Neue Schutzmaßnahmen: Dem Wolf soll der Appetit auf Schafe vergehen

Neue Schutzmaßnahmen : Dem Wolf soll der Appetit auf Schafe vergehen

Der Wolf polarisiert. Viele haben seine Rückkehr in die Eifel mit Freude erwartet. Andere sind skeptisch, lehnen den Beute­greifer ab. Oft kommen alte Ängste vor dem Wolf hoch. Nicht selten werden sie auch gezielt geschürt – von Boulevardmedien oder Interessengruppen.

Wie viele frei lebende Wölfe gibt es inzwischen in Deutschland?

Es liegen nur Schätzungen vor. Seriöse Annahmen sprechen von 70 bis 75 Rudeln mit Nachwuchs und von mehreren Dutzend Wolfspaaren ohne Jungtiere. Daneben gibt es eine ganze Reihe von standorttreuen Einzelwölfen sowie von jungen Wanderern, die auf der Suche nach einem eigenen Revier sind. Insgesamt dürfte die Zahl der frei lebenden Wölfe in Deutschland bei rund 1.000 Individuen liegen – Tendenz steigend. Aufgrund der Welpen-Sterblichkeit schwankt der Wolfsbestand über das Jahr hinweg. Offiziell gezählt werden sie, bevor die Welpen des neuen Jahres geboren sind. Das Hauptverbreitungsgebiet der Wölfe sind die Bundesländer Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen. In Nordrhein-Westfalen haben sich laut Landesumweltministerium mittlerweile drei Wölfe fest angesiedelt. In der Senne und am Niederrhein sind es Fähen. In der Eifel ist es erstmals ein Rüde. Daneben streifen derzeit ein bis zwei weitere Wölfe auf Reviersuche durch NRW. Ob sie im Land bleiben ist ungewiss.

Woher stammt der Wolf aus der Eifel?

Viel ist über das Tier noch nicht bekannt. Vermutet wird, dass es sich bei GW926m – so seine offizielle Bezeichnung – um einen jungen Rüden handelt. Möglicherweise stammt er aus einem niedersächsischen Rudel. 2018 wurde er im Kreis Kleve am Niederrhein nachgewiesen. Hier riss er zwei Schafe. In der Eifel ist das Tier wahrscheinlich seit mehreren Monaten ansässig. Öffentlich fiel er im Raum Monschau erstmals Mitte April durch einen Nutztierriss in der Nähe der Ortschaft Mützenich auf. Inzwischen gibt es von ihm vier gesicherte Nachweise.

Wo genau lebt der Eifeler Wolf?

Wölfe halten sich meist in einem rund 200 Quadratkilometer großen Kerngebiet auf. Wo genau das Areal von GW926m liegt, gibt die Landesregierung nicht bekannt. Dadurch soll das Tier geschützt werden. Allerdings verlassen Wölfe bei der Beutesuche immer wieder ihr Kerngebiet. Die Landesregierung trägt dem Rechnung, indem sie das Wolfsgebiet großflächig auf mehr als 500 Quadratkilometer angelegt hat. Zwecks Herdenschutz wird dort Weidetierhaltern ab sofort die Anschaffung von Elektrozäunen finanziert. Gleiches gilt für Schäfer in der vom NRW-Umweltministerium ausgewiesenen Pufferzone. Hier ist das Auftauchen des Wolfs eher unwahrscheinlich, auszuschließen ist es allerdings nicht.

Wovon ernähren sich Wölfe?

Die Tiere sind hochspezialisierte Beutegreifer, die fast ausschließlich Paarhufer jagen. Auf ihrem Speiseplan stehen vor allem Rehe, Rotwild und Wildschweine. Um satt zu werden, braucht der Wolf etwa ein Reh pro Woche. Der Bestand dieser Beutetiere ist durch den Caniden nicht gefährdet. Das gilt gerade für die Eifel, die anders als früher heute sehr wildreich ist. Doch nicht nur deshalb findet der Wolf hier ideale Lebensbedingungen. Ihm kommt zudem entgegen, dass es in der Eifel neben ruhigen Rückzugsräumen auch ausreichend Wasser und genügend Freiflächen gibt, die Wölfe bei der Jagd lieben. Eng wird es hingegen für Mufflons. Gegen Wölfe können sie sich kaum verteidigen. Anders als der Wolf gehören diese Bergziegen allerdings nicht zur ursprünglichen Fauna unserer Region. Sie wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland zu Jagdzwecken ausgewildert.

Wie häufig töten Wölfe Weidetiere?

