut, ein Filter sei auch noch dabei, und noch ein paar andere wichtige Dinge.

Leiden der Denkmalschützer

So aber versteht der erwärmte Kirchenbesucher den Unterschied zur heimischen Zentralheizung, die warmes Wasser zu den üblicherweise unter den Fenstern montierten Heizkörpern pumpt. Die Vorstellung, solche meist unschönen Radiatoren in kunstgeschichtlich bedeutsamen Kirchen an die Wände zu dübeln, würde bei Denkmalschützern wohl Schnappatmung auslösen. Die im Boden versenkten Mahrschen „Truhen“ erledigen die Aufgabe dezenter und effektiver. Betreiben könne man die Heizungen auch mit regenerativen Energien, sagt Theodor Mahr, schon realisiert wurden zum Beispiel Kombinationen mit Holzpellet-Kesseln und Wärmepumpen.

Bislang aber geht es in den Heizungskellern meist traditionell zu. Überwiegend würden Kirchen in Städten mit Gas und gelegentlich mit Fernwärme geheizt, im ländlichen Raum mit Öl, weiß Bistumsreferentin Goebel. „Und die Heizkosten sind ein großer Posten bei den laufenden Ausgaben“, sagt sie.

Frierende Kirchenbesucher mögen das kaum glauben.

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