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Aachen: Das Bild August Piepers „ist nach 1933 nur noch braun“

Aachen : Das Bild August Piepers „ist nach 1933 nur noch braun“

Das Haus der Bischöflichen Akademie in Aachen trägt den Namen des katholischen Soziallehrers und Priesters August Pieper (1866—1942). Dass es auf Dauer so bleibt, ist seit einer Tagung dort am Wochenende unwahrscheinlicher geworden. Mehrere Historiker, Theologen und Kirchenexperten diskutierten über Piepers Haltung zum Nationalsozialismus.

Fazit: Die Ergebnisse der jüngsten Recherchen des Historikers Werner Neuhaus über Piepers Nähe zum NS-Regime, zur Blut-und-Boden-Ideologie und zum Führerprinzip sind so eklatant und eindeutig, dass es als unumgänglich erscheint, diesen Namen für eine bischöfliche Einrichtung nicht länger zu verwenden.

„Früher oder später müssen wir uns von den Namen verabschieden“, sagte Akademiedirektor Karl Allgaier am Montag unserer Zeitung. Pieper sei keine Orientierungsfigur mehr. Zwar gab es in der Tagungsdiskussion Kritik — so etwa vom Münsteraner Historiker Olaf Blaschke — an vielen und schnellen Namensänderungen von Straßen und Plätzen.

Doch hielt dem zum Beispiel Akademiedozent Georg Souvignier entgegen, dass im Fall eines Hauses, das der Wissenschaft und christlichen Werten verpflichtet ist, eine klare inhaltliche Positionierung erforderlich sei. Ob das Haus umbenannt wird, muss letztlich die Leitung des Bistums entscheiden.

Trotz seiner klaren Position rät Allgaier von „übereilten Konsequenzen“ ab. In einem Tagungsband werden die Vorträge und Diskussionen des Wochenendes demnächst publiziert und durch zusätzliche Beiträge ergänzt. Auch Neuhaus setzt noch auf weitere Forschung, sagt unserer Zeitung aber, das positive Bild Piepers, eines der führenden katholischen Sozialpolitiker des Kaiserreichs, habe sich schon in der Weimarer Zeit verdunkelt „und ist nach 1933 nur noch braun“.

Blaschke stellte für die Kirche generell „eine fundamentale Übereinstimmung von katholischem und nationalsozialistischem Gedankengut“ fest und nannte als Stichworte dafür: Ablehnung von Demokratie, Liberalismus und Kommunismus, Führerkult und eine deutlich antisemitische Haltung.

Die Tagung und insbesondere die Analyse von Neuhaus offenbaren den auffälligen Widerspruch zwischen Piepers geradezu hellsichtigen Warnungen im Jahr 1931 vor einer nationalsozialistischen Diktatur und seiner erklärten Sympathie für die NS-Ideologie nur wenige Jahre später.

„Vom begrenzten Konflikt zur unbegrenzten Bewunderung“ hat Neuhaus seinen Aachener Vortrag überschrieben. Zuerst sprach Pieper von einer „Staatsform der Analphabeten und geistig Unmündigen“ und sah voraus, dass die NSDAP ihren „Führer Adolf Hitler mit unbeschränkter, diktatorischer Machtfülle ausstatten“ werde.

Im Mai 1933 begrüßt Pieper das sogenannte Ermächtigungsgesetz und die Zerstörung der parlamentarischen Demokratie als „gewaltigen Fortschritt“, der „nur durch eine Diktatur herbeigeführt werden konnte“. Nach den Bücherverbrennungen durch die Nazis formulierte Pieper, der „deutsche Geist“ sei „leiblich gebunden an das durch Rassemischung, Klima, Boden, geschichtliches Volksschicksal geprägte deutsche Blut.“ Bei einem Empfang zu seinem 70. Geburtstag sagte Pieper am 14. März 1936 in Köln, wer der NS-Regierung „in die Suppe spuckt oder Knüppel zwischen die Beine wirft, der handelt als Verräter an seinem notleidenden Volke“.

Wo liegt Piepers Wandel begründet? Die militärische Niederlage und die Revolution 1918 sowie den Versailler Friedensvertrag empfand Pieper laut Neuhaus als schockierend. Er propagierte bis zu seinem Tod die nicht näher definierte Idee einer „Volksgemeinschaft“, der er — so Blaschke — mehr Bedeutung gegeben habe als christlichen Werten und für die er in der NS-Ideologie gute Ansätze fand. Schließlich glaubte er, die NSDAP zähmen und in eine Regierung einbinden zu können.