Aachen: Das Plastik, die Meere und eine große Idee aus Aachen

Aachen : Das Plastik, die Meere und eine große Idee aus Aachen

In weiten Teilen des Meeres gibt es mittlerweile sechs Mal mehr Plastik als Plankton. Immer wieder verenden Delphine, Schildkröten und andere Meeresbewohner, weil ihnen Kunststoffpartikel den Magen verstopfen oder sie sich in umherschwebenden Plastiktüten verheddern.

Längst landet Plastik auch auf unseren Tellern. Denn Mikroplastik gelangt über Muscheln und Fisch auch in unsere Nahrungskette. Das große Problem ist: Kunststoffe zersetzen sich nicht. Sie überdauern Jahrhunderte und zerfallen mit der Zeit nur in immer kleinere Teile, das sogenannte Mikroplastik (Partikel mit einem Durchmesser unter fünf Millimetern).

Marcella Hansch will das nicht länger mitansehen. Die Architektin und ehemalige RWTH-Studentin hat für ihre Masterarbeit vor fünf Jahren das Projekt „Pacific Garbage Screening“ ins Leben gerufen. Mit einem überdimensionalen Filter möchte sie die Meere vom Plastikmüll befreien. Mit Katharina Menne spricht sie über lebensverändernde Erlebnisse, darüber, dass nicht Plastik schlecht ist, sondern unser Umgang damit und über die Hoffnung, Menschen zum Umdenken zu bewegen.

Frau Hansch, eigentlich sind Sie Architektin. Woher kommt die Leidenschaft für das Meer?

Marcella Hansch: Obwohl ich eher im sauerländischen Wald groß geworden bin, hat mich das Meer immer schon fasziniert. Auf den Plastikmüll im Ozean bin ich dann vor fünf Jahren während eines Tauchurlaubs auf den Kapverden gestoßen. Schon auf dem Flug dorthin habe ich einen Artikel zum Thema „Plastik im Meer“ gelesen, und danach habe ich überall Unmengen von Müll entdeckt. Das war echt krass. Ich habe beim Tauchen fast mehr Plastik als Fische gesehen.

Und das war dann die Initialzündung für Ihre Masterarbeit?

Hansch: Ja, das hat mich einfach schockiert und nachhaltig beeindruckt. Die Erfahrung hat meinen Ehrgeiz geweckt, etwas dagegen zu tun! Also habe ich mich in das Thema eingearbeitet und überlegt, meine Masterarbeit dazu zu schreiben. Es war natürlich überhaupt nicht geplant, dass das so groß wird. Aber meine Familie und Freunde haben mich bestärkt, weiterzumachen.

Das Ergebnis ist eine Plattform, mit der Plastik aus den Tiefen des Ozeans nach oben geholt und dann aufgesammelt werden kann. Wie funktioniert das Prinzip genau?

Hansch: Im Grunde ist es sehr simpel. Die Plattform beruhigt durch ihre Bauweise die Strömung des Meeres an der Stelle, an der sie verankert wird bis in eine Tiefe von etwa 50 Metern. Das ist wichtig, denn nur durch die Verwirbelungen und Strömungen im Meer werden die Plastikpartikel nach unten gezogen — eigentlich würden sie an der Oberfläche schwimmen, da sie leichter sind als Wasser. Sobald die Partikel aufgestiegen sind, können sie dort abgeschöpft werden.

Könnte die Plattform Fischen und anderen Meerestieren gefährlich werden?

Hansch: Nein, unser Ziel ist eben genau das zu vermeiden. Wir wollen ja auf gar keinen Fall mehr Schaden anrichten, als ohne unser Zutun sowieso schon da ist. Das Prinzip der Plattform ist passiv. Es gibt keine Netze. Fische und Meerestiere können durch die Plattform hindurch schwimmen. Um das auch so umsetzen zu können, haben wir Biologen mit im Team und wollen bei der Entwicklung insbesondere auf die Umweltverträglichkeit achten.

Was haben Sie mit dem aufgesammelten Plastikmüll vor?

Hansch: In meinen Augen ist Plastik kein Müll, sondern eine wertvolle Ressource. Das Material basiert auf Erdöl, einem endlichen Rohstoff. Daher wollen wir es nicht verbrennen, was leider viel zu oft passiert, sondern es nachhaltig nutzen und in saubere Energie umwandeln. Das Beste wäre, es so zu recyceln, dass neue biologisch abbaubare Kunststoffprodukte daraus hergestellt werden können.

Das ganze Konzept klingt sehr futuristisch. An welchem Punkt Ihrer Arbeit wurde klar, dass es nicht nur schön aussieht, sondern tatsächlich funktionieren kann?

Hansch: Ich selbst konnte das leider nicht berechnen — das ist im Architekturstudium dann doch eher nicht vorgesehen (lacht). Aber ich habe recht schnell Kontakt zum Institut für Wasserbau an der RWTH aufgenommen und dort wurde mittlerweile bereits in mehreren Abschlussarbeiten simuliert und numerisch berechnet, dass das Konzept mit der Strömungsberuhigung und dem Auftrieb der Partikel funktionieren kann. Wir sind gerade dabei, einen Testaufbau für erste Versuche im Labor auf die Beine zu stellen.

