Brieftaubenzucht ist für viele mehr als nur immaterielles Kulturerbe

Immaterielles Kulturerbe : Die Taubenzucht als Konstante in Zeiten von Krieg und Frieden

Die Geschichte von Alen Feriz und seinen Tauben ist auch eine Geschichte von Krieg und Frieden. Aufgewachsen im ehemaligen Jugoslawien haben ihn die Kämpfe begleitet und auch viel genommen – wie seine Tiere. Heute kann er nicht mehr ohne seine Zucht. Tierrechtler haben für das Hobby aber keinerlei Verständnis.

Die Geschichte von Alen Feriz und den Tauben ist auch eine Geschichte von Krieg und Frieden, denn Feriz, 39, hat nicht immer im einigermaßen beschaulichen Bank gelebt, einem Ortsteil von Kohlscheid, aufgewachsen ist er im ehemaligen Jugoslawien.

Mala Kladusa hieß das Dorf, 2000 Einwohner, ein Telefonanschluss. Und dann war da Feriz, der Junge, der Tauben haben wollte, weil sein Vater Tauben hatte. Solange Feriz denken konnte, war das so. Er bekam die Tauben, da war er zehn, der Vater baute ihm einen Schlag. Wahrscheinlich ist es nicht übertrieben zu sagen, dass die Vögel für den Jungen ein und alles waren, er hat sie geliebt.

Was der Krieg einem Kind nimmt

Dann kam der Krieg, und wie jedem Menschen, der ihn erlebt, hat er auch Feriz viel genommen, Heimat, Vertrauen, die Unbeschwertheit eines Kindes. Aber der Krieg hat Feriz auch die Tauben genommen, für ihn war das vielleicht das Schlimmste.

Heute hat Feriz wieder Tauben, zwei Schläge, sie stehen im Garten und hätte er sie dort nicht hinbauen dürfen, wäre Feriz nicht in diese Wohnung gezogen. Feriz sagt: „Ohne Tauben gehe ich nirgendwo mehr hin.“ Die Tiere bedeuten ihm ziemlich viel.

Feriz ist Brieftaubenzüchter, und wer in Deutschland Brieftauben züchtet, der führt eine Tradition fort, über die sich sagen lässt, dass sie die Bundesrepublik, zumindest die frühe, ein bisschen geprägt hat. Heute allerdings gehört die Brieftaubenzucht zum Kanon jener Beschäftigungen, die aus der Zeit gefallen wirken, was sich auch in Zahlen spiegelt: Waren in den 60er Jahren bis zu 105.000 Menschen im Verband Deutscher Brieftaubenzüchter organisiert, sind es mittlerweile 30.000. Ein Hobby, dem langsam die Vergessenheit droht, ein Hobby aber auch, das gerade eine so große Aufmerksamkeit erfährt wie schon lange nicht mehr.

Was zum einem daran liegt, dass die Konferenz der Kultusminister darüber entscheidet, ob sie der Brieftaubenzucht auf Bundesebene den Status zuspricht, den sie in Nordrhein-Westfalen bereits hat: den eines immateriellen Kulturerbes. Die Entscheidung fällt voraussichtlich am Donnerstag.

Alen Feriz (Bild oben) steht in einem seiner beiden Taubenschläge in Kohlscheid-Bank. Er sagt, wenn man eine Taube halten wolle, müsse man behutsam sein, um sie nicht zu verletzen. Foto: AZ AN/Christoph Classen

Zum anderen nehmen Tierschützer und ihre Verbände die Kulturerbeentscheidung zum Anlass, die seit Jahren bestehende Kritik an der Brieftaubenzucht neu zu formulieren, sie verschicken Pressemitteilungen, in denen davor gewarnt wird, das Hobby mit dem neuen Status aufzuwerten, und oft raten sie dazu, es gänzlich abzuschaffen. Auch das sorgt für Aufmerksamkeit.

Bei Alen Feriz ist es wohl so, dass man ihm die Brieftauben schon verbieten müsste, damit er sie aufgibt, denn wenn er gefragt wird, wie lange er dieses Hobby noch machen möchte, dann sagt er: „Bis ich nicht mehr kann.“

Als Kind im Krieg schenkte er den Tauben die Freiheit

Samstag, ein nebliger Vormittag, Feriz sitzt in seinem Wohnzimmer, der Fernseher läuft lautlos, er zeigt irgendeinen Zeichentrickfilm. Eben waren seine drei Kinder noch da, sie haben sich jetzt in ihre Zimmer verzogen, Feriz spricht leise. 25 Jahre ist es her, dass er die Tauben verloren hat, die er von seinem Vater bekam. Das mag eine lange Zeit sein, aber es fällt Feriz schwer, darüber zu sprechen.

Als die Panzer in sein Heimatdorf im ehemaligen Jugoslawien kamen, da brachten sie neben der Zerstörung auch den Hunger, die Menschen hatten nichts mehr zu essen, und irgendwann beschloss Feriz, seinen Taubenschlag zu öffnen und nicht mehr zu schließen. Er konnte den Tieren nichts mehr geben außer Wasser und Freiheit. Die Tauben flogen, aber sie kamen anfangs zum Schlag zurück, weil sie gewohnt waren, dort Futter zu bekommen. Feriz ging weiter jeden Tag zu seinem Schlag, ohne Futter, er hatte keins, er brachte ihnen Wasser. Aber mit jedem Mal waren weniger Tauben da, und noch bevor er nach Deutschland gebracht wurde, mit 14, waren alle Tauben weg. Vielleicht muss man diese Geschichte kennen, um zu verstehen, warum Feriz die Brieftaubenzucht freiwillig nicht aufgeben wird.

