Industrieller Bergbau in der Region: Das schwarze Gold kennt keine Grenzen

Industrieller Bergbau in der Region : Das schwarze Gold kennt keine Grenzen

Die sichtbaren Zeugnisse aus gut 150 Jahren des industriellen Bergbaus in der Region sind rar geworden. Doch es gibt sie noch. Landmarken wie Fördergerüste und Halden verbinden auch jüngere Generationen noch mit einer Industrie, die über Jahrhunderte das Leben der Menschen in der Region prägte.

Daneben finden sich zahlreiche Spuren, die erst auf den zweiten Blick an die lange Bergbau-Ära erinnern – und einiges erzählen über Lebenswirklichkeiten, wie sie auf allen Seiten der Grenzen herrschten. Das Dreiländereck mag durch Grenzen getrennt sein – in seinem Untergrund jedoch war und ist es durch einen ergiebigen Kohlestrang verbunden. Und auch andere Bodenschätze
– Erze – ließen die Menschen in Deutschland, Belgien und den Niederlanden in den Untergrund streben.

Am Anfang stand allerorten allerdings eher ein wildes Graben. Geologische Begebenheiten der Region ließen es zu, dass Steinkohle etwa im Wurmtal oder in der – durch den Aachener Höhensattel getrennten – Indemulde beinahe direkt unter der Oberfläche auftrat. Bereits im 12. Jahrhundert versuchten sich Protagonisten am Abbau, selbst aus dieser Frühzeit sind Spuren erhalten. Wer genau hinschaut, stößt etwa im Wald um Stolberg oder im grünen Umland des belgischen Grenzortes Kelmis auf sogenannte Pinge – Erdvertiefungen, die auf simple Ausschachtungsarbeiten hindeuten. Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhunderts wandelte sich das Grenzland zur waschechten Bergbauregion, „und zwar früher und organisierter als im Ruhrgebiet“, sagt Georg Kehren, Vorsitzender des Vereins Bergbaumuseum Grube Anna in Alsdorf.

Einst prägten die Zechen die Silhouetten von Alsdorf, Herzogenrath, Hückelhoven oder Baesweiler – Städte, die ohne den Bergbau womöglich nie über den Status von Dörfern hinausgekommen wären. „Der Zuzug in die Region war ab Mitte des 19. Jahrhunderts enorm“, sagt Kehren, dessen Verein derzeit die Einrichtung eines Bergbau-Informationszentrums plant. In unmittelbarer Nähe zum Energiemuseum Energeticon soll dort vor allem die regionale Geschichte der Welt der Kumpel erzählt werden. „In diesen frühen Jahren gingen die Menschen über die Grenzen dorthin, wo die Arbeit war. Zechen gab es in unserer Region genug.“

Für ihn zählen etwa auch die ehemaligen Zechensiedlungen zum wichtigsten Erbe der Bergbauzeit. „Man findet sie überall in ehemaligen Bergbauorten. Oft wissen die Leute aber gar nicht unbedingt, wo sie da eigentlich wohnen. Dabei lässt sich dort bis heute viel von der sozialen Wirklichkeit früherer Jahre ablesen.“

Bis 1000 Meter Tiefe

Zieht man einen Radius von rund 50 Kilometern rund um den Dreiländerpunkt, ist der Großteil des grenzübergreifenden und gleichzeitig grenzenlosen Reviers erfasst: Heusden-Zolder, Genk und Hasselt in Belgisch-Limburg, weiter südlich Lüttich, Blegny oder die grenznahen Orte Kelmis und Plombières – einst bekannt für ihre Zinkerz-Vorkommen. Auf dem Gebiet der Niederlande befand sich das ergiebige Abbaugebiet des „Oostelijke Mijnstreek“ mit seinen Zentren Kerkrade, Heerlen und Sittard. An zahlreichen Standorten wurde abgeteuft, wie es im Bergbau-Jargon heißt – im Dreiländer-Revier bis auf rund 1000 Meter Tiefe. Auf allen Seiten der Grenze formte der Bergbau Städte und Landschaften, er brachte Traditionen hervor, die in Hückelhoven ebenso gepflegt werden wie in Brunssum.

„Die Grube war Heimat“, bringt Kehren ein vergangenes Lebensgefühl auf den Punkt. Menschliche Bindungen entstanden, aber auch Abhängigkeiten, wenn Job-Alternativen fehlten oder Wohnraum nur über arbeitgebereigene Bauprojekte verfügbar war.

An die größte Anlage des Aachener Reviers in Alsdorf erinnert heute noch ein Fördergerüst. Ein rares Zeugnis in der Region, auf deutscher Seite sonst nur noch in Hückelhoven zu finden. „Die Grube Anna wird gern als die Mutter des Reviers bezeichnet“, sagt Kehren. Was allein wegen ihrer einstigen Infrastruktur und einer Mitarbeiterzahl von beinahe 7500 zu Hochzeiten kaum zu bestreiten ist. Das eigentliche Aachener Revier beginnt weiter südlich, noch auf dem Gebiet der Stadt Karls des Großen. Im Stadtteil Laurensberg beweisen noch einzelne markante Gebäude die Existenz der Grube Karl Friedrich, wo bis Ende der 1920er Jahre gefördert wurde. Von hier aus erstreckt sich das Revier nordwärts bis nach Hückelhoven – ebenfalls ein zur Stadt gewachsenes ehemaliges Dorf, an dem sich Aufstieg und Fall der Steinkohleindustrie bis heute ablesen lassen. Hier schloss im Jahr 1997 die letzte Zeche des Aachener Reviers nach einem erbitterten Arbeitskampf.

