Tödlicher Unfall auf der L240 in Alsdorf: Das Zufallsopfer, das einfach weiterlebt

Tödlicher Unfall auf der L240 in Alsdorf : Das Zufallsopfer, das einfach weiterlebt

Am 3. Januar wartete Gerhard Hagedorn in einem BMW an einer roten Ampel in Alsdorf. Ein Golf raste mit 140 km/h in sein Heck, nun ist er querschnittsgelähmt. Die ermutigende Geschichte von einem, der sich über sein zweites Leben freut.

Hagedorn hatte in seinem Leben zwei Mal großes Glück, das erste Mal 2008, da hatte er gerade seine neue Stelle in einem Schweizer Unternehmen begonnen. Mitglied der Geschäftsleitung, gutes Gehalt, Firmenwagen. Für einen, der bei Krantz in Aachen Industriemechaniker gelernt und später sein BWL-Studium abgebrochen hatte, ein unverhoffter Karrieresprung. Doch am 15. September 2008 wurde die Pleite der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers bekannt, die Weltwirtschaft geriet innerhalb weniger Minuten in eine gewaltige Krise, die kurz darauf die Schweiz erreichte. Hagedorn verlor wie so viele andere seine Stelle, fand aber, anders als viele andere, sofort eine neue in einem gerade gegründeten kleinen Unternehmen in Erkelenz, die sich als noch viel besser erwies als die vorherige.

Organe reißen, Knochen brechen

Am 3. Januar 2019, da hatte Hagedorn das zweite Mal Glück, fuhr er von diesem Erkelenzer Unternehmen aus nach Hause, rief seine Frau an und sagte, er sei gleich daheim. Um 17.44 Uhr hielt er an einer Ampel an der L240 bei Alsdorf-Hoengen. Und um 17.45 Uhr raste Andreas Z. mit einem Golf und 140 Kilometern pro Stunde ins Heck des stehenden BMW von Gerhard Hagedorn. Der Beifahrer von Andreas Z. im Golf starb, Hagedorn fiel in seinem BMW mit gerissenen Organen, einer gebrochenen Wirbelsäule und Herzstillstand ins Koma. Wären nicht ein Berufsfeuerwehrmann aus Eschweiler und seine Frau, eine Krankenschwester, zufällig Zeugen des Unfalls geworden, hätten sie ihn nicht umgehend aus dem BMW geborgen und reanimiert, wäre auch Hagedorn gestorben. Doch er überlebte, schwer verletzt. Bis Ende des Sommers wird er noch im Krankenhaus liegen.

Am Aachener Landgericht begann am 18. Juni der Prozess gegen Andreas Z. (46), er war angeklagt unter anderem wegen Mordes an seinem Ehemann Dirk Z. (43), der am 3. Januar sein Beifahrer gewesen war. Doch die Kameras interessierten sich in erster Linie für Gerhard Hagedorn (48), der zum Prozessauftakt gekommen war. Gleich am ersten Verhandlungstag wurde Hagedorn als Zeuge gehört, obwohl er an den Unfall keine Erinnerung mehr hat. Stattdessen machte er eine erstaunliche Aussage: „Ich wünsche dem Angeklagten nichts Schlechtes, ich habe keine Hassgefühle. Wenn es ihm schlecht geht, geht es mir nicht besser.“ Gerhard Hagedorn, das muss man wissen, ist seit dem 3. Januar querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl.

„Wir brauchen Deinen Kopf“

Der Unfallort an der L240 bei Alsdorf-Hoengen am 3. Januar: Gerhard Hagedorns weißer BMW im Bildhintergrund ist vollkommen zerstört. Mit viel Glück und dank eines Feuerwehrmanns und einer Krankenschwester überlebte Hagedorn den vollkommen unverschuldeten Unfall. Foto: Polizei

Dreieinhalb Wochen lang lag er nach dem Unfall im Koma, nur langsam holten ihn die Ärzte im Aachener Klinikum zurück ins Leben. Die Nachricht, dass er überlebt hatte, aber querschnittsgelähmt bleiben würde, begriff er als „großes Glück“, wie er sagt. Noch bevor er beginnen konnte, es sich anders zu überlegen, meldete sich sein Arbeitgeber: „Gerhard, wir brauchen nicht Deine Beine, wir brauchen Deinen Kopf“, das war das erste, was sein Chef ihm sagte.

