Aachen/Eschweiler: Das Opfer, das es nie gegeben hat

Aachen/Eschweiler : Das Opfer, das es nie gegeben hat

Zweieinhalb Jahre lang fuhr der Anwalt aus Eschweiler nach München und wieder zurück, hin und zurück 1264 Kilometer. Manchmal fuhr er ein Mal in der Woche, manchmal zwei oder drei Mal. Der Mann war einer der vielen Rechtsanwälte, die im Prozess gegen Beate Zschäpe und die anderen Angeklagten im NSU-Prozess auftraten, der fünf Jahre lang am Oberlandesgericht München lief.

Der Anwalt aus Eschweiler vertrat dort einen der etwa 80 Nebenkläger, also Opfer des NSU und deren Angehörige. Seine Mandantin hieß Meral Keskin, die im Sommer 2004 beim Nagelbombenanschlag in der Keupstraße in Köln verletzt worden war, so stand es auf einem Attest. Doch am 2. Oktober 2015, nach 232 Verhandlungstagen, legte der Eschweiler Anwalt sein Mandat nieder. Der Grund: Die Frau, die er vertreten hatte, hat es nie gegeben.

Der Loveparade-Besucher Marcel N.

Die Aachener Staatsanwaltschaft hat nun Anklage gegen den Rechtsanwalt erhoben, weil sie davon ausgeht, dass der Anwalt noch vor Beginn des NSU-Prozesses gewusst hat, dass es Meral Keskin gar nicht gab. Außerdem bezahlte er einem Vermittler eine Provision, um das Mandat übernehmen zu dürfen, was die Bundesrechtsanwaltsordnung grundsätzlich nicht erlaubt. Die weiteren Vorwürfe lauten Betrug, versuchter Betrug, Beihilfe zum versuchten Betrug, Beihilfe zur Urkundenfälschung und Anstiftung zur falschen Versicherung an Eides statt.

Wie das Aachener Landgericht am Freitag auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte, ist der NSU-Prozess nicht der einzige, in dem der Anwalt eine fragwürdige Rolle spielte. Auch im Prozess um die Loveparade-Katastrophe 2010 in Duisburg, der vergangenen Dezember in Düsseldorf begonnen hat, soll der Anwalt aus Eschweiler versucht haben, als Nebenklagevertreter aufzutreten. Möglicherweise war es kein Zufall, dass der Anwalt versuchte, sich ausgerechnet bei den beiden größten deutschen Strafprozessen dieses Jahrzehnts eine Rolle zuzuweisen.

Marcel N. aus Eschweiler war 2010 in Duisburg bei der Loveparade gewesen, die in einer Katastrophe endete, bei der 21 junge Menschen starben und 541 weitere zum Teil schwer verletzt wurden. 2014 soll der Anwalt aus Eschweiler beim Gericht beantragt haben, Marcel N. für den Fall als Nebenkläger zuzulassen, dass ein Prozess gegen die Verantwortlichen der Katastrophe stattfinden würde. Am 8. Dezember 2017 war es so weit, der Prozess begann; doch Marcel N. war nicht als Nebenkläger zugelassen worden. Während der Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft soll er sich in Widersprüche verstrickt haben, am Ende standen ernsthafte Zweifel, ob Marcel N. überhaupt verletzt worden war. Die Aachener Staatsanwaltschaft glaubt, dass der Eschweiler Anwalt gewusst hat, dass Marcel N. die behaupteten gesundheitlichen Schäden bei der Loveparade überhaupt nicht erlitten hatte.

Noch in einem weiteren Fall soll der Anwalt versucht haben, zu Unrecht ein Nebenklagemandat für den Loveparade-Prozess zu erlangen, doch auch dieses Vorhaben scheiterte. So steht es in der Anklageschrift, wie Richter Daniel Kurth, Sprecher des Aachener Landgerichts, am Freitag gegenüber unserer Zeitung bestätigte.

211.000 Euro aus der Gerichtskasse

In den meisten Strafprozessen spielen die Nebenkläger keine herausragende Rolle, aber gerade längere Prozesse sind für Anwälte, die die Nebenkläger vor Gericht vertreten, eine solide und gut berechenbare Einnahmequelle. Für die ersten zweieinhalb Jahre, die der Eschweiler Anwalt im NSU-Prozess die Frau vertrat, die es nie gegeben hat, erhielt er insgesamt 211.000 Euro aus der Gerichtskasse des Oberlandesgerichts München. Obwohl er sich bis zuletzt dagegen wehrte, wird der Eschweiler das Geld zurückzahlen müssen. Ob das bereits passiert ist oder eine Ratenzahlung vereinbart ist, darf das Gericht nicht mitteilen. Eine diesbezügliche Anfrage unserer Zeitung ließ der Verteidiger des Anwalts, der ebenfalls in Eschweiler tätig ist, bis Freitagabend unbeantwortet.

Nach Auskunft der zuständigen Rechtsanwaltskammer Köln ist der Mann aus Eschweiler immer noch als Rechtsanwalt zugelassen, da bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt. Nach dem Strafprozess in Aachen erwartet den Anwalt noch ein berufsrechtliches Verfahren. Im schlimmsten Fall könnte ein Berufsverbot gegen den Mann ausgesprochen werden.