Aachen: Das neue Leben des Joel Rombey

Aachen: Das neue Leben des Joel Rombey

So konkret waren die Pläne für die Mainacht noch nicht. Vielleicht wollte Joel Rombey etwas mit seiner Mutter unternehmen, vielleicht kam noch eine Einladung von Freunden. Er weiß noch nicht, was er an dem Tag macht, den er als seinen 5. Geburtstag bezeichnet.

In der Mainacht 2013 sprang der damals 17-Jährige übermütig kopfüber in einen kleinen Teich an der Mies-van-der-Rohe-Schule in Aachen. Sein ganzes Leben hat sich in ein paar Millisekunden verändert. Seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt. Tetraplegiker. Die Muskeln sind nicht mehr kontrollierbar, die Nervenenden sind gereizt, Schmerzen kommen ohne Vorwarnung, das vegetative Nervensystem ist gestört, er friert selbst im Sommer. Das Immunsystem ist anfällig, es drohen Lungenentzündung und Infekte. Das Tempo ist aus dem Körper des ehemaligen Sportlers gewichen.

Der fünfte Geburtstag

Trifft man ihn kurz vor seinem fünften Geburtstag, erlebt man einen sehr klaren, positiven Menschen, der mit bewundernswerten Elan sein neues Leben angeht. „Ich bin viel weiter, als ich mir jemals habe erträumen lassen“, sagt der 22-Jährige. Manchmal schaut er sich noch die Bilder von der Intensivstation auf seinem Handy an, man glaubt die vielen lebenserhaltenden Maschinen immer noch piepsen zu hören.

Damals hat er sich nicht einmal vorstellen können, wieder alleine zu atmen oder auch nur im Rollstuhl sitzen zu können. Jetzt sitzt er als Student der Psychologie in seiner eigenen Wohnung, organisiert sein eigenes Helferteam, schmiedet wie jeder 22-Jährige Pläne. Joel Rombey sagt, dass er dankbar ist. Das ist ein bemerkenswerter Satz für jemanden, dessen Leben so aus den Fugen geraten ist. Dankbar für viele Freunde, die geblieben sind, dankbar für die intensive Begleitung durch seine getrennt lebenden Eltern. „Diese extreme Bindung hat uns gerettet.“

Gesundheitlich bleibt die Lage kritisch, sagt er. Er bekommt ein Langzeitantibiotikum, um die permanenten Infekte in den Griff zu bekommen. Darauf reagiert eine Niere, die nur noch zu 27 Prozent leistungsfähig ist. Es droht die nächste Operation, im Extremfall sogar der Verlust. Von den letzten fünf Jahren hat er addiert mindestens zwölf Monate in unterschiedlichen Krankenhäusern gelegen. Das letzte Jahr war sehr anstrengend, sagt er. Er hat eine lebensbedrohliche Operation an der Wirbelsäule gut überstanden.

Training für Körper und Kopf

Der Ehrgeiz war schon immer sein Begleiter. „Meine Bestätigung fand ich in guten Schulnoten und im Sport.“ Aus dem Sport ist der Reha-Sport geworden, viermal in der Woche arbeitet er an der Beweglichkeit seiner Schultern und Arme, in seinem Zimmer hängt auch ein kleiner Punchingball. Mindestens genauso intensiv trainiert er seinen Kopf. „Meine Stärke konzentriert sich jetzt auf den Geist, den kann man weiterentwickeln.“

Schon während der Reha nach seinem Unfall entstand die Idee, Psychologie zu studieren. Die Wissenschaft beschreibt und erklärt menschliches Erleben und Verhalten, Dinge, mit denen sich der junge Mann sehr intensiv beschäftigt. Er hat dann ein bemerkenswertes Abitur mit der Note von 1,5 auf der Heinrich-Heine-Gesamtschule geschafft. Auch da gab es vorab viele Widerstände zu überwinden, denn nur diese Schule wollte ihn aufnehmen. Alle anderen winkten überfordert ab. Seit vier Semestern ist er nun Psychologie-Student an der RWTH. Ein Begleiter ist immer dabei, Prüfungen werden mündlich abgelegt.

Das Studium verläuft krankheitsbedingt nicht linear, aber er ist auf einem guten Weg, die Noten stimmen, sagt er grinsend. „Ich scheitere nicht gerne, wenn ich mir etwas vornehme, beiße ich mich auch fest.“ Vielleicht sei er sogar derzeit zu ehrgeizig, bekommt er Rückmeldungen. Ein entspannter Student müsse er noch werden. Aber die Überschrift seines Lebens verändert er nicht: „Ich will mich nicht ausruhen, sondern meinen Beitrag zur Gesellschaft leisten.“

Ihm drohte die Not-Unterbringen im Altenheim

Diese Standhaftigkeit hilft auch in schwierigen Situationen. Sein Pflegedienst hat vor zwei Jahren gekündigt, die Situation spitzte sich zu, auch wenn seine Mutter und ihr Lebensgefährte selbst Pfleger sind. Auch bei der Kurzzeitpflege herrscht Notstand. Es gab keinen Ersatz für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung, es drohte sogar die vorübergehende Not-Unterbringung in einem Altersheim. Heute sagt er: „Diese Kündigung war das beste, was mir passieren konnte.“

Wieder stand er mit seiner Familie vor einer riesigen unerwarteten Herausforderung. Er lernte die „Assistenzwelt“ kennen, deren Vision ist es, „Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“. Der Ansatz weicht ab von den gängigen Konzepten. Ungelernte werden zu Assistenten ausgebildet, angeleitet von der auf Hilfe angewiesenen Person.

Joel Rombey hat das derzeit neunköpfige junge Team selbst mit ausgesucht. Er muss plötzlich auch personelle Entscheidungen treffen. Seine Mutter hat in der Wohnung Platz gemacht für die neuen Helfer, ist ausgezogen. Die hohen Kosten für die behindertengerechte Spezialwohnung werden im Verbund von den Eltern, dem Hilfswerks „Menschen helfen Menschen“ des Zeitungsverlags und der Städteregion Aachen getragen.

Wie lange hadert ein Mensch mit seinem Schicksal? Er weiß es nicht. Es gibt diese Tage, die er „Löcher“ nennt, an denen er sich fragt: „Wo wäre ich, wenn es anders gekommen wäre?“ Diese Momente werden weniger, aber ob sie jemals aufhören?

Er hängt an seinem Leben, das sich so sehr verändert hat. „Ich habe noch so viel vor in meinem Leben.“ In ein paar Wochen wird er mit seinen Helfern zum mehrtägigen Hiphop-Festival „Splash“ nach Ostdeutschland aufbrechen. Die Logistik für die vier Tage im Zelt ist enorm. Für Joel Rombey ist es der Jahresurlaub und wieder eine Herausforderung. Er wird sie, daran gibt es keinen Zweifel, bestehen.

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