Köln/Eschweiler: Das Leben nach den Wise Guys: Alles selbst in der Hand

Köln/Eschweiler : Das Leben nach den Wise Guys: Alles selbst in der Hand

Es ist noch früh am Morgen. Im zweiten Stock eines Tonstudios in Köln stimmen Musiker ihre Instrumente, verkabeln Verstärker und Mikrofone. In ihrer Mitte sitzt Edzard Hüneke mit Dreitagebart und schwarz-grau-melierten, lockigen Haaren, die zu einem Pferdeschwanz gebunden sind, am Flügel. Es ist ein ungewohnter Anblick und für Fans auch auf musikalischer Ebene eine Umstellung.

Bekannt wurde Edzard „Eddi“ Hüneke als Sänger und Gründungsmitglied der Wise Guys. 1990 hob er mit vier Schulfreunden die Gruppe aus der Taufe. Daraus wurde die erfolgreichste A-cappella-Band Deutschlands. Nach 13 Studio-Alben, der Auszeichnung mit dem Echo, fünf Goldenen Schallplatten und etwa 3000 Konzerten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, USA, Kanada und Großbritannien sowie einer Abschiedstournee lösten sich die Wise Guys im Sommer 2017 auf. Schon mehrfach hatte sich die Besetzung der Band geändert. Hüneke ist davon ausgegangen, dass sie für ihn auch Ersatz finden würden. „Ich hätte mich gefreut, wenn sie ohne mich weitergemacht hätten“, sagt er. Doch die Band entschied anders: ohne Eddi keine Wise Guys.

Jetzt ist er sein eigener Herr: Eddi Hüneke. Nach der Auflösung der erfolgreichen A-cappella-Gruppe Wise Guys — das kleine Bild zeigt ihn (Mitte/oben) im Kreise der letzten Besetzung — meldet er sich nun mit einem Soloprogramm zurück. Wir haben ihn im Studio besucht. Foto: Guido Kollmeier

Drei der Wise-Guys-Sänger aus der letzten Besetzung — Daniel „Dän“ Dickopf, Niels Olfert und Björn Sterzenbach — treten nun mit zwei neuen Musikern als A-cappella-Band Alte Bekannte auf. Nur Marc Sahr alias „Sari“ kehrte der Musik den Rücken, um sich der Familie zu widmen.

eddi hünneke. Foto: Annika Thee

Eddi Hüneke hat sich entschlossen, mit 46 Jahren musikalischer Einzelkämpfer zu werden. Ausschlaggebend für die Trennung von den Wise Guys war der Wunsch nach Selbstbestimmung und -verwirklichung. „Die Idee, eigene Musik zu machen, war schon immer da. Irgendwann war das Bedürfnis so stark, dass ich es einfach probieren musste“, sagt Hüneke bei einem Interview in einer kleinen gemütlichen Küche direkt hinter dem Tonstudio. „Ich habe zwar früher auch schon Texte geschrieben. Aber jetzt arbeite ich nur noch mit eigenem Material, und ich merke, dass meine Kreativität dadurch völlig entgrenzt wurde.“ Davon können sich die Fans des ersten Soloalbums „Alles auf Anfang“ überzeugen, das im Frühjahr erscheinen soll.

Hüneke lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Hürth bei Köln. Obwohl der Musiker nun nicht mehr wochenlang auf Tournee ist, bleibt nicht mehr Zeit für die Familie. Im Studio arbeitet er gerade mit seiner Band am ersten Album. „Wir beginnen um neun Uhr morgens, und nicht selten sitzen wir hier bis elf Uhr abends“, sagt Hüneke. Außerdem nehme er sich gezielt Zeit zum Schreiben seiner Texte. „Ich glaube, so ausgebucht war ich noch nie“, sagt er.

In der Band hätten alle gemeinsam entschieden, jetzt fälle er alle Entscheidungen allein: Wo er auftritt, wie das Album heißt, welche Songs darauf zu hören sein werden. „Ich habe das Gefühl, als sei ich erwachsen geworden“, beschreibt Hüneke seine persönliche Entwicklung seit dem Aus der Wise Guys. „Ein Stück weit waren wir mit den Wise Guys immer in so einem jugendlichen Image drin. Die netten Jungs von nebenan“, erklärt er.