Untersuchungen belegen: Der Anteil von Weidetieren an der Beute der Wölfe ist sehr gering, liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. Trotzdem kann es immer wieder dann zu „Übergriffen“ kommen, wenn Schafe und Ziegen oder auch Gehegetiere wie Damhirsche nicht ausreichend geschützt sind. In der Regel trifft es aber Schafe. Denn die hochintelligenten Wölfe lernen sehr schnell. Ungeschützte Schafe sind für sie leichte Beute. Deshalb besteht die Gefahr, dass sich Wölfe immer wieder an Weidetiere heranmachen, wenn sie einmal auf den Geschmack gekommen sind. Andererseits lernt ein an die bequeme Beute Schaf gewöhnter Wolf auch schnell wieder um. Trifft er auf ausreichend gesicherte Schafe – etwa durch einen bodendichten Elektrozaun oder Herdenschutzhunde -, dann konzentriert er sich wieder auf seine eigentliche Beute: Reh, Wildschwein und Hirsch.

Was geschieht, wenn ein Weidetier vom Wolf gerissen wird?

Der Halter wird finanziell entschädigt. Die Höhe der Zahlung ist vom wirtschaftlichen Wert des Tieres abhängig und variiert je nach Rasse. Festgelegt wird sie von der unteren Veterinärbehörde. Entschädigt werden auch Risse von Wölfen, die bei einem Jagdzug als Grenzgänger nach Deutschland kommen – beispielsweise aus Belgien. Dort hat sich im Hohen Venn inzwischen ein Wolfspaar fest angesiedelt.

Die Landesregierung wird im Wolfsgebiet Eifel künftig die Anschaffung von Elektrozäunen finanzieren. Reicht das Förderprogramm, um Schafe vor dem Wolf wirksam zu schützen?

Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nie. Das weiß natürlich auch Umweltministerin Heinen-Esser. Trotzdem setzt sie große Hoffnungen in die Elektrozäune. „Wir müssen dem Wolf sehr früh beibringen, dass er Schafe in Ruhe lässt“, sagt die Politikerin und betont: „Er wird das sehr schnell lernen, wenn die Zäune auch tatsächlich unter Strom stehen, tags wie auch nachts.“ Allerdings fördert das Land nur die Anschaffung der Elektrozäune. Für deren Unterhalt können Weidetierhalter Gelder aus dem Programm „Gemeinsame Agrarpolitik“ (GAP) der EU beantragen. Derzeit werden zudem bundesweit Unterstützungs-Lösungen innerhalb der Landwirtschaft im Programm GAK entwickelt. Ein Problem sieht Heinen-Esser in der Förderhöhe. Die EU hat sie pro Weidetierhalter auf 20.000 Euro in drei Jahren beschränkt. „Für kleinere Schafhalter reicht das sicherlich aus, für die Besitzer größerer Herden könnte es hingegen zu wenig sein“, so die Ministerin. „Wir werden deshalb kurzfristig bei der EU-Kommission beantragen, die Deckelung aufzuheben.“ Auch den Einsatz von Herdenschutzhunden hält Heinen-Esser für wünschenswert. Die Kosten für deren Anschaffung und Ausbildung sind allerdings sehr hoch. Pro Hund erreichen sie schnell 5000 Euro. Weidetierhaltern außerhalb der Wolfsgebiete diese Kosten aus der Landeskasse zu erstatten, sei momentan rechtlich nicht möglich. Heinen-Esser verweist deshalb auf ein gemeinsames Förderprogramm der Stiftung NRW und des Nabu. „Das ist ein Anfang“, sagt die Ministerin. Insgesamt sieht das Budget ihres Hauses rund eine Million Euro für das Wolfsmanagement vor.

 Umweltministerin Ursula Heinen-Esser hat keine Angst vor dem Wolf. Foto: dpa/David Schwarz

Was geschieht, wenn Wölfe alle Schutzmaßnahmen überwinden und Schafe reißen?

Der Wolf ist streng geschützt. Eine von der Bundesregierung geplante Gesetzesnovelle sieht jedoch vor, dass bei wiederkehrenden Schäden „im engen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang“ Wölfe abgeschossen werden dürfen, auch wenn nicht konkrete Einzeltiere als Verursacher ausgemacht werden können. Artenschützer befürchten deshalb, dass Wölfe so lange geschossen werden, bis es keine Schäden mehr gibt. „Uns betrifft das derzeit nicht“, betont Esser-Heinen. Sollte aber in NRW tatsächlich einmal ein Wolf wiederholt geschützte Schafe attackieren, gebe es im Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz „ausgezeichnete Experten“, die darüber entscheiden, ob das Tier getötet werden muss. „Eine solche Tötung kann und darf nur gesetzeskonform zum Bundesnaturschutzgesetz und damit zur FFH-Richtlinie erfolgen“, betont Heiner-Esser.

