Aachen: Den belgischen Widerstand unterschätzt

Aachen : Den belgischen Widerstand unterschätzt

Belgien war in den Köpfen des deutschen Generalstabs längst erledigt, als die ersten sechs Brigaden am 4. August 1914 das kleine Nachbarland von Aachen, Eupen und Malmedy aus überfielen haben. Eine Woche hatten die Militärstrategen des Reichs für Belgien eingeplant, vielleicht neun Tage.

So lange, wie man vor 100 Jahren eben brauchen könnte, um möglichst widerstandslos bis zur französischen Grenze im Norden zu marschieren. Die sechs Brigaden sollten dafür sorgen, dass der Weg für die Hauptstreitmacht in Richtung Frankreich, die sich eine Woche später aus dem Raum zwischen Aachen und Prüm auf den Weg machte, frei war. Dass es in Belgien ernsthafte Probleme geben könnte — undenkbar. Zehn Tage später war absehbar, dass der große Schlieffenplan, der einen Sieg über Frankreich innerhalb von 42 Tagen vorsah, nicht funktionieren würde.

Die Dicke Bertha im Einsatz: Im belgischen Fort Loncin gibt es eine Abbildung des Geschützes in Originalgröße. Foto: Guido Jansen

Der deutsche Angriff war in Belgien steckengeblieben, dem Land, durch das die Armee nur durchziehen sollte. Für das Kaiserreich bedeutete der Überfall auf Belgien eine erste herbe Niederlage in einer Reihe von vielen, die im Ersten Weltkrieg noch folgen sollten. Für Belgien ist der August 1914 eine nationale und kollektive Katastrophe, die bis heute nachwirkt. Die Erinnerung an die Massaker ist noch wach. Die ob des Widerstands frustrierte deutsche Armee hat Tausende belgischer Zivilisten hingerichtet.

Beton-Festungen

„Es gibt die Erzählung von dem belgischen Gendarm in Gemmenich, der den deutschen Soldaten am 4. August zugerufen haben soll: C‘est la Belgique ici. Das hier ist Belgien“, sagt Herbert Ruland, Historiker an der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien. Ob dieser Gendarm ein Vorposten des erbitterten belgischen Widerstands war oder schlicht der Meinung, dass sich die Deutschen, die noch wenige Wochen zuvor als Freunde und Nachbarn galten, verlaufen hätten, lässt sich nicht mehr klären.

Eine Woche nach dem Beginn der West-Offensive waren die Deutschen nur 50 Kilometer weit gekommen. Statt in Frankreich gegen Franzosen zu kämpfen, hing die Speerspitze an den zwölf Beton-Festungen um Lüttich fest.

Am 7. August feierte die deutsche Presse die Eroberung von Lüttich, zeitlich ganz im Fahrplan des Schlieffenplans. Dass die belgischen Soldaten die Stadt größtenteils schnell aufgegeben hatten, dafür aber die zwölf Festungen rund um Lüttich völlig intakt waren und der Weg für die 1. und 2. Armee damit weiterhin versperrt blieb, wurde verschwiegen. Es dauerte bis zum 16. August, bis der Weg an Lüttich vorbei frei war. Mindestens eine Woche zu spät.

Freigeschossen hatte ihn unter anderem die Dicke Bertha, die Wunderwaffe der Deutschen. Eines der Mörser-Geschütze, die mit den 700.000 Soldaten der 1. und 2. Armee eigentlich durch Belgien transportiert und gegen die Franzosen zum Einsatz kommen sollte, wurde am 10. August außerplanmäßig am Herbesthaler Bahnhof kurz vor der belgischen Grenze demontiert, von der Schiene auf 51 Wagen geladen, gen Lüttich transportiert und wieder zusammengesetzt.

Am 15. August traf diese Dicke Bertha mit einem ihrer über 800 Kilogramm schweren Geschosse das Munitionsdepot des massiven Fort Loncin im Nordwesten Lüttichs. Die Explosion riss einen gewaltigen Krater in die Betonfestung und 350 belgische Soldaten in den Tod.

Die Deutschen hatten Lüttich genommen, aber wertvolle Zeit verloren. Zeit, die die Gegner nutzten. Belgische Widerständler sabotierten weiterhin Brücken, Tunnel und Schienen, die französisch-englische Front konnte sich formieren. Der Schwung des deutschen Angriffs, schon um Lüttich deutlich gebremst, kam im Spätherbst 1914 im belgischen Nordwesten kurz vor der Nordsee und der französischen Grenze bei Ypern zum Erliegen. Der Stellungskrieg begann teils noch auf belgischem Boden, über einem Monat nach dem Zeitpunkt, zu dem Frankreich laut Schlieffenplan besiegt sein sollte.

„Es zeugte von einer gewissen Blauäugigkeit, nach dem Schlieffenplan vorzugehen“, sagt der RWTH-Historiker Rüdiger Haude. „Der deutsche Generalstab hat nicht mit dem belgischen Widerstand gerechnet und nicht damit, dass die russische Mobilmachung so schnell abläuft.“ Als Folge des Überfalls auf Belgien steckten das Deutsche Reich und Österreich/Ungarn in einem Zweifrontenkrieg zwischen Frankreich und Russland, in den auch England auf Seiten der Gegner eingriff.