Cinram-Nachfolger: Verzweiflung bei den Avos-Mitarbeitern

Verzweiflung bei der Belegschaft : Cinram-Nachfolger Avos offenbar in Schieflage

Am Arbeitsgericht stapeln sich die Klagen, die Gewerkschaft empfiehlt den Gang zur Arbeitsagentur: Zwei Jahre nach der Insolvenz der Alsdorfer Cinram GmbH scheint auch der Nachfolger Avos in Schieflage geraten zu sein.

Der Neuanfang liegt erst rund zwei Jahre zurück. Im August 2017 wurde bekannt, dass die Überreste der insolventen Firma Cinram aus Alsdorf von einem Investor aus Bielefeld übernommen werden sollen, der Vollzug wurde Ende Oktober 2017 vermeldet: Aus Cinram wurde Avos. 24 Monate später mehren sich die Anzeichen, dass die neue Firma ihrerseits in Schieflage geraten ist. Unterlagen, die unserer Zeitung zugespielt wurden, belegen, dass das Unternehmen erhebliche Schwierigkeiten hat, seine Mitarbeiter pünktlich zu bezahlen.

Dutzende Klagen am Arbeitsgericht

Im Frühjahr sind offenbar rund 60 Mitarbeiter freigestellt worden. Zu diesem Zeitpunkt sollen die Gehälter schon nicht mehr pünktlich, sondern zunächst mit Tagen, dann mit Wochen Verspätung ausgezahlt worden sein. Wie das Arbeitsgericht in Aachen auf Nachfrage mitteilt, sind seit Jahresbeginn rund 50 Klagen von Avos-Mitarbeitern eingegangen. Tendenz steigend. Als letzten Ausweg versuchen die Mitarbeiter – häufig mit Gewerkschaftshilfe – ihre Lohnforderungen auf dem Klageweg durchzusetzen. Bis zum Sommer habe man den Erklärungen des Managements noch vertraut, sagt ein Mitarbeiter, aber die Hoffnung sei angesichts vieler leerer Versprechungen rapide gesunken.

Viele Mitarbeiter sind verzweifelt, weil sie weder Geld für Miete noch für Energiekosten aufbringen können. „Wovon sollen wir leben, wenn man keinen Lohn bekommt? Die Arbeitsleistung wurde bereits erbracht – die Entlohnung steht noch aus“, steht in einem Schreiben, das in der Redaktion gelandet ist. Die Überschrift lautet: „Wird Avos das zweite Kronenbrot?“ Ihre Situation beschreiben die Mitarbeiter als „aussichtslos“.

Kurz vor der Entlassungswelle im Frühjahr war die Druckerei, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, in eine eigene Firma ausgelagert worden. Somit gibt es im Alsdorfer Gewerbepark zwei Firmen mit Namen Avos: „Logistics & Distribution“ und „Printing & Innovation“. Beide zusammen kommen nach Gewerkschaftsangaben noch auf 230 bis 250 Mitarbeiter. Gemeinsam mit zwei weiteren Avos-Firmen, die in Bielefeld sitzen, sind sie Teil der Osfal-Gruppe.

Jörg Erkens von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) bestätigte unserer Zeitung diese Woche, dass viele der Mitglieder über ausbleibende Zahlungen klagten, und zwar sowohl aus Reihen von „Logistics & Distribution“ als auch von „Printing & Innovation“. „Es gibt eine ganze Reihe an Verfahren, die sich um nicht gezahlte Entgelte und Abfindungen drehen“, sagt er. „Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass das Unternehmen in Schieflage geraten ist.“ Eine konstruktive Kommunikation mit der Firmenleitung habe die Gewerkschaft bislang nicht hinbekommen, vielmehr würde die IG BCE genauso hingehalten wie es bei den Mitarbeitern der Fall sei.

