Herzogenrath: Das große Hoffen auf ein besseres Leben

Herzogenrath: Das große Hoffen auf ein besseres Leben

Flüchtlinge? Judith Kuntz (48), Diplom-Sozialpädagogin der Flüchtlingsberatung der Evangelischen Kirchengemeinde Herzogenrath, mag keine Verallgemeinerungen: „Jeder ist ein Individuum mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen, da kann man nichts pauschalisieren, jeder Mensch ist wertvoll“, betont sie, und Judith Kuntz weiß das nach rund 25 Jahren Einsatz in diesem Bereich.

Hoffnungen hatte sie im Oktober schon, als auf dem Flüchtlingsgipfel NRW konkrete Ziele wie eine finanzielle und personelle Aufstockung der Flüchtlingshilfe vereinbart wurden. Am Freitag dann legten Bund und Länder ihren Streit um die Kosten für die Versorgung von Flüchtlingen in letzter Minute bei. Der Bund sagte den Ländern eine Milliarde Euro zu. Was sich hinter diesem Streit um Geld im Alltag verbirgt, erlebt die Sozialpädagogin Kuntz in ihrer Arbeit täglich. Und wie funktioniert diese tägliche Arbeit, ganz nah am Menschen, konkret? Wir sprachen mit Judith Kuntz.

Wie wirkt die aktuelle Diskussion in der Politik über Flüchtlinge auf Sie?

Kuntz: Natürlich ist es gut, dass man sich mit der Problematik endlich intensiver beschäftigt. Ich bin hier vor Ort, ich habe vor Jahren schon mit Flüchtlingen gearbeitet, als das noch kein Thema war. Deshalb habe ich eine etwas andere Haltung als die Politiker und den Eindruck, es wird erst reagiert, wenn sich die Situation nicht mehr ignorieren lässt.

Wie sehen Sie Ihre Arbeit?

Kuntz: Ich bin Christin und arbeite hier in einer evangelischen Kirchengemeinde, ich habe ein bestimmtes Menschenbild, und dieses Menschenbild prägt den Umgang miteinander. Ob Politiker wirklich so ein Menschenbild haben, das lasse ich mal offen. Wenn ich sage, dass der Mensch wertvoll ist, dann werde ich ihn nicht in einer Zeltstadt im Ruhrgebiet einquartieren, auch nicht in einem Gewerbegebiet. Ich werde ihm auch nicht zwei Wochen lang sein Taschengeld vorenthalten, unabhängig von formalen Rahmenbedingungen. Das passt nicht zusammen.

46 Millionen Euro will das Land zusätzlich für die Flüchtlingshilfe ausgeben — wo würden Sie dieses Geld einsetzen?

Kuntz: Grundsätzlich in kontinuierliche Arbeit. Heute gibt es oft nur Gelder für Projektarbeit. Das ist qualitativ nicht dasselbe.

Was denken Sie über den Begriff Integration und über Integrationskurse?

Kuntz: Wir bieten hier vor Ort Deutschkurse in den Räumen der Kirchengemeinde an, die die Flüchtlinge sofort besuchen können. Das ist nicht überall so. Nach den in Deutschland geltenden Gesetzen beginnt Integration erst, wenn die Leute einen Aufenthaltstitel haben. Das ist meiner Meinung nach nicht akzeptabel, weil sie dann meist schon Monate und Jahre hier sind.

Kann die Kirche etwas bewirken?

Kuntz: Ja. Die Evangelische Landeskirche hat bereits Anfang des Jahres zusätzliche Mittel freigegeben. Es gibt eine andere Sensibilität. Dabei ist die Kirche ja selbst nicht mehr in einer komfortablen wirtschaftlichen Lage.

Worauf gründet sich die ablehnende Haltung vieler Bürger gegenüber Fremden?

Kuntz: Die meisten kennen gar keine Flüchtlinge. Die Frage ist, wie viel Kontakt gibt es. Erst, wenn ich jemanden kenne, habe ich ein konkretes Bild vor mir. Was man nicht kennt, weckt eher Angst, man müsste etwas abgeben. Persönliche Kontakte würden manches relativieren.

