Aachen: Bunker in Aachen: Vergessene Lebensretter aus Beton

Aachen: Bunker in Aachen: Vergessene Lebensretter aus Beton

Die richtigen Schlüssel und mindestens zwei Männer braucht es, um die schweren Gitter verletzungsfrei aus der Verankerung zu heben. Niemand soll unbefugt in diese Räume gelangen. Die Treppenstufen führen geschätzte fünf Meter unter die Monheimsallee — in einen fast vergessenen Bunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Sie sind unter Dreck und Matsch begraben, der Abstieg ist eine rutschige Angelegenheit. Gerd Bussen, Leiter des Immobilienmanagements der Stadt Aachen, bewegt sich gebückt und vorsichtig. Stücke der verrosteten Handläufe sind komplett weggefault. Sie lassen erahnen, wie es unten in den Räumen aussehen mag. Der Abstieg endet in einem schwarzen Loch.

Wie die Weizenernte, so fiel die Seelenernte aus, im Sommer '45. Der Krieg war vorbei, Hunger und die Sorge um Obdach übernahmen das Regiment. Unter den Aachenern, denen der Sturm über Europa außer ihrem Leben oft alles genommen hatte, gab es eine handvoll Glückliche. Sie fanden in den Tiefbunkern unter Aachens zerschundener Oberfläche Zuflucht.

Als die ersten alliierten Maschinen Aachen überflogen, war von dem Tunnelsystem jedoch noch nichts zu sehen. Es war im zweiten Jahr des Krieges, am 11. Mai 1940, als das erste britische Flugzeug über Aachen gesichtet worden sein soll. Kurz darauf begannen die Arbeiten zum Bau der Bunker in Aachen, die bis heute das Stadtbild prägen. Die westlichste Großstadt Deutschlands war unter die gefährdeten Städte eingestuft worden, im Rahmen des sogenannten Führersofortprogramms entstanden die grauen Riesen.

Ohne künstliche Lichtquelle ist an dieser Stelle Schluss. Bussen schaltet eine Taschenlampe ein. Am Fuß der Treppe knickt der Gang nach rechts ab, teilt sich. Links das Belüftungssystem mit alten, in die Wand eingelassenen Öfen. Der rechte Gang endet wieder in einem schwarzen Loch. Nicht einmal im Schein der Taschenlampen zeichnet sich das Ende des Tunnels ab. Auf beiden Seiten unterbrechen immer wieder Holztüren die nackten Betonwände. Die meisten stehen einen Spalt auf, geben den Blick auf die Räume dahinter frei. Größe: vielleicht fünf Quadratmeter.

Bis die Bunker einsatzbereit waren, hatten die Aachener in der Regel in Kellern Schutz gesucht. Das Luftschutzgesetz regelte den Ausbau von gemauerten Untergeschossen als Sammelräume für die Bewohner bestimmter Straßen. Luftschutzwarte regelten den Einlass und sorgten für Ausstattung und Instandhaltung.

Spätestens mit dem ersten schweren Luftangriff am 10. Juli 1941 begann für die Bewohner der Stadt das jahrelange Leben in Angst — und in den Kellern. Denn was zunächst noch als „Kleckerangriffe“ verspottet wurde, weitete sich schnell zu todbringenden Attacken aus. Tausende starben bei den insgesamt 74 Angriffen, Zehntausende verloren Heimat und Habe. Noch beim letzten Großangriff am 25. Mai 1944 starben beinahe 200 Menschen.

Neben den bekannten und präsenten Hochbunkern entstanden außergewöhnliche Anlagen. Zu ihnen gehören die Tiefbunker in der Monheimsallee und an der Römerstraße, oder der Stollen unter dem Salvatorberg mit seinem Eingang an der Ludwigsallee.

Leonhard Jussen hat die Zeit als Kind in Aachen verbracht. Mit seiner Mutter habe er oft Schutz vor alliierten Bomben gesucht, erzählt er — zuerst im Luftschutzkeller, später im Bunker. „Nicht alle Leute, die da hinein wollten, haben auch einen Platz bekommen.“ Die Bunker konnten im Schnitt rund 2000 Schutzsuchende aufnehmen. Nimmt man die Kapazität der Anlagen zusammen, hätte gerade einmal ein Viertel der Bevölkerung Aachens Platz gehabt.

Bis 1943 entstanden insgesamt 16 Hochbunker, zwei Tiefbunker, mindestens sechs sogenannte Deckungsgräben und sechs Stollen, etliche Pionierstollen, 45 öffentliche Luftschutzräume sowie Bunker bei großen Firmen, in Industrie und Verwaltung. Einige der Anlagen wurden nicht fertig, andere baute man kleiner als ursprünglich geplant. Das Deutsche Reich, schon beim Bau des Westwalls Ende der 1930er Jahre kurz vor dem Ruin stehend, zog die Arbeitskräfte von den Bunkern noch einmal zur Festigung des vermeintlichen Verteidigungsbollwerks heran, dass die US-Armee am Ende doch weitgehend mühelos zu überspringen vermochte.

