Eupen: Das zweite Leben der Margarethe Schreinemakers

Eupen: Das zweite Leben der Margarethe Schreinemakers

Seit Margarethe Schreinemakers tot war, weiß sie, wie schön das Leben ist. „Seit ich tot war.“ Schreinemakers sagt diesen Satz wieder und immer wieder. Denn seit sie tot war, ist kaum ein Tag vergangen, an dem sie nicht über ihr Leben und den Moment, der es für immer verändern sollte, nachgedacht hat.

In diesem entscheidenden Moment ist sie klinisch tot: Die ehemalige Fernsehmoderatorin joggt am 1. März 2009 mit ihrem zwölf Jahre jüngeren Lebensgefährten Jean-Marie Maus im Wald, als ihr Herz plötzlich versagt. Acht Minuten steht es still — eine medizinische Ewigkeit. Jean-Marie rettet ihr Leben: Er alarmiert sofort den Notarzt und überbrückt die kritischen Minuten durch eine Herz-Lungen-Massage — mustergültig und mit dem Mut der Verzweiflung.

Der Rest liest sich wie eine Promi-Geschichte aus der Feder eines Klatschreporters: Schreinemakers wird überraschend schnell wieder gesund, heiratet ihren geliebten Retter und lebt mit ihm, ihren beiden Söhnen und mittlerweile sechs Hunden plus „Enkelhündin“ Nelly — die kleine Hündin ihrer Kinder, die sie zeitweilig mitbetreut — ein glückliches Leben in ihrem traumhaften Anwesen im ostbelgischen Eupen. Doch die Realität sah zeitweise anders aus.

Schnitt. Eine Szene aus dem vierten Tag im zweiten Leben der Margarethe Schreinemakers: Die vergangenen Stunden seit dem Herzstillstand hat die gelernte Journalistin im Aachener Uniklinikum wie in Trance verbracht, „vollgepumpt mit den schönsten Dingen der modernen Intensivmedizin“, dem Leben auf sonderbare Weise entrückt. „Menschen habe ich in dieser Zeit wie durch ein Fernglas wahrgenommen.

Es schien mir, als könnte ich aus dem Fenster schauen und mein Leben beobachten“, erinnert sich Schreinemakers. Plötzlich aber dringen Worte zu ihr durch, die sie schlagartig zurück in die Realität versetzen: „Wenn Frau Schreinemakers ihr Kurzzeitgedächtnis nicht binnen 48 Stunden wiedererlangt, dann müssen wir bei Gericht eine Vormundschaft beantragen“, hört sie eine Stimme sagen. „Ich bekam Panik, sah schon Psychiatrie-Bilder wie aus ‚Einer flog über das Kuckucksnest’ vor meinem geistigen Auge.“

Schreinemakers ist wieder hellwach. Die heute 57-Jährige kämpft sich zurück ins Leben, treibt weiter viel Sport und sucht neue Aufgaben — sie entwirft unter anderem farbenfrohe Art-déco-Möbel. „Es ging mir gut; viel zu gut“, sagt sie heute.

Ein halbes Jahr lang währt das Glück. Als ein enger Freund im Alter von nur 47 Jahren an einem Herzinfarkt stirbt, kommt die Angst mit aller Macht zurück — Todesangst. Was wäre, wenn? Wenn ihr Herz wieder stillstünde und diesmal niemand da wäre, der helfen könnte? Schreinemakers zieht sich mehr und mehr zurück, traut sich bald nicht einmal morgens alleine zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen. „Immer wieder bin ich tausend kleine und größere Tode gestorben.“

Wenn sie doch einmal das Haus verlässt, wird es prompt gefährlich: Schreinemakers ist auf der A4 bei Aachen unterwegs und will gerade einen Lastwagen überholen, als ihr Herz scheinbar verrückt spielt. Mit letzter Kraft steuert sie einen Parkplatz an, Menschen springen zur Seite, der Notarzt wird verständigt.

