Aachen: Conti rüstet in Rothe Erde mit 40 Millionen auf

Aachen: Conti rüstet in Rothe Erde mit 40 Millionen auf

Conti gibt Gummi. Der Reifenhersteller rollt das Feld mit Höchstgeschwindigkeit von hinten auf. 40 Millionen Euro will der Konzern bis 2013 auf dem Betriebsgelände in Rothe Erde investieren und an die Weltmarktführer aufschließen.

Die Jahresproduktion in Aachen soll von 8,5 Millionen Reifen im Jahr 2010 auf 9,6 Millionen in 2013 heraufgefahren werden. Das entspricht zehn Reifenstapeln, die von der Erde bis zur Internationalen Raumstation ISS reichen würden. Knapp 30.000 Reifen pro Produktionstag, Drei-Schicht-Betrieb, Vollauslastung.

Dabei schien der Absturz des Werks an der Hüttenstraße nicht erst seit der Automobilkrise 2009 programmiert. Schon zuvor hatte sich der Konzern in Aachen von zehntausenden Quadratmetern seines Betriebsgeländes getrennt, was man jetzt bitter bereut. Die Reifen-Entwicklung zog nach Hannover. Man baute Produktionskapazitäten ab. Jetzt überraschte der Vorstand mit seiner neuen Wachstumsstrategie. „Wir hätten selbst als letzte vermutet, dass wieder in Hochlohnstandorte investiert wird”, freut sich Werksleiter Dirk Weber. „Hier in Aachen ist noch nie so viel in so kurzer Zeit investiert worden.” Aber die exklusiven SSR-Pannenlaufreifen von Conti aus Aachen versprechen eben satte Gewinnmargen. Man ist unter anderem Erstausrüster für Mercedes- und BMW-Modelle.

Also wird nun aufgestockt, buchstäblich. An nicht weniger als acht Stellen des 135.000 Quadratmeter großen Werks entstehen riesige Neubauten, werden Baulücken überdacht und alte Lagerhallen mit modernster Produktionstechnologie bis unters Dach vollgestopft. „Hier wachsen die Hallen wie Pilze aus dem Boden”, sagt der Werksleiter nicht ohne Stolz. Teilweise baut Conti in Aachen sogar zweigeschossig - „was in der Reifenherstellung eher ungewöhnlich ist”, wie Weber einräumt.

Jeder Quadratmeter gebraucht

Der diplomierte Physiker weiß um die Grenzen der Ausdehnungsmöglichkeiten zwischen Bahnlinie, Hütten- und Philipsstraße. „Wir brauchen jeden einzelnen Quadratmeter”, sagt der 48-Jährige. Und man braucht mehr Personal. Über 100 neue Stellen sind ausgeschrieben. „Handwerker, Techniker, Ingenieure, Produktionsmitarbeiter - nur mit den richtigen Leuten können wir unsere ambitionierten Ziele erreichen”, betont der Raerener, der bereits 1989 als RWTH-Werkstudent beim traditionsreichen Reifenbauer anheuerte und nun Chef von 1400 Conti-Mitarbeitern ist. Er kennt jedes Detail des Betriebs, der in manchen Ecken noch den Mief von Backsteinbauten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts atmet und einen Steinwurf weiter Steuerstände aufweist, die so futuristisch wie die Kommandobrücke eines Raumschiffs blinken. Entsprechend groß ist die Bandbreite der Arbeitsplätze, für die in erster Linie Männer in Frage kommen. „So ein reifen wiegt 15 Kilogramm, die Arbeit bei uns ist schon etwas anderes als ein Job in einer Mikrochip-Fabrik”, stellt Weber fest. Ein Kraftakt. Wie beim Ausbau des verwinkelten, engen Standorts.

„An vielen Stellen stoßen wir im Boden auf die Relikte der alten Hütten-Geschichte”, erklärt er. Zwischen den Jahren 1847 und 1926 galt Aachen als führender Stahlproduzent in Deutschland. Die Altlasten, darunter „fast unzerstörbares Kellermauerwerk”, erschweren nun die Ausschachtungen. „Wir bleiben trotzdem im Zeitplan und wollen die Reifenproduktion schon ab September heraufschrauben”, so Weber. Der Standort Aachen in Rothe Erde sei angesichts der immensen Investitionen und des florierenden Geschäfts absolut sicher, beteuert Weber - „mindestens für die kommenden zehn Jahre”. Und er fügt hinzu: „Wir wissen jetzt, wie man Krisen entgegensteuert und am besten verkraftet.”

Schon gibt es weitere Ausbaupläne für das Aachener Werk. „Wir haben bereits einige Ideen entwickelt, wie wir in ein paar Jahren sogar einige Millionen Reifen mehr per anno produzieren könnten. Dazu müssten wir allerdings Lagerkapazitäten auf die Grüne Wiese aussiedeln”, erklärt Weber. Auch dieser Plan soll nun schnell ausgearbeitet werden. Conti gibt eben Gummi. Und rollt das Feld auf.