Inspiration kommt aus dem Alltag

Inspiration gewinnt Hüneke aus alltäglichen Situationen und persönlichen Erfahrungen. „Das Lied ‚Daumenpause‘ ist entstanden, als ich mit meinem damals 13-jährigen Sohn beim Arzt war, weil er Kopf- und Nackenschmerzen hatte. Die Ärztin meinte, es läge an der Körperhaltung, weil er ständig auf sein Smartphone blickt. Daraus habe ich dann den Song entwickelt.“ Andere Songs entstünden aus seiner Fantasie oder würden inspiriert durch sein Unterbewusstsein. „Der Song ‚Das könnte euch so passen‘ handelt von jemandem, der von einer Brücke springen will, es sich im letzten Moment anders überlegt, aber dann trotzdem runterfällt.“

Erste Videos hat Hüneke bereits auf seiner Internetseite und auf Youtube veröffentlicht. In den sozialen Medien tritt er mit seinen Fans in Kontakt und analysiert das Feedback, das er zu seiner Musik erhält. „Videos drehen macht mir besonders Spaß. Auch meine Homepage mache ich komplett selber.“

Parallel zu seinen Songtexten hat Hüneke ein Buch geschrieben. Die Übergänge zwischen Roman und Songtexten erscheinen daher manchmal fließend. „Ich spiele auch mit der Idee, den Roman zu veröffentlichen, aber der muss noch mal komplett überarbeitet werden, und das schaffe ich im Moment einfach nicht“, gibt er zu. Die Musik hat Vorrang. Das hatte sie auch schon damals, als Hüneke sein Studium der evangelischen Theologie abbrach, um mit den Wise Guys auf Tour zu gehen. Einen normalen Beruf könnte er sich inzwischen nicht mehr vorstellen. „Trotz der großen Risiken gefällt es mir zu sehr, meine eigenen Entscheidungen fällen zu können. „Mich anstellen zu lassen, könnte auf beiden Seiten zu Schwierigkeiten führen“, sagt er und lacht.

Genau wie seine Musik lässt sich der Musiker nur schwer einordnen. In London geboren und in Köln aufgewachsen, empfindet er letztere Stadt als Heimat. Ähnliches gelte für ihn auch für seinen Glauben. Vor dem musikalischen Durchbruch wollte er Pfarrer werden, wie sein Vater. Doch Hüneke stellt klar, dass ihn weder der Lokalpatriotismus noch die Religion definieren. „Meine Musik funktioniert außerhalb von Köln und außerhalb der Kirche.“

„Ich hatte immer das Gefühl, dass ich irgendwann weiterziehe“, führt Hüneke aus. „Ich habe meinen Zivildienst in Brüssel gemacht und hatte vor, noch ein paar Jahre in Köln zu bleiben und danach nach New York zu gehen.“ Noch immer könne er sich vorstellen, wegzuziehen — irgendwann. „Aufgrund des beruflichen Umbruchs konnte ich mein privates Fernweh erstmal befrieden. Was ich in den vergangenen zwei Jahren erlebt habe, hatte viel von einer Reise“, sagt er.

Trotz seiner Überzeugung, dass der Alleingang die richtige Entscheidung ist, wirkt Eddi Hüneke etwas nervös. Seine Tour beginnt am Samstag, 3. Februar, mit einem Auftakt-Konzert im Talbahnhof in Eschweiler. Die Konzertsäle sind kleiner, die Shows intimer als die der Wise Guys. „Eigentlich ist alles gut, ich bin eben nur aufgeregt“, sagt der Mann, der seit einem Vierteljahrhundert auf der Bühne steht. „Das ist für mich etwas ganz Neues“, fügt er hinzu. Schließlich trägt der Künstler auf der Bühne sein eigenes Material vor. „Wenn die Leute das nicht gut finden, geht das an die persönliche Substanz.“

Bei der Frage, wie sich Hüneke auf das erste Konzert in Eschweiler vorbereitet, kommt doch noch der Profi zum Vorschein. „Üben, üben, üben“, sagt er. Hüneke selbst wird sich am Klavier, an der Gitarre und der Ukulele begleiten. Weitere musikalische Unterstützung bietet der Musiker Tobias Hebbelmann. Ausgetestet haben die beiden die musikalische Zusammenarbeit bei einem spontanen Konzert in einer Kölner Kneipe. Außerdem sind etwa 60 Chöre Hünekes Aufruf gefolgt und haben sich darum beworben, ihn auf der Bühne zu unterstützen. In Eschweiler hat der Jugendchor Lautstark das Rennen gemacht. Zwei der Lieder, die sie vortragen werden, stammen von den Wise Guys. So ganz vorbei ist die Ära eben doch noch nicht.

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