Carolyn Carlson beim Schrittmacher-Festival in Aachen

Schrittmacher-Tanzfestival in Aachen : Sie fallen, sie stürzen, sie ringen

Carolyn Carlson ist eine Ikone des Modern Dance. Mit ihrer Company und ihrer Choreografie „Crossroads to Synchronicity“ ist die US-Amerikanerin zu Gast beim Aachener Schrittmacher-Festival.

Die langen Haare der drei Tänzerinnen und drei Tänzer fliegen, verhüllen, verbergen und modellieren den Ausdruck, die Blicke sind wie in Trance auf ein fernes Glück oder Unglück fokussiert: In Carolyn Carlsons Choreographie „Crossroads to Synchronicity“, eine Weiterentwicklung dieser Arbeit aus dem Jahr 2012, geht es um das Aufeinandertreffen von Erinnerungen und Emotionen. Auf der Bühne des Aachener Schrittmacher-Tanzfestivals bietet die wuchtige Umgebung der Fabrik Stahlbau Strang den starken Bildern, die in gut 80 Minuten Tanz ohne Pause die Akteure völlig erschöpfen, einen faszinierenden Rahmen. Die US-amerikanische Tänzerin und Choreographin, die gerade ihren 76. Geburtstag feiern konnte, sitzt im Publikum – so temperamentvoll wie in all den Jahren, als sie den zeitgenössischen Tanz revolutionierte.

Carolyn Carlson, das bedeutet barfuß tanzende Künstler, die perfekte Körperbeherrschung mit einer bedingungslosen Ausdrucksbereitschaft verbinden, die sich von der geisterhaften Zeitlupe zur Ekstase steigern. Parallel zu den Aktionen der Company, die im beständigen Stürzen, Fallen und Ringen einen geheimen Rhythmus findet, laufen auf einer Videoleinwand Szenen, die die Inhalte verstärken.

Im Tanz thematisiert Carolyn Carlson das Amerika von gestern und heute. Dabei bleibt das Frauenbild im Mittelpunkt. Aus Unsicherheit und permanenter Ausnutzung erwächst Missbrauch, die eingewanderte Generation hat ihre Nöte, auf der Videoleinwand drängen sich die Zurückgebliebenen, Trauernden, verzweifelt Scheiternden. Dann endlich die freche Emanzipation im Rock’n’Roll, der kraftvoll getanzt und witzig gespielt wird. Die Mädchen greifen sich ihre Jungs. Später werden sie Stiefel anziehen und die Gewehre schwingen.

Dann halten wieder Sehnsucht und Elegie Einzug, die Sucht nach Schönheit etwa, die treibende Angst, etwas zu versäumen. Arroganz, Neid und Verachtung resultieren aus Egozentrik. Stark das Bild der Armut: Tief beugen sich die gesichtslosen Menschen in eine der typischen amerikanischen Abfalltonnen. Hier wird der Mensch entsorgt.

Lebhafte Gestik in all ihren Spielarten war stets Carolyn Carlsons stärkste Sprache – so hat sie ihr Ensemble trainiert. Hände zeichnen, was unaussprechlich ist, den Verlust der Balance, die Gier, den Lebenshunger und die Lebensmüdigkeit. Musiktitel von rund einem Dutzend Musiker sorgen für einen dichten Klangteppich. Der düster aufbrausende „Valse Triste“ aus der sinfonischen Dichtung „Finlandia“ von Jean Sibelius geht jedenfalls heftig unter die Haut. Gegen Ende liegen die Körper der Frauen wie Opfer auf Tischen, unter denen die Männer sich verkriechen. Aus einer geheimen Tür, bei der man nicht weiß, ob dahinter Himmel oder Hölle warten, fällt ein Lichtschein über die Bühne. Das Geheimnis des­poetischen Werkes bleibt. Donnernder Applaus des Publikums.

Die Produktion ist noch einmal am Freitag um 21Uhr im Stahlbau Strang an der Philipsstraße in Aachen zu sehen. Karten gibt es eventuell noch an der Abendkasse (Angaben ohne Gewähr).

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