Mit welchen weiteren Maßnahmen will das Umweltministerium Weidetierhalter unterstützen?

Heinen-Esser schwebt eine Naturschutzprämie für Weidetierhalter vor. „Ihre Höhe soll sich nicht an der Kopfzahl der gehaltenen Tiere orientieren, sondern an der ökologischen Leistung, die Schäfer erbringen“, sagt die Ministerin. Die Details dieses Modells müssen im Umweltministerium noch erarbeitet werden. Doch Heinen-Esser betonte: „Aufgrund der durch die Rückkehr des Wolfs erforderlichen Herdenschutzmaßnahmen stehen Weidetierhalter in betroffenen Regionen zusätzlich unter Druck. Deshalb wollen wir sie finanziell weiter entlasten.“

Die Jägerlobby drängt darauf, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Wie steht das NRW-Umweltministerium zu diesem Ansinnen?

Die Haltung von Ursula Heinen-Esser ist eindeutig: „Was die Jagdverbände damit bezwecken, ist mir nicht ganz klar. Ich jedenfalls lehne die Aufnahme ab.“ Einige Experten vermuten, dass viele Jäger im Wolf einen Konkurrenten sehen. Denn in Revieren, in denen der Wolf aufgetaucht ist, sind seine klassischen Beutetiere – also Rehe, Hirsche und Wildschweine – deutlich vorsichtiger. Sie zu erlegen, ist für Jäger schwieriger geworden. Deshalb fürchten manche Waidmänner, die Erlöse aus ihrer Jagdpacht könnten sinken.

Sind Wölfe für den Menschen gefährlich?

Nein. Wölfe sind extrem scheue Tiere. Zwar haben sie keine Probleme mit menschlichen Strukturen. Wölfe folgen auf ihren Wanderungen durchaus auch Straßenverläufen, überqueren Autobahnen oder streifen an Hauswänden entlang. Doch sobald sie auf Fußgänger treffen, ergreifen sie die Flucht. Vor allem sind Wölfe sehr geräuschempfindlich. Deshalb weisen Experten immer wieder darauf hin: Wenn jemand tatsächlich einmal eine Wolfsbegegnung hat und sich vor dem Tier fürchtet, reicht es, Krach zu schlagen. Isegrim sucht dann schnell das Weite.

Warum halten sich in der Bevölkerung trotzdem Ängste?

Jeder kennt das alte Märchen von Rotkäppchen. Es prägt bis heute. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit hatte die Angst auch durchaus seine Berechtigung. Damals nämlich waren viele Wölfe mit Tollwut oder Räude infiziert. Durch diese Krankheiten wurden sie für den Menschen gefährlich. Tollwut ist heute aber zumindest in Mitteleuropa ausgerottet. Ängste auslösen kann ein Wolf, wenn er seine natürliche Scheu abgelegt hat und sich dem Menschen nähert. Die Hauptursache: Mehrfach ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass Wölfe angefüttert wurden. Beispielsweise von Menschen, die die Tiere unbedingt aus der Nähe betrachten oder möglichst spektakuläre Bilder von ihnen machen wollten. Als Problemfälle gelten zudem Hybriden – also Hund-Wolf-Mischlinge. Auch sie können die Scheu vor dem Menschen verloren und werden deshalb geschossen. „Für uns hat die Sicherheit der Bevölkerung oberste Priorität“, betont Heinen-Esser. Gleichzeitig warnt sie vor irrationalen Ängsten: „Seit der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland hat es keinen dokumentierten Fall gegeben, in dem sich ein Tier dem Menschen gegenüber aggressiv verhalten hat. Ich persönlich mache mir bei einer Begegnung mit einem Wildschwein oder einem herrenlosen Hund deutlich größere Sorgen.“

Was will das Umweltministerium gegen Ängste vor dem Wolf tun.

In erster Linie versucht sie aufzuklären und zu informieren. Deshalb organisiert das Ministerium immer wieder Bürgerveranstaltungen. Gleichzeitig hat das Landesumweltamt im Internet ein Wolfsportal eingerichtet (www.wolf.nrw). Dort sind die neuesten Meldungen zu den Wölfen in NRW zusammengefasst. Es können auch Wolfssichtungen über die Seite gemeldet werden. Das Portal www.wolf.nrw enthält aktuell zudem Angaben zu allen Wolfsgebieten und Pufferzonen in NRW, beispielsweise zum neuen Wolfsgebiet Eifel-Hohes Venn (www.wolf.nrw/wolf/de/management/wolfsgebieteifel-hohesvenn)