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Aachen: Bunt, süß, cool - und äußerst verführerisch

Aachen : Bunt, süß, cool - und äußerst verführerisch

Mario und Stefan (Namen von der Redaktion geändert) wissen genau, was es braucht für den kleinen Rausch zwischendurch.

Die poppig-bunten Flaschen, die sie an diesem frühen Abend mitten in der Aachener Innenstadt zügig leeren, haben sie an einer Tankstelle gekauft - völlig problemlos.

„Wir sind noch nie kontrolliert worden”, sagen die beiden und fahren in den Planungen für den weiteren Abend fort. Das ein oder andere Fläschchen - so viel steht fest - wird dabei noch dran glauben müssen.

Völlig problemlos? Mario und Stefan sind 17, und deshalb hätte der Kassierer an der Tanke die beiden Schüler eigentlich hochkantig rausschmeißen müssen. Wer noch keine 18 Jahre alt ist, darf keine Spirituosen kaufen. So sieht es das Gesetz vor.

Doch in den von Mario und Stefan frisch erstandenen 0,35-Liter-Flaschen ist Alkohol, auch wenn es nicht unbedingt so schmeckt. Alcopops nennen sich die bis zu zwei Euro teuren Mischgetränke aus Limonade und Spirituosen, die gegenwärtig bei den Jugendlichen in Deutschland ganz hoch im Kurs stehen. Dies hat eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergeben.

Für die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sind die Fläschchen schlicht „der Turbolader für die Absätze der Alkoholindustrie”.

„Absoluter Kult-Mix”

Die Zahlen bestätigen diese Einschätzung. Bei Bacardi Deutschland, das mit „Rigo” den Marktführer im Programm hat, liest sich das so: „Seit seinem ersten öffentlichen Auftritt im Mai 2001 hat sich der erfrischende Spirituosen-Mix zum absoluten Kult-Mix gemausert.

In Clubs, Bars und Diskotheken darf der Karibik-Drink mit 5,4 Prozent Alkohol heute ebenso wenig fehlen wie bei der Party zu Hause oder beim Treffen mit Freunden.”

„Rigo”, das übrigens auch Mario und Stefan bevorzugt süppeln, ist ein „Mix aus Rum, Lime&Soda” - klein, grün und reichlich stark. Denn der Alkoholgehalt entspricht dem von zwei Schnapsgläsern.

In den ersten Jahren explodierte der Umsatz, im abgelaufenen Geschäftsjahr verkaufte das Unternehmen laut Sprecherin Tanja Knott 70 Millionen Einheiten. Die gesamte Branche brachte 2003 über 200 Millionen Flaschen unter die Leute.

Bei Bacardi macht der Verkauf von Alcopops mittlerweile 30 Prozent des Gesamtumsatzes im Lebensmittelhandel aus. Dort stehen die bunten Flaschen griffbereit - und manchmal sogar da, wo sie überhaupt nicht hingehören: direkt neben dem Fruchtsaft.

Die Verführung ist also groß, und deshalb stoßen die Überlegungen der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, eine Sonderabgabe auf Alcopops zu erheben, bei Verbraucherschützern und Suchtberatungsstellen auf positive Resonanz. Die Getränke würden so teurer - zu teuer vielleicht für viele Jugendliche.

Rolf Hüllinghorst, der Geschäftsführer der DHS, moniert vor allem die künstlichen Aromen und extreme Süße der Getränke: „Sie täuschen über den Alkoholgeschmack hinweg. So gewöhnen sich Minderjährige spielerisch an Alkohol und Rausch.”

Die Verbraucherschutzorganisation Food Watch kritisiert, die Industrie habe den Geschmack, das Design und die aggressive Werbung ganz speziell auf Jugendliche abgestimmt. Deshalb müssten die Unternehmen auch Verantwortung tragen.

Die weisen diese Vorwürfe naturgemäß weit von sich. Bacardi-Sprecherin Knott verweist darauf, dass die Werbung in ihrer Mischung aus Erotik und karibischem Flair ganz auf junge Erwachsene ausgerichtet sei.

Dass auch Jugendliche sehr gern zu den bunten Flaschen greifen, sei nicht die Schuld der Hersteller: „Wir haben ein Jugendschutzgesetz, dass die Abgabe an unter 18-Jährige strikt verbietet. Dieses Gesetz muss eingehalten werden. Da sind die Vertreiber - also Geschäfte, Kneipen, Tankstellen - in der Pflicht.”

Schützenhilfe bekommt sie vom Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure (BSI). „Wir plädieren vehement für die Einhaltung dieser Vorschrift”, sagt Geschäftsführerin Angelika Wiesgen-Pick. „Wenn Gastronomie und Handel sich nicht daran halten, kann man dafür nicht die Hersteller verantwortlich machen. Irgendwo ist die Verantwortung zu Ende.”

Immerhin hat Bacardi auf den öffentlichen Druch reagiert und sich dazu verpflichtet, den Altershinweis „Ab 18 Jahre” auf die Flaschen zu pappen. Das soll mit den jetzt neu produzierten Flaschen auch geschehen, so Knott. Der Spirituosen-Riese Diageo („Smirnoff Ice”) zieht mit.

Eine Sonderabgabe stößt - wie kann es anders sein - bei den Unternehmen auf wenig Gegenliebe. Dass, wie Caspers-Merk immer wieder anführt, eine solche Strafabgabe in Frankreich sehr erfolgreich gewesen sein soll, lässt Knott nicht gelten: „Die Alcopops sind dort zwar fast völlig vom Markt verschwunden, dafür trinken die französischen Jugendlichen wieder viel mehr Wein und Bier. Das haben Studien bewiesen.” Diageo-Sprecher Holger Zikesch bringt es griffig auf diesen Nenner: „Aufklärung ist angesagt, aber keine neue Steuer.”

Mario und Stefan haben derweil munter die zweite Flasche geköpft. Was sie tun werden, wenn die Alcopops dramatisch teurer würden? „Dann trinken wir anderen Stoff.” Geld löst eben nicht alle Probleme.

Die repräsentative Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat zum Teil Besorgnis erregende Ergebnisse zu Tage gefördert.

Danach sind Alcopops die beliebteste alkoholische Getränkeart bei den 14- bis 17-Jährigen. 48 Prozent greifen mindestens einmal pro Monat zu den bunten Flaschen. 35 Prozent trinken mindestens einmal im Monat Bier.

Jugendliche im Alter von 14 bis 17 trinken Alcopops häufiger als junge Erwachsene. Den 48 Prozent in dieser Altersgruppe, die den Mix mindestens einmal im Monat trinken, stehen 39 Prozent bei den Älteren gegenüber.

Die Bekanntheit dieser Getränke ist laut Studie vor allem von verkaufsfördernden Maßnahmen abhängig. 91 Prozent der 14- bis 17-Jährigen kennen Alcopops durch die Werbung, 90 Prozent haben die Flaschen schon einmal im Supermarkt gesehen.

Vier Fünftel der Jugendlichen kennen die Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes. Sie wissen also sehr genau, dass Spirituosenmixgetränke nicht an unter 18-Jährige abgegeben werden dürfen.