Vettweiß: Den Horror gesehen, gehört und gerochen

Vettweiß: Den Horror gesehen, gehört und gerochen

Am Anfang stand die Sprachlosigkeit. Und ein Glasauge. „Der Erste Weltkrieg schaute mich in Gestalt meines Großvaters an, da war ich vier Jahre alt“, sagt Achim Konejung, der in Müddersheim bei Vettweiß lebt.

Dass der Großvater als Kriegsfreiwilliger zum Leutnant avancierte und bis zu einer schweren Verwundung im Dezember 1917 in Galizien, in den Karpaten, am Isonzo und in den venezianischen Alpen kämpfte, brachte Konejung als junger Bursche nie in Erfahrung. Auf die Frage, woher das Glasauge stammte, erhielt er stets die gleiche Antwort: „Das kommt vom Krieg.“ Es gab Dinge, über die nicht gesprochen wurde. Der Erste Weltkrieg gehörte dazu. „Stellte man berechtigte Fragen, stieß man auf eine Mauer des Schweigens. Ich beschloss also, der Sache nachzugehen“, sagt der 56-Jährige. Sein neues Buch „Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ liefert Antworten auf die Fragen des Jungen.

Bilder erzählen Geschichte(n)

„Ich wollte wissen, welche Auswirkungen der Krieg auf die Menschen hatte, wie er den Alltag der Menschen in seinem Vorfeld, während seines Verlaufs und in der anschließenden Besatzungszeit bestimmte“, erklärt Konejung. Er wollte eine Mentalitätsgeschichte schreiben. Der Kabarettist, Autor und Filmemacher verzichtet wie schon bei seinen Projekten rund um das Kampfgeschehen während des Zweiten Weltkriegs im Hürtgenwald darauf, Truppenmanöver nachzuzeichnen und Schlachten zu analysieren. Der Vorstandsvorsitzende der „Konejung Stiftung: Kultur“ entschied sich für einen Bildband. „Jedes Bild im 196-seitigen Band erzählt eine Geschichte“, erzählt er. Und die einzelnen Geschichten ergeben ein Bild, das zeigt, wie die Menschen in unserer Region diese Zeit erlebt haben. Konejung ordnet die Fotos in den Kontext ein, gibt Erläuterungen.

Lange Zeit ging er auf die Suche nach Material. Unter fachlicher Beratung von Historikern macht er eine Fülle von Bilddokumenten aus öffentlichen Archiven und privaten Sammlungen zugänglich. Er greift auch auf Fotobestände alliierter Soldaten zurück. „Die Bilder haben die vergangenen 90, 100 oder sogar 110 Jahre in Schubläden und Kartons, auf Dachböden, in Kellern oder in Familienalben die Stürme des gewalttätigen 20. Jahrhunderts überlebt“, sagt Konejung. So mancher Schatz habe geborgen werden können. Vor allem die „kleinen Fotolabore um die Ecke“, die es damals in vielen Städten gegeben habe, seien wahre Fundgruben gewesen. Während die offiziellen Fotos damals unter propagandistischen Aspekten ausgesucht worden seien, zeigten gerade die „Schnappschüsse“ oftmals ein anderes Bild. „Die Jubelbilder, wenn die Garnison einer Stadt ausrückt, gibt es auch bei uns“, nennt er ein Beispiel. „Doch auf manchen Aufnahmen sieht man ganz deutlich, dass vielen Menschen der Zweifel ins Gesicht geschrieben steht.“ wUnd dennoch: „Der Krieg zeichnete sich seit Jahren ab — und wurde von vielen Menschen als ein reinigendes Gewitter erwartet“, sagt der Autor.