Die Autobahnpolizei ist noch schneller vor Ort. „So ein großer, etwas kräftigerer Beamter — ein ganz einfühlsamer Mensch — hat lieb meine Hand getätschelt und mir dann in feinstem Öcher Platt eröffnet, dass ich wahrscheinlich doch bloß eine Panikattacke hätte.“ Panikattacken? Schon oft hat sich die Moderatorin in ihren Fernsehsendungen mit dem Thema befasst, nun ist ihr mit einem Mal klar: „Ich brauche eine Therapie.“

Schnitt. Das zweite Leben der Margarethe Schreinemakers, Teil zwei: Wo zum Teufel steckt Nelly? Gerade hat sich der Mallorca-Mischling noch reichlich verräterisch die Schnauze am Plüschsofa geputzt, nun ist die kleine Diebin verschwunden. Lautes Fluchen dringt aus der Küche. Dort hat sich Nelly soeben von allen unbemerkt über einen belgischen Reisfladen und mehrere belegte Brötchen hergemacht und sich danach wiederholt auf den Küchenboden übergeben. „Unsere hinterhältige Fressmaschine“, schmunzelt Schreinemakers ein wenig gequält. Doch am Ende überwiegt die Sorge um die sprungkräftige kleine Hündin mit dem großen Appetit und der ausgeprägten diebischen Ader.

Mit ihrem Rudel ehemaliger spanischer Heimhunde („meine Tabletten auf vier Beinen“) lebt die TV-Ikone der 90er in ihrem schmucken Anwesen am Rande der Eupener Unterstadt. Inmitten eines parkähnlichen Gartens gelegen, bietet ihre Villa herrliche Ausblicke auf die Weiten des Hertogenwaldes. Eingerichtet hat die Wahl-Belgierin das Haus überwiegend mit selbst entworfenen Möbeln aus der eigenen Kollektion.

Schreinemakers geht es gut, das sieht man ihr an. Sie hat eine Verhaltenstherapie gemacht und gelernt, mit der Angst zu leben. „Ich bekomme gelegentlich immer noch Panik­attacken. Inzwischen weiß ich allerdings gut, wie ich damit umgehen muss“, sagt sie selbstbewusst.

Ihr Motto: „Offenheit verkleinert die Angst. Steh’ zu dir, wenn es dir schlecht geht und lass’ es andere wissen. Es ist keine Schande, seelisch erkrankt zu sein!“ Mit dem tabubehafteten Thema geht die einstige Quasselstrippe der Nation ganz offen um. Zuletzt plauderte sie vor gut einem Jahr bei Markus Lanz im ZDF unbefangen über ihr Leben mit der Angst — in einer Sendung, in der man eigentlich über ihre neue Möbelkollektion sprechen wollte. „Es ergab sich einfach so.“

Der Talkshowauftritt wird unverhofft zum Startschuss für ein neues Projekt: Schreinemakers schreibt ein Buch. „Nach der Sendung habe ich unglaublich viele E-Mails bekommen, darunter einen ergreifenden Lebensbericht eines völlig verzweifelten Menschen. Der junge Mann, ein zweifacher Familienvater, hatte am Morgen eine vernichtende Diagnose wegen einer Herzerkrankung erhalten, die er bis zu dem Tag nicht einmal bemerkt hatte.

Das Ergebnis verschwieg er zunächst seiner Frau, weil er die passenden Worte für ein mögliches Todesurteil einfach nicht im Beisein der kleinen Kinder finden konnte. Er musste voller Angst warten, bis er in Ruhe mit seiner Frau reden konnte“, erzählt Schreinemakers. Sie lässt sich die Krankenakte des Mannes schicken, zeigt sie einem Spezialisten, schreibt ihm lange ­E-Mails. Das Ergebnis: So schlimm wie befürchtet ist die Erkrankung nicht; dem Mann kann schließlich geholfen werden.

„Mir hat dieser vertrauliche Austausch zweier Menschen, die sich zuvor nicht gekannt haben, schließlich gezeigt, dass meine Geschichte und meine Erfahrungen vielen Menschen tatsächlich etwas Mut machen könnten.“ So ist ihr Buch, das in der kommenden Woche erscheint, ein gnadenlos positives Bekenntnis zum Leben, zur Liebe, zum Glück — eine Art „Anleitung zum Aufstehen für all jene, die das Leben in die Knie gezwungen hat“.

Enttäuscht wird dagegen, wer eine süffisante Abrechnung mit der Unterhaltungsbranche erwartet. „Mit meiner TV-Geschichte bin ich in Frieden durch. Ich trage nichts nach. Das verbittert doch nur das Herz und das wunderschöne Leben, und es ändert ja auch nichts. Gelebt ist gelebt“, sagt Schreinemakers dazu.

Zu negativ, zu unrealistisch, zu sehr auf Effekt bedacht und weniger am wirklichen Leben orientiert, erscheinen ihr hingegen die meisten aktuellen Formate. Eine ursprünglich geplante Rückkehr auf den Bildschirm wird es wohl — auf absehbare Zeit — nicht geben. Seit Margarethe Schreinemakers tot war, weiß sie nämlich auch, dass das Leben zu kurz ist, um es an Dinge zu verschwenden, die einfach keine Freude machen.