Aachen: Campusbahn: Auf die Schiene oder an den Prellbock?

Aachen: Campusbahn: Auf die Schiene oder an den Prellbock?

Es wäre die größte Investition, die die Stadt Aachen jemals gestemmt hat. 240 Millionen Euro — Kalkulation heute — soll die Campusbahn kosten. Dafür würde man eine Strecke von rund zwölf Kilometern vom Uniklinikum durch die Stadt bis nach Aachen-Brand bekommen — inklusive den Zügen, dem Depot und einer Leitstelle.

Zwischen vier bis 6,5 Millionen Euro — Kalkulation ebenfalls heute — müssten pro Jahr aus dem Aachener Haushalt an Folgekosten inklusive Zinsen und Tilgung für die Kredite locker gemacht werden. Aachens Kämmerin Annekathrin Grehling hat jüngst in ihrem Etatentwurf 2013 eine Abhandlung über das Projekt verfasst. Und sie hat der Politik mitgeteilt: Zusätzlich sind diese Millionen aus dem Etat nicht zu holen. Da auch das Sparpotenzial weitgehend ausgeschöpft ist, müssten mehr Einnahmen her. Steuererhöhungen also. Und genau an dieser Stelle, nämlich in Sachen Finanzen, tobt der Meinungsstreit.

Heftiger Meinungsstreit

Er tobt so heftig, dass selbst die meisten Ratspolitiker zu außergewöhnlichen Mitteln greifen wollen. Wenn der Stadtrat am 19. Dezember ein Votum voraussichtlich für den Bau der Campusbahn abgeben wird, dann wird gleich hinterher auch noch ein sogenannter „Ratsbürgerentscheid“ beschlossen. Dieses Instrument gibt es erst seit wenigen Jahren. In einer Stadt der Größenordnung Aachens hat es das noch nie gegeben. Das heißt nichts anderes, als dass der Stadtrat die Bürger befragt, ob sie dieses Projekt wollen oder nicht. Der Bürgerentscheid wird aller Voraussicht nach im März über die Bühne gehen. Es hätte wohl auch ohne den Rat einen solchen Entscheid gegeben. Denn das Bürgerbegehren „Campusbahn-Größenwahn“ hat die nötigen 8000 Unterschriften annähernd zusammen.

Politisch sieht es so aus: SPD und Grüne haben sich bereits für das Projekt in Stellung gebracht, die Linke ebenfalls, die FDP ist dagegen. Die CDU als weitaus größte Fraktion hadert noch mit sich. Vermutlich kommenden Montag wird sie ihre Entscheidung treffen, ob sie dafür oder dagegen ist. Es gibt zahlreiche Kontra-Stimmen bei den Christdemokraten. Möglicherweise aber wird man so vorgehen, dem Projekt zunächst zuzustimmen — auch, um den Weg zum Ratsbürgerentscheid, für den es einer Zweidrittelmehrheit bedarf, freizumachen.

In dieser heißen Phase wird es nun kurz vor der Entscheidung noch eine große Diskussionsveranstaltung geben — organisiert von neutraler Seite. Am kommenden Dienstag um 18.30 Uhr laden die Aachener Stiftung Kathy Beys, die Initiative Aachen und der Verein „aachen fenster — raum für bauen und kultur“ ins Super C der RWTH am Templergraben ein. Es soll eine vielschichtige Veranstaltung werden, bei der es am Ende viel Raum für Zuschauerfragen geben wird. Diskussionsstoff gibt es jedenfalls reichlich. Zunächst wird Professor Heiner Monheim von der Uni Trier über „Chancen und Potenziale von Stadtbahnen und nachhaltiger Stadtentwicklung in Zeiten des Klimawandels“ sprechen. Danach gibt es Pro- und Kontra-Statements von Regina Poth, Geschäftsführerin der Campusbahn GmbH, und Maximilian Slawinski, Sprecher des Bürgerbegehrens (siehe links).

Das „Innovationspotenzial und verkehrliche Notwendigkeit der Campusbahn“ skizziert Professor Dirk Vallée vom Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr der RWTH. Beim anschließenden Podiumsgespräch sind überdies Aachens Planungsdezernentin Gisela Nacken, Aseag-Vorstand Michael Carmincke und Professor Erhard Möller, Unterstützer des Bürgerbegehrens und langjähriger stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Aachener CDU, dabei. Nicht zuletzt wird es dann breiten Raum für die Bürgermeinung geben. „Wir wollen eine neutrale Plattform schaffen, auf der sich Pro und Kontra Campusbahn begegnen und ihre Argumente austauschen können. Es ist unser vorrangiges Ziel, die Informationsbasis zu verbessern und die Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen zu lassen, die an dem Thema interessiert sind“, sagt Professor Gisela Engeln-Müllges, Vorstandssprecherin der Initiative Aachen, zur Motivation der Initiatoren. Und das auf der Zielgerade zur Ratsentscheidung.

Es bleibt spannend

Es bleibt also spannend bei diesem Megaprojekt, dessen Ursprung im Bau des RWTH-Campus Melaten liegt, der mit einem innovativen Verkehrsmittel an die City angebunden werden sollte. Doch rasch wurde der Plan erweitert — auf besagte Strecke vom Klinikum bis nach Brand. Auf dieser Strecke sieht man mit knapp 32000 Fahrgästen täglich die Buskapazitäten am Limit. Dabei soll die Campusbahn für weitere Projekte der Elektromobilität genutzt werden — auch wenn die Stadt im Rennen um ein Leuchtturmprojekt des Bundes und zusätzliches Geld das Nachsehen hatte. So sollen auf der Trasse E-Busse eingesetzt werden, die innerstädtisch mit Batterien fahren und außerhalb die Oberleitungen nutzen können, um die Akkus aufzuladen. Außerdem soll es Ladestationen geben, an denen man E-Mobile und E-Bikes aufladen kann, während man mit der Campusbahn unterwegs ist — ein elektromobiles P&R-System. Zudem soll die Campusbahn in Aachen-West und -Rothe Erde Verküpfungspunkte mit der Euregiobahn und dem überregionalen Bahnverkehr schaffen. Doch das ist alles noch Zukunftsmusik. Frühestens Ende des Jahres 2018 könnte die Campusbahn auf die Schiene gesetzt werden. Zuvor haben jedoch die Politik und höchstwahrscheinlich auch noch die Bürger das Wort.

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