Die Flüchtlinge bringen ihre Vergangenheit mit, ihre Ängste und Nöte. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Probleme? Glauben die Flüchtlinge an das gelobte Land?

Kuntz: Manchmal. Entscheidend ist, dass sie Zukunft für sich und ihre Familie suchen, Schutz, friedliche Umgebung. Das halte ich für ein Menschenrecht. In den letzten Jahren sind manche aus wirtschaftlichen Gründen gekommen. Zum Teil haben sie auch verklärte Vorstellungen, sonst würden sie so eine Flucht nicht überstehen. Die meisten haben lange Wege hinter sich. Alle hoffen auf ein besseres Leben. Das halte ich für ein Menschenrecht.

Wie kommunizieren Sie mit den Flüchtlingen? Wie nehmen Sie den Kontakt auf?

Kuntz: Wir arbeiten mit über 20 Nationalitäten, und die Zahl der Sprachen ist noch höher. Ich verfüge zum Glück über ein gutes Netzwerk, biete eine Querschnittsberatung an. Fragen zu allen Lebensbereichen werden aufgegriffen. Die Sprachkenntnisse der Menschen werden uns zuvor nicht mitgeteilt, etwa ob sie Englisch sprechen oder Französisch. Wenn sie Arabisch sprechen, kann ich einen Dolmetscher mitnehmen. Sonst muss man sich irgendwie helfen. Aber es klappt. Bei einer Sprache wie Tigrinia ist es nicht so einfach.

Wie sehen Ihre Lösungsmöglichkeiten aus?

Kuntz: Ich arbeite sehr eng mit der Stadtverwaltung, also dem Sozialamt, zusammen, die kurz vor der Ankunft von Flüchtlingen von der Bezirksregierung informiert wird, wer wann kommt, aber das sind nur Eckdaten. Dann besuche ich die Leute vor Ort, also dort, wo sie einquartiert sind. Sprachen sind zwar wichtig, aber für mich ist es am wichtigsten, wie man auf die Menschen zugeht.

Was ist da vordringlich?

Kuntz: Ich höre, ob sie einen Arzt brauchen, einen Rechtsanwalt, ob die Kinder eingeschult werden müssen, Kindergartenplätze gesucht werden. Es geht darum, Deutsch zu lernen. Ich frage, ob sie sich in ihrer Unterkunft einigermaßen wohl fühlen. Schritt für Schritt Verständigung hat viel mit Vertrauen zu tun. Die Leute brauchen Orientierung. Ich gehe da gern hin, auch das sollten sie spüren. Ich liebe meine Arbeit und die Menschen, mit denen ich arbeite.

Wie sind Ihre konkreten Erfahrungen mit Flüchtlingen.

Kuntz: Sie sind meistens sehr offen und froh, dass sie Unterstützung bekommen. Aber es kann total unterschiedlich sein. Ich muss ihnen natürlich auch Sachen sagen, die sie nicht hören wollen. Dass sie zum Beispiel andere Familienmitglieder in München nicht besuchen können, dass sie nicht in den Niederlanden einkaufen können oder sofort eine Privatwohnung erhalten und dass ich auch nicht weiß, wann ihr Asylverfahren abgeschlossen ist. Neben der Weitergabe von Fachwissen ist die Ermutigung der Flüchtlinge eine der wichtigsten Aufgaben.

Welche Sicherheit können Sie den Flüchtlingen überhaupt geben?

Kuntz: Dass ich sie begleiten werde, egal, wie lange es dauert oder wie groß das Problem ist.

Flüchtlinge — Belastung einer Gesellschaft oder Bereicherung?

Kuntz: Flüchtlinge sind nicht automatisch defizitär, sie werden zum Teil dazu gemacht durch unsere rechtlichen Rahmenbedingungen. Wenn ich nicht arbeiten darf, muss ich Sozialhilfe nehmen. Allein dadurch verschenken wir wertvolle fachliche Ressourcen. Auch kulturell könnten wir mehr profitieren, wenn wir Integration nicht ausschließlich als Bringschuld von Migranten ansehen würden.

Gibt es ein Beispiel?