Am Dienstag hatte Erkens seinen bislang letzten Ortstermin in der Konrad-Zuse-Straße, er traf dort auf „eine aufgebrachte Belegschaft“, wie er berichtet. Nachdem Erkens lange Zeit den Klageweg empfohlen hatte, rät er seinen Mitgliedern mittlerweile dazu, sich ans Arbeitsamt zu wenden und die sogenannte Gleichwohlgewährung in Anspruch zu nehmen. Diese eröffnet Angestellten, die nicht bezahlt werden, die Möglichkeit, sich trotz ihres eigentlich bestehenden Arbeitsverhältnisses für arbeitslos zu erklären und Arbeitslosengeld zu beantragen. Voraussetzung ist, dass der Angestellte seine Leistung einstellt. Die Agentur für Arbeit holt sich das Geld dann vom Arbeitgeber zurück.

Dank für das „Verständnis“

Über die Hintergründe der angespannten Situation bei Avos erhält offenbar auch die Belegschaft keine näheren Informationen. Eine Mitteilung, die die Geschäftsführung der Avos Logistics mit Datum vom 4. September an die Mitarbeiter herausgegeben hat und die unserer Zeitung vorliegt, kommt jedenfalls mit genau drei Sätzen aus: „Leider warten wir immer noch auf den Eingang eines Eigentümerdarlehens. Deshalb werden wir die Gehälter erst zu Ende dieser/Beginn nächster Woche anweisen können. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis!“

Bei den Mitarbeitern, mit denen unsere Zeitung sprechen konnte, war von Verständnis eher wenig zu spüren. Stattdessen klagten sie darüber, wie schwer es sie trifft, wenn sie ihr Geld nicht pünktlich erhalten. „Ich kann froh sein, dass ich einen großen Freundeskreis habe“, sagte einer der Mitarbeiter – der Mann lebt trotz Vollzeitbeschäftigung auf Pump. So dürfte es nicht nur ihm gehen. Laut Gewerkschaftssekretär Erkens bewegen die Einkommen des überwiegenden Teils der Belegschaft sich im unteren Spektrum. Jeder Tag, den das Gehalt zu spät kommt, kann erhebliche Probleme bedeuten.

Auf Portalen im Internet, bei denen Arbeitgeber bewertet werden, lässt sich ablesen, wie schlecht die Stimmung in der Belegschaft ist. Bei „Kununu“ wird nicht nur die verspätete Gehaltszahlung angeprangert, auch der Umgang mit den Mitarbeitern ist ein Dauerthema. Existenzängste und ein „menschenverachtendes Verhalten der Geschäftsleitung“ werden dort –   anonym – beklagt. „Das einzig Positive ist der Zusammenhalt der Kollegen“, schreibt ein Mitarbeiter.

Gerade altgediente Angestellte haben eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Cinram – das war einmal einer der größten Arbeitgeber im Aachener Nordkreis und auch im regionalen Maßstab ein Schwergewicht, noch 2015 zählte die Belegschaft weit über 1000 Mitarbeiter. Damals war man auf die Produktion von CDs, DVDs und Blu-Rays spezialisiert. Weil absehbar war, dass physische Bild- und Tonträger keine Zukunftsperspektive mehr bieten, strebte man seinerzeit an, sich als Logistiker neu aufzustellen. Die damalige Geschäftsführung kündigte sogar an, noch mehr Personal einzustellen.

Die Probleme haben überdauert

Doch es kam anders. Anfang 2017 wechselte Cinram zunächst den Besitzer, ein neuer Geschäftsführer wurde installiert. Wenige Wochen später verlor man mit Universal Pictures einen seiner wichtigsten Kunden, der Niedergang vollzog sich nun Schlag auf Schlag: Insolvenzverfahren, Teilschließung, Massenentlassungen. Ende Juli 2017 wurde der letzte Silberling produziert.

Dann kehrte mit Warner Home Video ein weiterer Großkunde der Firma den Rücken. Schließlich kaufte die Avos GmbH das auf, was noch von der Firma übrig war. Der Name Cinram verschwand aus Alsdorf. Die Probleme aber, das zeigt die aktuelle Entwicklung, haben den Neuanfang überdauert.

Von dem Unternehmen war am Mittwoch keine Stellungnahme zu bekommen.