Er spricht von einer „Patriotismusbesoffenheit“, die sich auch im Rheinland zeigte. Dass es selbst in Düren, das wahrlich nicht über eine nennenswerte nautische Tradition verfügte, einen Flottenbauverein gab, zeige, wie weit die Propaganda das Leben der Menschen durchdrungen habe. „Das Kaiserreich strotzte vor Selbstbewusstsein. Aber gleichzeitig litt es an Minderwertigkeitsgefühlen.“ Eine nicht ganz ungefährliche Mischung.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte im Rheinland eine rege Bautätigkeit ein. „Unsere Region war Aufmarschgebiet“, sagt Konejung. Um militärischen Ansprüchen zu genügen, seien die Bahnhöfe erweitert worden, in Vettweiß entstanden „praktisch über Nacht acht Bahnsteige auf der grünen Wiese“, der Dürener Bahnhof sei „auf Kriegslänge“ ausgebaut worden. Die Venn-Querbahn führte die Eifelbahn in Richtung der belgischen Grenze weiter, auch im Ahrtal wurde Gleiskilometer nach Gleiskilometer verlegt, überall im Rheinland entstanden neue Brücken. „Die Regierung hatte dabei nicht nur Wirtschaftsförderung im Blick“, ist Konejung überzeugt. Zeitgleich entstanden Kasernen, Regimenter wurden vorverlegt. Ganz bewusst setzt Konejung mit seinem Buch weit vor dem Beginn der Kämpfe an. „Der Krieg hatte eine Vorgeschichte“, sagt er. Und die wolle er ebenso erzählen wie die sich an den Krieg anschließende Besatzungszeit.

Welche Auswirkungen der Beginn des Krieges hatte, lässt sich an Fotos aus unserer Region ablesen: Frauen in der Rüstungsindustrie, Kinder im Kriegskindergarten und Männer in Lazaretten und Kriegsgefangenenlagern: Die Bilder zeigen den Kriegsalltag aus vielen Perspektiven. Ob es Kriegsgefangene sind, die in Stolberg in einem Sägewerk arbeiten, oder Züge mit Verwundeten, die täglich durch Düren rollen — der Krieg war kein abstraktes Geschehen in der Ferne.

„Vom ersten Tag an konnten die Menschen den Geschützdonner hören — und die Folgen sehen“, sagt Konejung. Der Autor thematisiert auch deutsche Kriegsverbrechen gegen Zivilisten in Belgien, kurz hinter der Grenze. Und er geht auf die Propaganda ein, die für eine Rechtfertigung sorgen sollte: „Die deutschen Zeitungen druckten Horrorgeschichten von verstümmelten deutschen Soldaten und feindlichen Freischärlern und Saboteuren“, erklärt Konejung. „Die Berichte über vermeintliche Verstümmelungen bildeten den Bodensatz für die Märtyrerideologie der Nationalsozialisten.“

Die Rheinländer haben den Krieg gesehen, gehört und gerochen — doch was haben sie getan, um ihn zu verkürzen? „Es wurde früh klar, dass es keinen schnellen Sieg wie 1870/71 gibt“, sagt Konejung. Da aber ein Großteil der Rüstungsausgaben über private Kriegsanleihen finanziert worden ist, sei ein Großteil der Bevölkerung finanziell eng mit einem Sieg verbunden gewesen. „Es ist eine bittere Realität, aber viele Menschen haben mit der Waffe in der Hand den Shareholder-Value verteidigt“, formuliert es der Autor überspitzt: „Die Menschen haben die Augen vor der Realität verschlossen.“

Und die Erinnerung ist heute fast verblichen. Während in Belgien, Frankreich und England der Erste Weltkrieg als „der Große Krieg“ fester Bestandteil der Erinnerungskultur sei, „haben wir es in Deutschland beinahe verschlafen, dass sich der Beginn des Kriegs 2014 zum 100. Mal jährt“, sagt Konejung: „Mit dem Ersten Weltkrieg nahm der schreckliche Verlauf der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen konkreten Anfang.“ Umso wichtiger sei es, die Sprachlosigkeit zu überwinden.