Aachen/Köln: Conterganopfer nicht mehr mit einer Stimme

Aachen/Köln: Conterganopfer nicht mehr mit einer Stimme

Es war wie ein ungeschriebenes Gesetz: Wer mit den Conterganopfern sprechen oder verhandeln wollte, ging zum Bundesverband Contergangeschädigter. Über Jahrzehnte war der Verband so etwas wie eine offizielle Instanz, die erste Adresse.

Für Politik, Bundesregierung und den früheren Conterganhersteller Grünenthal in Aachen gilt das noch heute, in der Conterganszene aber nicht mehr unbedingt. In den letzten zwei Jahren ist ein neuer Flügel mit drei größeren Gruppen entstanden. Diese greifen nicht nur Grünenthal, sondern auch den Bundesverband an. Es geht ein rauer Wind.

Einer der Wortführer ist Andreas Meyer. Der Mann ohne Arme und Beine ist ruhig im Ton und unerbittlich im Angriff auf die Unternehmerfamilie Wirtz, den Grünenthal-Eigentümern. Meyer hat keine Angst vor den Mächtigen und sucht die Konfrontation, mit dem Erzfeind Grünenthal wie auch mit dem Bundesverband. „Das Bollwerk und der Schutz für Grünenthal war in all den Jahren der Bundesverband”, kritisiert Meyer. Ein harter Vorwurf.

Aus einer tiefen Unzufriedenheit gründete Meyer vor zwei Jahren den Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer (BCG). In dieser Zeit war Contergan plötzlich in der Öffentlichkeit wieder ein Thema: 50. Jahrestag der Markteinführung, dann der WDR-Zweiteiler „Eine einzige Tablette”. Aufbruchstimmung: „Wir sagten, jetzt machen wir den Mund auf, selbst die, die sich vorher nicht getraut hatten”, schildert Meyer. In dieser Zeit wurde den Betroffenen auch schlagartig bewusst, wie es um sie im Alter bestellt sein würde: Schmerzen, Armut, Hilflosigkeit.

Kurz nach dem BCG gründete sich der deutsche Zweig der ICTA (Internationale Contergan-Talidomid Allianz). Diese „Bürgerbewegung” ist Teil eines internationalen Netzwerks und fordert unter anderem eine Million Euro für jedes deutsche Opfer. Die ICTA nimmt für sich in Anspruch, einen Großteil der 2800 Betroffenen hinter sich zu haben.

Damit nicht genug. Christian Stürmer gründete zusätzlich das „Contergannetzwerk”, einen Verein mit mittlerweile 250 Mitgliedern. Auch er kämpft für eine Entschädigung. „Der Bundesverband hat veraltete und verkrustete Strukturen”, sagt er. Die anderen Gruppen waren für ihn keine Alternative. Deshalb das „Contergannetzwerk”. Nach seinem Jurastudium reichte er in Karlsruhe eine Klage gegen den Staat ein: Der komme seiner Pflicht zur Versorgung der Opfer nur unzureichend nach.

Auch Margit Hudelmaier will mehr Geld. Sie ist seit 17 Jahren die Vorsitzende des viel kritisierten Bundesverbands Contergangeschädigter. Ihr fehlen die Arme. Bei vielen Dingen des Alltags braucht sie Unterstützung, und das kostet Geld. Selbst zwischen diplomatisch gewählten Worten wird deutlich: Auch für diese Frau ist der Kampf eine Geduldsprobe. „Den Schaden will ich ausgeglichen haben”, betont auch sie.

Aber für sie zählen die rechtlichen Gegebenheiten. Dazu gehört, dass mit Gründung der Conterganstiftung die Betroffenen keine weiteren Ansprüche gegen Grünenthal geltend machen können. Es sind sachliche Feststellungen wie diese, die sie zur Zielperson der Gegenseite machen. Hudelmaier beklagt im Gespräch Diffamierungen gegen sich und Drohungen gegen ihre Familie. Trotzdem kritisiert sie die anderen in der Öffentlichkeit nicht: „Man könnte meinen, das Schicksal müsste uns verbinden...”

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