Kuntz: Ein Afrikaner hat mir mal gesagt: „Ihr Europäer habt die Uhr, aber wir Afrikaner haben die Zeit.“ Es gibt bestimmte Dinge, die man lernen und nutzen könnte, wenn man sich darauf einlassen würde.

Die Ablehnung liegt am Unverständnis?

Kuntz: Ja, das sind häufig subtile Ängste vor allem, was man nicht kennt. Es gibt viele Klischees zum Beispiel zu Afrikanern oder Flüchtlingen aus arabischen Ländern.

Was macht die Entwurzelung mit den Menschen?

Kuntz: Einen Teil ihrer Wurzeln nehmen sie mit. Wichtig für mich ist, dass sie hier eine Möglichkeit erhalten, neue Wurzeln zu bilden. Wenn man sie alleine lässt, suchen sie sich Landsleute und versuchen dort ein Stück Heimat zu finden. Sie bleiben isoliert. Doch wenn sie hier sind, erwarte ich, dass sie sich auch hier einbringen und einbringen können.

Besteht häufig die Gefahr, dass sie sich absondern?

Kuntz: Ja, man drängt diese Leute dazu, wenn man sie nicht gut begleitet und ihnen keine Alternative bietet.

Was sehen Sie besonders kritisch?

Kuntz: Einiges: Arbeitsverbot, lange Asylverfahrensdauer, Integrationskurse erst nach Anerkennung, teilweise lange Verweildauer in städtischen Unterkünften, viele bürokratische Hürden.

Wohnraum ist ein großes Problem. Wie können da Gemeinden helfen?

Kuntz: Ich bin hier sehr eingebunden, die Gemeinde Herzogenrath unterstützt die Arbeit voll und ganz. Die Beratungsstelle existiert mittlerweile seit 20 Jahren. Sie hat sich auch massiv in der Wohnungsproblematik eingesetzt.

Wie könnte man diese Situation verbessern?

Kuntz: Ich bin eine Verfechterin von mehr dezentralen Häusern, damit die Infrastruktur besser genutzt werden kann. Wenn ein Flüchtlingswohnheim im Gewerbegebiet liegt, dann habe ich weder Grundschule noch Kindergarten oder Deutschkurs nebenan. Wo soll da Integration herkommen?

Viele Flüchtlinge sind traumatisiert. Gibt es da Wege der Hilfe?

Kuntz: Das ist wichtig, aber schwierig. Zunächst stehen die existenziellen Dinge im Vordergrund. Die Infrastruktur ist dafür schlecht. Die medizinische Versorgung ist nicht so gut, die Wartezeiten bei Neurologen und Psychologen sind lang. Hinzu kommen Sprachprobleme. Viele brauchen Zeit, um für sich persönlich Therapie als Weg zu sehen, da sie dies aus ihren Heimatländern nicht kennen. Gute Erfahrungen habe ich mit dem Psychosozialen Zentrum der Caritas in Köln. Sie sind spezialisiert auf Flüchtlinge.

Wäre das ein Bereich, wo das Land investieren sollte?

Kuntz: Wenn schon die Fahrtkosten bewilligt würden, wäre das eine Hilfe. Bisher gab es EU-Mittel, aber die laufen aus.

Wie könnten Gemeinden Flüchtlingen noch besser helfen?

Kuntz: Man kann in vielen Initiativen ehrenamtlich mitarbeiten. Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu betätigen, ist gestiegen.

Welche Vorstellung haben Flüchtlinge von ihrer Zukunft?

Kuntz: Ich glaube nicht, dass sie im Moment des Leidensdrucks eine so konkrete Vorstellung haben. Hier versuchen sie, sich relative Sicherheit aufzubauen.

Und wie geht es Ihnen dabei?

Kuntz: Es ist oft nicht einfach zu sehen, wie Menschen unter der Situation und den Rahmenbedingungen leiden müssen. Trotzdem ist es eine tolle Aufgabe, und es macht mich froh, ihnen ein Stück Hoffnung geben zu können. Zu sehen, wie man im Kleinen etwas bewirken kann, ihr Vertrauen zu spüren, entschädigt für alle Mühen.