Die mathematischen Fertigkeiten waren bestimmt nicht die einzige fachliche Hürde ...

Hansch: Nein, ich musste mich tatsächlich in ziemlich viele neue Fachbereiche einarbeiten. Ich habe mich mit Biologen und Chemikern unterhalten, mich in Vorlesungen über Kunststofftechnik gesetzt, Skripte über Maschinenbau gelesen, Recycling-Anlagen besichtigt, Dokumentationen über die Entstehung der Ozeane angeschaut, aber auch Bücher von Visionären wie Jules Verne gelesen. Auch deshalb ist das Team, das mittlerweile mit mir am „Pacific Garbage Screening“ arbeitet so interdisziplinär. Wir haben kaum zwei Leute mit demselben fachlichen Hintergrund. Da gibt es Geographen, Bauingenieure, Soziologen, Kommunikationsdesi­gner, Biologen, Marketingspezialisten und viele andere mehr.

Während wir gerade miteinander reden, sind aber schon wieder Tausende Plastikteile ins Meer gespült worden. Eine Hauptanstrengung muss also sein, dass der Müll gar nicht erst in den Meeren landet, oder?

Hansch: Ja, natürlich. Neben der Realisierung der Plattform ist das unser zweites großes Ziel: ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. Die junge Generation muss schon früh lernen, besser mit unserem Planeten umzugehen. Wir haben nur den einen. Erst vor zwei Wochen habe ich bei einer Veranstaltung der EU in Straßburg auf dem Podium gesessen und an die Zuhörer appelliert, dass sich endlich etwas ändern muss. Wir hier in Europa, die wir das Problem erkannt haben, müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Plastik ist kein schlechtes Produkt, aber die Nutzung ist schlecht. Es ist außerdem viel zu billig. Warum sollte ein Veranstalter Gläser spülen, wenn es günstiger ist, Plastikbecher zu verteilen?!

Sie sind viel unterwegs, halten Vorträge und nehmen an Diskussionen teil. Was war das beeindruckendste Erlebnis?

Hansch: Das war definitiv in Indien. Ich war dort an den Universitäten in Neu-Delhi, Bangalore und Mumbai, um Vorträge über mein Projekt zu halten. Zu sehen, dass auch dort langsam ein Umdenken stattfindet und junge Leute Projekte auf die Beine stellen, damit der Müll nicht über die Flüsse irgendwann im Meer landet, das hat mir Mut gemacht.

„Pacific Garbage Screening“ ist nicht das einzige Projekt, mit dem versucht werden soll, die Meere von Plastik zu befreien. Der Niederländer Boyan Slat ist sogar schon einen Schritt weiter. Er ist gerade dabei, sein Konzept vor der Küste San Franciscos zu installieren. Ist das Konkurrenz?

Hansch: Nein, ganz und gar nicht. Ich finde es total klasse, dass es so viele verschiedene Ideen gibt. Jedes Projekt hat einen anderen Fokus. Wir kümmern uns eher um das Mikroplastik, während Boyan Slat die größeren Plastikteile einsammeln will. Die eine eierlegende Wollmilchsau wird es so bald nicht geben, aber wenn alle Ideen ineinandergreifen, können wir es vielleicht schaffen. Einer allein wird die Welt nicht retten können.

Wann soll es denn so weit sein? Wann schwimmt die erste Plattform im Meer?

Hansch: Das ist davon abhängig, wann wir „richtig“ starten können, denn aktuell haben wir nicht die finanziellen Möglichkeiten, einen Prototypen zu entwickeln und zu bauen. Unser erster Plan ist eine Machbarkeitsstudie und verschiedene Modellversuche. Die sollen in den nächsten drei Jahren stehen. Zunächst wollen wir Flüsse in den Blick nehmen und das Plastik abfangen, bevor es überhaupt in die Meere gelangt. Um das zu finanzieren, haben wir pünktlich zum Tag des Meeres am 8. Juni eine Crowd­funding-Kampagne gestartet. Denn ohne die entsprechenden finanziellen Mittel kommen wir nicht weiter. Wir machen das zurzeit noch alle ehrenamtlich neben Studium und Beruf.

Woher nehmen Sie all die Energie?

Hansch: Manchmal frage ich mich das selber (lacht). Aber mir liegt das Projekt einfach am Herzen. Erst vorgestern habe ich eine SMS bekommen von einem Fotografen, für dessen Ausstellung „Meermenschen“ ich mich habe fotografieren lassen. Er hat mich „eine der faszinierendsten Frauen, die er kennt“ genannt, weil ich so sehr für meine Arbeit brenne, ohne dafür Geld zu bekommen. So ein Lob tut einfach gut und da ziehe ich dann wochenlang Energie raus. Oder das Treffen mit der Ozeanografin Sylvia Earle vor Kurzem. Die Frau ist meine Heldin. Sie ist 82 Jahre alt und ist immer noch in der Weltgeschichte unterwegs, um Menschen für den Meeresschutz zu sensibilisieren. Wenn ich in dem Alter noch so energiegeladen bin und eine solche Inspirationsquelle für andere Menschen wie sie für mich, dann habe ich alles richtig gemacht.

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