Mit der Kapitulation von Stadtkommandant Gerhard Wilck am Bunker Rütscherstraße begann am 21. Oktober in Aachen die Nachkriegszeit. Viele Aachener — nur rund 6000 erlebten das Ende der Kämpfe in ihren Verstecken in der Stadt — fanden in den Bunkern jetzt dringend benötigte Unterkunft. Der Alltag spielte sich nun dort ab, wo man zuvor die Bombennächte durchgemacht hatte: Wohnen, Kochen, Waschen, Spielen — ganze Familien lebten so über Jahre auf engstem Raum, erst noch durch handgezimmerte Wände notdürftig von den Nachbarn getrennt, dann durch eingezogene Mauern. Zeitzeugen erinnern sich an Kochgerüche, Lärm, Diebstähle, an kaum vorhandene Privatsphäre.

Bussen stößt eine der Holztüren auf, an der noch das Namensschild eines ehemaligen Mieters hängt. Seine Schritte hallen von den kahlen Wänden wider. Sie wurden mit Farbe verziert — es sieht fast aus wie tapeziert. Der Versuch, ein wenig Wohnlichkeit hinter zwei Meter dickem Beton zu schaffen. Wie selbstverständlich wurden die Bunker jahrelang in die Adressverzeichnisse integriert. Im Telefonbuch der Stadt aus dem Jahr 1951 findet sich die Anschrift „Bunker Monheimsallee“, auch in die Juncker- oder Scheibenstraße wurde Post geliefert. Anderswo zogen Kurzzeitmieter ein, der Tiefbunker Römerstraße wurde zum Hotel für Durchreisende und kurzfristige Unterkunft der Heimkehrer.

Mitte der 50er Jahre hatten die letzten Mieter ihre Bunkerwohnungen geräumt, der Aufbau Aachens ließ den Umzug in Wohnungen zu. Es begannen Zeiten des Übergangs, der vorläufigen Nutzung oder des Dornröschenschlafs in Grau. Mit dem Schweigen über das Geschehen der Jahre 33 bis 45 gerieten auch die Bunker in den Hintergrund des Bewusstseins. Sie wurden sich selbst überlassen, in den 60er Jahren spielten Kinder in den Gängen und Nischen der Betonriesen. „Der Bunker Juncker­straße war verschlossen. Aber wir Kinder kamen ja überall irgendwie rein“, erinnert sich Wilfried Prickarts. In dieser Zeit verschwand auch alles irgendwie Trag- und Verwertbare, was noch an die Jahre der bedrückenden Belebtheit erinnerte.

In den unterirdischen Räumen wird das heute deutlich. Ein paar Lichtschalter, Toiletten, Waschbecken oder Wasserhähne — viel mehr bleibt nicht zu entdecken. Im Stollen unter dem Salvatorberg weisen grüne Markierungen den Weg, die im Dunkeln gespenstisch leuchten. Aber sonst ... weite Leere. Die Wegweiser haben ihren Sinn, der Bunker ist weitläufig — große Räume und hallenartige Gänge scheinen nur darauf zu warten, dass wieder Sirenen heulen.

Erst in den 70er und 80er Jahren wurde es wieder etwas munterer hinter den meterdicken Wänden, wenigstens der Hochbunker. Bands der stetig wachsenden Musikszene fanden dort reichlich Platz für dringend benötigte Proberäume. Bis heute stehen vier Bunker Aachens Musikern zur Verfügung.

Die Stadt und die Bundesanstalt für Immobilien, denen die Bunker nach dem Krieg zufielen, haben in den vergangenen Jahren alles getan, um die ungeliebten Anlagen aus ihren Beständen zu streichen. Der Bunker in der Kongressstraße wurde in den 80er Jahren aufwendig und vielbeachtet zum Wohnhaus umgebaut, gleiches geschah 2013 an der Lütticher Straße. Andere verschwanden aus dem Stadtbild, zuletzt der geschichts- und schicksalsträchtige Bau an der Rütscher Straße. Anderswo ist Bewegung nicht in Sicht — wie in den unterirdischen Anlagen in der Ludwigs- und Monheimsallee. „Wir würden die Anlagen nur zu gern abgeben“, sagt Gerd Bussen.

„Aber der Zustand hat bisher jeden der wenigen Interessenten abgeschreckt“. Für ihn sind die Kon­trollgänge in ein vergessenes Stück Stadtgeschichte „immer wieder aufregend“, sagt Bussen. „Es müsste mal jemand kommen, der ein Nutzungskonzept und vor allem das nötige Geld für die Instandsetzung mitbringt. Das würde allerdings in die Hunderttausende gehen.“ Eine Disco, eine Erlebniswelt, das sind seine ersten Ideen. „Aber ich bin da skeptisch, was die nächsten Jahre angeht“, fügt Bussen nachdenklich hinzu. Bis dahin werden Schritte nur alle paar Jahre bei den seltenen Routinegängen die Stille durchbrechen.