Kinder psychisch kranker Menschen unterstützen: Das lange eingeübte Schweigen brechen

Kinder psychisch kranker Menschen unterstützen : Das lange eingeübte Schweigen brechen

Die Katholische Hochschule Aachen und Laienhelfer bieten Unterstützung für Kinder psychisch erkrankter Menschen an. „Es geht darum, das lange eingeübte Schweigen zu brechen“, sagt Professor Johannes Jungbauer.

Das Schicksal von Kindern psychisch erkrankter Menschen ist erst seit etwa 20 Jahren ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Die Erkenntnis, dass diese Erfahrung die Betroffenen auch im Erwachsenenleben in der Regel negativ beeinflusst, ist noch jünger. „Sie habe unsichtbare Narben“, so schildert es eine Betroffene im Rahmen einer Studie. Professor Johannes Jungbauer, Leiter des Instituts für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie an der Katholischen Hochschule (Katho) NRW, spricht von „lebenslangen Spuren“. Er gründet mit der Aachner Laienhelfer Initiative (Ali) nun das Projekt „Un|Sichtbar“, um den Betroffenen  Hilfsangebote zu machen.

Verlässlichkeit fehlt

„Es geht darum, das lange eingeübte Schweigen zu brechen. Schon über die Kindheit mit einem oder zwei psychisch erkrankten Elternteilen zu sprechen, hat einen therapeutischen Wert“, erklärt der Psychologe. Welche Art der psychischen Störung – wiederkehrende schwere Depressionen, Schizophrenie, Borderline-Erkrankungen, bipolare oder Zwangsstörungen – die Eltern haben oder hatten, ist dabei nicht von Belang. „Kindern von psychisch erkrankten Menschen fehlt die Verlässlichkeit. Die Erkrankung der Eltern wirkt sich oft massiv auf ihren Alltag aus – je nachdem, wie die Familie damit umgeht, ob es ihr gelingt, dennoch Stabilität aufzubauen“, erklärt Janina Böcking, Projektleiterin bei Ali.

„Kinder nehmen psychische Erkrankungen oft ganz anders wahr als Erwachsene.“ Partner litten zum Beispiel sehr unter manischen Phasen, weil der Erkrankte unkontrolliert agiert: Er löse dann beispielsweise den Haushalt auf, schmeiße große Feste, räume das Bankkonto leer. Kinder erlebten diese Zeiten als nicht so bedrückend. Sie litten anders. „Sie erleben Angst und sich selbst als unzulänglich. Gleichzeitig fühlen sie Verpflichtung und Solidarität“, sagt Jungbauer.

Diese Gefühlswelt und die kindliche Prägung durch die Erkrankung der Eltern sei sehr speziell. „In einer Partnerschaft ist man freiwillig. Kinder sind aber abhängig von ihren Eltern“, erklärt Böcking. Deshalb fühlten sie sich in bereits bestehenden Angehörigengruppen oft nicht richtig aufgehoben. Und nur ein Bruchteil der Betroffenen bekam bereits im Kindesalter Unterstützung.

„Un|Sichtbar“ will diese Lücke jetzt in der Städteregion Aachen und nach Bedarf auch darüber hinaus schließen. Es soll durch psychologische Fachkräfte begleitete Selbsthilfegruppen sowie das Angebot der Einzelberatung im Sozialpsychiatrischen Zentrum (SBZ) der Ali geben. Beides könne Psychotherapie nicht ersetzen, „aber flankieren oder dazu ermutigen“, hofft Jungbauer.

„Im Vorfeld beraten wir die Betroffenen, um zu sehen, wer in welche Gruppe passt. Uns ist wichtig, dass nicht eine Person zu viel Raum einnimmt. Eine eigene seelische Erkrankung sollte möglichst nicht im Vordergrund stehen“, sagt Böcking über den geplanten Aufbau der Gruppenstruktur. Die Gefahr, als Kind psychisch kranker Eltern selbst eine psychische Störung zu bekommen, ist allerdings um den Faktor drei bis vier erhöht. „Dieses Thema wird wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen für die Gruppen“, glaubt Böcking.

Um das Thema bekannter zu machen, wollen die Initiatoren zudem Fachtagungen und Seminare organisieren und Netzwerke ausbauen, zum Beispiel zu bestehenden Angeboten für minderjährige Kinder oder den bundesweit agierenden Selbsthilfeverein „Seelenerbe e.V.“.