In den Niederlanden war bereits 1974 Schluss mit „Glück auf“: Die Heerlener Grube Oranje Nassau, eine von einst vier staatlichen Minen, war die letzte Anlauf- und Arbeitsstätte für „Mijnwerkers“ im Nachbarland. Von ihr ist ebenfalls ein Förderturm erhalten – mit einem schmucken Fundament. Der sogenannte Malakoff-Turm prägt bis heute das Bild des Stadtzentrums. Optisch erinnert er an eine mittelalterliche Burg, aus der ein stählernes Gerüst ragt. Umgeben von Neubauten auf dem ehemaligen Zechengelände beherbergt der Turm heute ein Museum. „Wir haben großes Glück gehabt, dass dieses Gebäude erhalten ist“, sagt Mitarbeiter Ron Verreussel. „In den Niederlanden hat man in den Jahren nach dem Ende des Bergbaus alles dafür getan, die Spuren zu verwischen.“ Strukturwandel um jeden Preis nennt Verreussel die Tatsache, dass der Süden Limburgs heute eher arm an Erinnerungsorten ist. „Nach der Kohle kam erst einmal nichts, nur Unsicherheit. Der Staat hat versucht, mit dem Verschwinden der Zechen eine neue Richtung vorzugeben“, sagt Verreussel. „Erholt hat sich die Region aber erst seit den 1990er Jahren.“

Neben dem Szenario in Heerlen gibt es allerdings weitere Ausnahmen von der Abrisswut. Im Kerkrader Stadtteil Eygelshoven ist mit dem Förderturm der Zeche Nulland ein architektonisches Kleinod erhalten geblieben – entstanden nach dem Motto: Beton und klare Linien statt Stahlgerippe und brutale Funktionalität. „Die Führungsetagen und Planer hatten durchaus einen Sinn für das Optische“, erklärt der Experte Kehren. „Die Zeche durfte durchaus etwas hermachen. Und immer wieder lassen sich Spuren der jeweiligen Gestaltungsepochen ablesen.“

Aufteilung des Reviers

Erst ab dem 19. Jahrhundert haben politische Grenzen das Bergbaurevier aufgeteilt. Auf belgischem Gebiet entwickelte sich vor allem im Raum Lüttich ein reger Abbau von Steinkohle, der gleich noch eine blühende Stahlindustrie mit sich brachte – und der wallonischen Metropole bis heute den Namen „Cité ardente“ (dt. feurige Stadt) einbrachte. Einige Kilometer östlich der Stadt liegt der Ort Blegny, dessen Zeche als eine der letzten aktiven des Landes im Jahr 1980 geschlossen wurde. Hier bietet sich die in der Region ziemlich einmalige Gelegenheit, ein wenig von der Bergmannsrealität nachzuerleben. Mit dem originalen Förderkorb geht die Seilfahrt 60 Meter in die Tiefe. Ehemalige Kumpel geben dort Einblicke in ihre untergegangene Arbeitswelt, sie erklären mehr als nur die Maschinen, sondern auch das Phänomen Bergmann. Auch Georg Kehren schätzt Zeitzeugenarbeit als hohes Gut. „Wir versuchen, so viel wie möglich an Geschichte durch ihre Geschichten zu erhalten.“

Bergbauarchitektur mit Sinn für Ästhetik: Der Schacht Nulland in Eygelshoven ist durch seine außergewöhnliche Bauweise ein Hingucker. Foto: zva/Alexander Barth

Markante Wassertürme, vergessene Stollen, versiegelte Schächte oder schmucke Gebäude wie die Lohnhalle der Grube Carolus Magnus in Übach-Palenberg: Das Erbe des Bergbaus offenbart sich vielfältig, fristet aber allzu oft eher ein Schattendasein, da sind sich Menschen wie der Heerlener Museumsmitarbeiter Ron Verreussel oder Regionalhistoriker Georg Kehren über Ländergrenzen hinweg einig. In unmittelbarer Grenznähe hat die regionale Bergbauhistorie vor mehr als 200 Jahren sogar einen eigenen Staat hervorgebracht. Ehe die Steinkohle zum höchsten Gut wurde, war das Zinkerz Galmei bereits begehrtes Schürfgut, die Vorkommen traten etwa im Osten Belgiens und ebenso im Stolberger Raum auf.

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft entstand 1816 nach Grenzstreitigkeiten auf dem Gebiet des heutigen belgischen Grenzortes Kelmis für rund 100 Jahre das Zwergterritorium Neutral-Moresnet, Spuren jener Jahre finden sich bis heute. Wie überall im einst grenzenlosen Revier gilt: Man muss sie bloß suchen.

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