Köln: Christopher Street Day zwischen Kitsch und Kommerz

Köln: Christopher Street Day zwischen Kitsch und Kommerz

Es ist Christopher Street Day (CSD) - Schwulen- und Lesbenparade in Köln: Ein kleines Mädchen steht auf der Deutzer Brücke und zeigt mit großen Augen auf zwei Passanten. Die Mutter klärt ihre Tochter auf: „Nein, das ist jetzt mal ne echte Frau.”

Das Mädchen nimmt etwas enttäuscht den Finger runter.

Der Himmel ist grau über Köln. Doch die Paradiesvögel der lesbisch-schwulen Community halten sich sowieso an keine Kleiderordnung. André geht auf und ab, benutzt die getönte Scheibe des Polizeiwagens als Spiegel und fragt betont beiläufig: „Wo ist denn eigentlich dein Fotograf?”

Gesehen werden gehört zu jeder Regenbogenparade wie Festwagen und basslastige Musik. Nur wenige Meter weiter steht Jörg mit seinem rosa-lila Festgewand aus Pailletten. Auf dem Rücken trägt der 42-Jährige ein wagenradähnliches Plüschkonstrukt, besetzt mit pinken Federn. „Grade bin ich aus Las Vegas wiedergekommen und habe mich da von der glamourösen Stimmung inspirieren lassen.”

Auf dem CSD sei er deshalb ein „Las Vegay”, im echten Leben dagegen in der Fernsehbranche: „bei Bundeswehr TV produziere ich das Informationsprogramm für die deutschen Soldaten.”

Längst ist der CSD nicht mehr nur eine politische Demonstration für die Gleichstellung von Minderheiten oder Präsentationsplattform für Paradiesvögel. Die Wirtschaft hat das Potenzial der Parade schon vor langem erkannt. Als Sponsoren schmücken Firmen viele Festwagen mit riesigen Bannern und werben so um die „DINK-Community (double income, no kids)”. Ein Wasserbettenhersteller zeigt sich in seinem Slogan mäßig kreativ: „Irgendwann schläft jeder mit uns”, steht auf der Werbetafel.

Nach Schlafen ist den Frauen und Männern vom Fetisch-Festwagen augenscheinlich nicht zumute. Alexander (33) trägt voller stolz eine lederne Schärpe mit der Aufschrift „Mr. Fetisch NRW”, einen Titel, den ihm die Fetisch-Community dieses Jahr zugesprochen habe. Gut gelaunt verweist er auf die anderen Preisträger: „Das dahinten ist „Mr. Leather Hamburg” und dann kommt auch noch der IML, der „International Mr. Leather”, das sei der Eric aus Paris.” Auf die Frage nach der Gruppe weiter rechts weicht die Euphorie etwas: „Ach die, das ist die Gummifraktion.”

Kurz hinter Franco (49) und seiner Majorette-Tanzgruppe gibt es kein vorbei an Dirk und seinen Freunden. Was die sieben Männer eint sind riesige Drachenflügel, Lendenschurz und Waschbrettbauch. Bewaffnet mit Sekt und Kölsch empfinden sie den CSD in Köln mehr als Party denn als Demo: „Das kommt durch die Rheinländer”, sagt Dirk (36). „Es ist ein bisschen wie Karneval im Sommer.”

Und so freut es die Gemeinschaft, dass sich für später auch noch Hannelore Kraft (SPD) angekündigt hatte, um eine Rede halten. Die Ministerpräsidentin sehen die Schwulen und Lesben durchaus als Vorbild für den Umgang mit Minderheiten an - schließlich stehesie im Düsseldorfer Landtag einer Minderheitsregierung vor.