Aachen: Dabei, bei der ersten Heimpleite

Aachen: Dabei, bei der ersten Heimpleite

Es wird nicht mehr als ein leiser Ratsch zu hören gewesen sein, als die erste Eintrittskarte entwertet wurde, und sich die Türen zum neuen Stadion öffneten, vielleicht hat der Ordner noch gelächelt und gesagt: „Viel Spaß beim Spiel.”

81 Jahre später läuft es weniger reibungslos. Es wird ein denkwürdiger Tag. Da steht sie nun plötzlich auf Null - die Countdown-Anzeige, an der man auf der Krefelder Straße seit Monaten vorbeigefahren ist. Tage, Stunden und Sekunden hatte man wie selbstverständlich heruntergezählt.

Zehn, neun, acht, ... drei, zwei, eins. Alles ist bereit für die große Party im neuen Stadion. Und dann das: 0:5 gegen den FC. St. Pauli. Selbst dem größten Alemannia-Fan dürfte bei diesem Ergebnis die Lust am neuen Stadion vergangen sein. Erste Anzeichen dafür, dass das nicht der Tag der Alemannia werden wird, gibt es schon gut fünf Stunden zuvor.

Nostalgie, Wehmut?

Eine der neuen Ticket-Lesemaschine am Eingang Nordost A macht Probleme. Der für 17 Uhr angekündigte Einlass lässt auf sich warten. Horst Bock, 65, nimmt´s gelassen. Er ist froh, dass das neue Stadion endlich steht. Nostalgie, Wehmut? Fehlanzeige. Das Spielergebnis kann auch er zu diesem Zeitpunkt nicht erahnen. „Hier kann man wenigsten mal auf die Toilette gehen”, sagt der Rentner und schaut dann doch eher ungeduldig auf den Techniker, der mit Akku-Schrauber in der Hand und Zigarette im Mundwinkel vergebens versucht, die Maschine zu reparieren. Fehlt nur, dass er mit dem Hammer einmal kräftig von oben draufschlägt. Ein blauer Müllsack verdeckt das Problem eher provisorisch. Dann kann es losgehen.

Ein leiser Rutsch und die Lampe steht auf grün. Ein Drehkreuz gibt den Weg frei, und Horst Bock ist drin im neuen Stadion der Alemannia, im neuen Aushängeschild Aachens, in dieser viel beschriebenen neuen Ära für Stadt und Verein. Vielleicht ist dieser Montag ein historischer Tag, ein Tag, von dem man seinen Enkeln einmal erzählen wird, dann, wenn das Neue längst nicht mehr neu ist, und die Tradition schon wieder Einzug gehalten hat. Dann wird man erzählen können: Ich war dabei, damals, beim ersten Heimspiel, hier auf dem Tivoli. Dass es eine historische Niederlagen wird, ist da noch nicht abzusehen.

Markus Jahns steht mit ein paar Freunden an einem der zahlreichen Snackshops. Auch für ihn ist das kein Tag wie jeder andere, auch wenn die gefühlte Schwere wohl weniger an der Bedeutung des Augenblicks als an der Portion Fritten mit Wurst festzumachen ist, die er gerade genüsslich verspeist hat. „Viel besser als drüben im alten Stadion”, sagt er und putzt sich mit einer Serviette über den Mund. 50 Euro hat er auf seine neue Tivoli-Karte eingezahlt. „Nicht alles für heute”, erklärt er. Er will wiederkommen.

Das ist ein Prinzip des neuen Tivoli-Konzepts. Nicht Fans sondern Kunden will man glücklich machen. Alles so reibungslos wie möglich; alles so sauber, wie es eben geht; alles schwarz und gelb, und so ganz anders, als das, was der Aachener Fußballfan bislang unter einem Fußballstadion kannte. Es scheint zu funktionieren, Macher und Akteure sind vorbereitet, die Technik hakt nur gelegentlich, kleinere Defizite werden mit Freundlichkeit oder eben blauen Müllsäcken kompensiert. An ein sportliche Desaster glaubt zwei Stunden vor dem Spiel niemand.

Die jungen Damen am Eingang zum VIP-Bereich tragen schwarze Kostüme und weiße Tücher um den Hals. Die Fans, die hier das Stadion betreten, sind geladene Gäste oder haben ein paar Euro mehr für ihren Eintritt bezahlt. Oben in der Lounge werden Hände geschüttelt, Schultern geklopft und Küsschen verteilt. Die Snacks heißen Häppchen, sie riechen nach Lachs und nicht nach Curry-Wurst.

Friedjof Kraemer kommt im Eiltempo die Treppe hinunter. Der Geschäftsführer der Alemannia wirkt, als sei er mit den Gedanken ganz woanders. Keine zwei Stunden mehr bis zum Anpfiff. „Dann lässt die Anspannung hoffentlich nach”, sagt er. Er sorgt sich um das Ticket-System, die Stadion-Technik, die vielen Fans und die zahlreichen Ehrengäste. Man wünscht ihm Glück, dann ist er wieder unterwegs.

Menschen an Stehtischen

Draußen auf der Terrasse stehen Menschen an Stehtischen und blicken in das neue Stadion. Einige wirken, als hätte sie derlei längst gesehen - abgeklärt, nüchtern, lediglich auf den Gesprächspartner konzentriert. Andere stehen, staunen, gestikulieren und zeigen sich offensichtlich beeindruckt von der Stimmung, die die Fans schon jetzt auf der fast vollen Stehtribüne verbreiten. An diese Lautstärke muss man sich erst gewöhnen.

Corny Littmann ist Präsident des FC St. Pauli und wirkt mit seiner schlichten Mütze und dem intellektuell mürrischen Gesichtsausdruck ein wenig fehl am Platze im Kreis der vielen Schulterklopfer. Angesprochen auf die neue Arena verweist er auf sein eigenes Tivoli-Theater, das er neben dem Fußball in Hamburg leitet. „Wenn es dem neuen Tivoli so gut geht, wie meinem Tivoli, dann wird Aachen bald Erste Liga spielen.”

Block 3, Reihe 11, Platz 37

Diese Hoffnung teilen viele vor dem ersten Heimspiel. Leo Führen zum Beispiel. Der Ehrenpräsident der Alemannia spricht von Wehmut und von Aufbruch, von Freude und einem neuen Zeitalter: „Mit diesem Stadion wollen wir eine Liga höher steigen”, sagt er. Jörg Schmadtke kommt erst kurz vor Anpfiff. Er sieht das neue Stadion zum ersten Mal. „Toll”, sagt er da noch. Und verweist bei der Frage nach den Vätern des Erfolges ganz bescheiden auf Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden. Dass er selbst mit seinem sportlichen Erfolg erst den finanziellen Grundstein für das neue Stadion gelegt hat - davon will er nichts wissen.

Horst Bock hat seinen Platz inzwischen gefunden. Block 3, Reihe 11, Platz 37. Ein Sitzplatz. Früher, im alten Stadion, hat Horst Bock noch gestanden. Damals hat die Alemannia auch schon mal verloren. Dann hat Horst Bock geschimpft und gepfiffen und seinem Ärger offen Luft gemacht - wie an diesem historischen Abend auch. Zumindest diese Tradition hat es schon geschafft hinüber zum neuen Tivoli.