Kunden riefen an, die Familie sprach ihm zu, und Hagedorn, schon vor seinem Unfall eher Zupacker als Zauderer, beschloss, nach vorn zu schauen. Sein altes Leben war vorbei, es begann ein neues, noch dazu ein geschenktes, so empfand er es.

Am 14. Februar wurde er in eine Spezialklinik nach Duisburg verlegt, die auf Patienten mit Querschnittslähmung spezialisiert ist. Er sieht dort jeden Tag Menschen, die schlechter dran sind als er selbst, er sieht Menschen, die sich mit ihrer Lähmung nicht abfinden können oder wollen. Es gebe da einen Mann, der nichts anderes tue, als sich über neue Therapieansätze für Querschnittsgelähmte zu informieren. Hagedorn sagt: „Ist das nicht schrecklich?“

Hagedorn möchte keine Zeit darauf verwenden, sich mit dem Pech auseinanderzusetzen, das ihn am 3. Januar zu Andreas Z.s Zufallsopfer machte. Pech ist eine Kategorie, in der er bezogen auf sich selbst nicht denkt. Die Vergangenheit ist vorüber, nur die Zukunft kann er noch beeinflussen. Also lernt er in der Duisburger Klinik die Grundlagen für sein neues Leben. Und während er dort zurück ins Leben findet und sich auf den Wiedereintritt in einen neuen Alltag freut, auf eine neue Normalität, wird in Alsdorf das Haus umgebaut, in dem er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt.

Bitte keine Interviews mehr

Am Freitag, dem Tag der Urteilsverkündung gegen Andreas Z., war Hagedorn wieder am Aachener Landgericht, das erste Mal seit seiner Aussage zum Prozessauftakt im Juni. Die Reise ist beschwerlich, Hagedorn musste schon am Donnerstag von Duisburg aus in ein behindertengerechtes Hotel in der Region transportiert werden, da in seinem eigenen Haus der Umbau läuft, es ist dort noch kein Platz für ihn. Kurz bevor er in den Gerichtssaal rollte, fragten ihn zwei Fernsehjournalistinnen, ob er nach der Urteilsverkündung für ein Interview zur Verfügung stehe. Hagedorn lehnte ab. „Ich kann das Urteil fachlich nicht kommentieren, es steht mir auch gar nicht zu“, sagte Hagedorn. Er werde jedes Urteil akzeptieren.

Rechtsanwältin Nicole Servaty, die an dem Prozess beteiligt war, sagte später, einer wie Hagedorn mit seinem Optimismus sei Vorbild für Tausende andere, denen es ähnlich schlecht geht.

Immer? Immer vielleicht nicht.

Manchmal, wenn der Besuch nach Hause gegangen ist, wenn die Ärzte schlafen und Hagedorn in der Duisburger Klinik mit sich allein ist, beginnt auch er zu hadern und weint stille Tränen. 90 Prozent der Zeit, sagt er, bleibe er positiv und schaue nach vorn.

Welcher Schluss passt am besten?

Wäre es anders, würde Hagedorn der Zeit vor dem Unfall nachtrauern, könnte man diesen Artikel mit der Feststellung beenden, dass Andreas Z. nach der Verbüßung von zwei Dritteln seiner sechsjährigen Haftstrafe, zu der er am Freitag verurteilt wurde, wahrscheinlich auf Bewährung aus der Haft entlassen wird. Das wäre im Januar 2023. Hagedorn hingegen bleibt für den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt. Das wäre ein bitterer Schluss.

Aber zu dem Pragmatiker, der Hagedorn ist oder sich bemüht zu sein, passt ein solcher Schluss nicht. Also, anderer Schluss:

Hagedorn hat in der Klinik einen Mann aus Monschau kennengelernt, der vor einigen Monaten mit ein paar Freunden Urlaub in Italien gemacht hat. Die Männer waren mit Motorrädern unterwegs, und als sie durch die Berge fuhren, verlor eine Gams am Abhang eines Berges den Halt. Die Gams stürzte in die Tiefe und fiel dem Motorradfahrer aus Monschau in den Nacken, der nun, wie Hagedorn, querschnittsgelähmt ist. Hagedorn atmet tief ein, nachdem er die Geschichte erzählt hat, hebt die Hände und lässt sie auf seine Oberschenkel fallen.

Er sagt: „Was für ein Pech kann man haben, ist das zu fassen?“

Kaum mehr Pech, als er selbst gehabt hat.

Aber davon will Hagedorn nichts wissen und lächelt die Feststellung einfach weg.

(dpa)
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