Denkmal am Bahnhof in Lontzen erinnert an geflüchtete jüdische Kinder

Neues Denkmal am Bahnhof Herbesthal : Als jüdische Kinder vor den Nazis nach Belgien flüchteten

Vier Kinder – eines sitzt auf einem Koffer. Sie machen einen verlorenen Eindruck – eine Gefühlslage zwischen Angst und Hoffnung, Tapferkeit und Verletzlichkeit. Das Denkmal in Lebensgröße aus Modellierbeton hat der Aachener Künstler Sebastian Schmidt geschaffen.

Es steht jetzt auf dem Gelände des ehemaligen belgischen Bahnhofs Herbesthal (Gemeinde Lontzen), wird dort am Sonntag eingeweiht und erinnert an jene jüdischen Kinder, die 1938/39 nach den Pogromen im Deutschen Reich vor der brutalen Verfolgung durch die Nazis flüchteten.

Am Grenzbahnhof Herbesthal spielten sich damals dramatische Szenen ab. Hier landeten rund tausend Kinder, deren Eltern jede sich bietende Möglichkeit nutzten, um ihre Töchter und Söhne in Sicherheit zu bringen. Etwa 250 Unbegleitete hatte die belgische Regierung schon Ende 1938 ins Land gelassen. Anfang des folgenden Januars – genau vor 80 Jahren – wurde aber rund 70 Jungen und Mädchen die Einreise verweigert; sie mussten zurück nach Deutschland.


Überleben in Verstecken


„Der Zug Anfang Januar war von den jüdischen Organisationen nicht angemeldet worden“, sagt der ostbelgische Historiker Herbert Ruland unserer Zeitung. „Die Eltern hatten in ihrer Verzweiflung die Kinder einfach in den Zug gesteckt.“ Die belgische Öffentlichkeit habe mit Empörung reagiert, worauf dann Ende des Monats doch noch einmal rund 750 Unter-14-Jährige in Herbesthal aufgenommen worden seien. „Sie wurden in Waisenhäusern oder Familien untergebracht.“

Die Kinder kamen laut Ruland von überall her: aus dem Rheinland, aus Berlin, sogar aus Wien und Prag. „Sieben leben noch und können sich zum Teil gut an die Ankunft in Herbesthal erinnern“, sagt er. Eines der während des Krieges in Belgien versteckten Kinder ist der Physiker Francois Englert, der 2013 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde und am kommenden Sonntag in Herbesthal anwesend sein wird. „Belgien ist das Land, wo die meisten Juden versteckt wurden“, sagt Ruland.

Als die deutsche Wehrmacht Belgien 1940 überfiel lebten dort 110.000 Juden; rund 55.000 seien nach Frankreich geflüchtet. Von den übrigen konnte etwa die Hälfte untertauchen und überlebte. „Das ist ein Ruhmesblatt für so ein kleines Land wie Belgien.“

Der Kampf gegen das Vergessen ist nach Rulands Überzeugung unbedingt nötig. „Es gibt so viele junge Menschen, die überhaupt nichts mehr davon wissen.“ Ihm geht es um das Vorbild der Zivilcourage. „Man konnte damals etwas tun. Viele haben Juden versteckt. Man kann sich wehren. Daran müssen wir permanent erinnern.“ Das funktioniert nach seiner Erfahrung am besten, wenn es konkret mit dem Geschehen an einem Ort verknüpft werden kann. „Kinder und Jugendliche brauchen einen Bezug zum Ort. Deshalb wollten wir mit dem Denkmal nichts großes Intellektuelles, sondern eines, das realistisch zeigt, was hier passiert ist.“


Einladung für Sonntag


Sebastian Schmidt ging es nach eigener Aussage um die Frage, „wie es den Kindern im Moment der Ankunft in Herbesthal ergangen sein mochte“. Um das spürbar zu machen, hat der Aachener Künstler „eine lebensnahe, wenig abstrakte und in schlichter Direktheit wirkende Darstellung“ gewählt. Zur Einweihung am Sonntag, 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, sind alle Interessierten eingeladen. Die Veranstaltung beginnt um 14 Uhr in Herbesthal (Bahnhofstraße 20) auf dem Gelände des ehemaligen Bahnhofs.