Natürlich hat nicht jeder Taubenzüchter Dinge erlebt, wie Feriz, aber es ist dennoch davon auszugehen, dass der Großteil von ihnen das Hobby nicht freiwillig aufgegeben hat. Wahrscheinlicher ist, dass die Taubenzucht in den meisten Fällen dann endet, wenn der Mensch eine Lebensphase erreicht hat, in der es ihm zu beschwerlich wird, die Tiere zu versorgen. Dafür spricht zumindest die Altersstruktur in den Verbänden. Deren Problem ist ein strukturelles, weil dort, wo die alten Züchter sterben, keine jungen nachkommen. Das ist ein Punkt, an dem auch Tierrechtler ansetzen, zumindest Christian Arleth macht es so.

Tierschützer sprechen von einem „quälerischen Hobby“

Arleth, 31, ist Rechtsanwalt bei der Tierrechtsorganisation Peta, er nennt die Brieftaubenzucht „ein tierquälerisches Hobby“ und begründet das damit, dass es Tiere zu Unterhaltungsobjekten degradiere, dass Tauben bei Wettflügen stürben und dass besonders erfolgreiche Exemplare für teilweise sehr viel Geld versteigert würden. Arleth sagt: „Für uns ist klar, dass die Züchter die Tiere nicht als Lebewesen betrachten.“

Er sieht es so, dass die kleiner werdende Zahl von Brieftaubenzüchtern nicht vom Himmel gefallen sei, sie habe ihre Gründe, und ein ganz wesentlicher bestünde darin, dass es in den vergangenen Jahren ein wachsendes Bewusstsein für Tiere und ihr Wohl gegeben habe. Ein Beispiel seien die Zirkusse, in denen heute nur noch wenige Wildtiere zu sehen seien, weil die Menschen das irgendwann nicht mehr wollten und dagegen protestierten. Ein anderes die gewachsene Achtsamkeit beim Fleischkonsum und das Hinterfragen, was mit dem Tier geschehen ist, bevor es auf den Teller kam.

Diese Dinge sprechen aus Arleths Sicht dafür, dass die Menschen sich heute mehr Gedanken darüber machen, ob es Tieren gut geht, und deswegen wollten immer weniger Tauben züchten. Er ist dagegen, dass die Zucht zum Kulturerbe auf Bundesebene wird, er sagt auch: „Aus einer rein menschlich-romantischen Perspektive kann ich verstehen, dass man sich nach alten, einfachen Zeiten zurücksehnt.“

Die Brieftaubenzucht hat eine lange Geschichte

Unstrittig ist, dass die Brieftaubenzucht eine lange Geschichte hat, und wer wissen möchte, wie lang sie tatsächlich ist, der kann Michael Mahr besuchen. Wenn es so etwas gibt wie einen Verwalter des historischen Erbes des Brieftaubenwesens, dann ist das Mahr, 68, Unternehmer im Ruhestand. Er empfängt in seinem Haus in Aachen-Laurensberg, durch das zu gehen ungefähr so ist, wie eine Reise durch die Geschichte der Brieftaubenzucht anzutreten. Er schließt die Haustür und sagt: „Das wird jetzt anstrengend.“

Die Anfänge der Brieftaubenzucht hängen im Esszimmer, gerahmte Zeitungsartikel und Holzstiche, Mahr nimmt sie von der Wand, und liest von ihren Rückseiten vor, ein Mann in seinem Element.

Dass eine Taube die Fähigkeit hat, auch über weite Distanzen nach Hause zu finden, das wissen und nutzen die Menschen seit 1000 Jahren, aber der Beginn der Brieftaubenzucht, wie es sie heute noch gibt, liegt weniger weit zurück. Los ging es in Belgien, in Verviers, 1820, und im Grunde genommen auch nur, weil Taubenzüchter gemeinsam Bier tranken und einer von ihnen behauptete, dass seine Taube schneller wieder zum Schlag zurückfliegen könne als die der anderen.

Die Geburt eines Zeitvertreibs

Ein Hobby war geboren, Menschen versuchten nun, die schnellsten Tauben zu züchten, und nachdem sie in Belgien angefangen hatten, machten sie in Aachen damit weiter. Die Stadt war die erste deutsche Hochburg der Brieftaubenzucht, in ihr wurde der erste Verein gegründet, der älteste noch exisitierende ebenfalls, Mahr ist eines von vier Mitgliedern. Er geht jetzt weiter ins Wohnzimmer, zeigt auf ein Gemälde, Taube in Öl, 1852, laut Mahr das älteste von einer Brieftaube, das es auf der Welt gibt. Es bedeutet ihm viel, Mahr sagt: „Das können Sie mir eines Tages mit aufs Grab legen.“

Michael Mahr zeigt in seinem Wohnzimmer das Ölgemälde einer Brieftaube aus dem Jahr 1852. Foto: AZ AN/Christoph Classen

Es ist ein Bild, das zeigt, welche Wertschätzung Brieftauben und damit auch die Züchter mal erfahren haben. Ab den 1870er Jahren wurde sie noch größer, weil der deutsche Kaiser erkannt hatte, wie wichtig die Tauben für die Nachrichten-Übertragung beim Militär waren.

Es kam der Erste Weltkrieg, in dem Tauben mit Kameras ausgestattet wurden, um den Verlauf der Front zu fotografieren, alle zehn Sekunden ein Bild. Es kam der Zweite Weltkrieg, in dem Tauben kaum noch eine Rolle spielten, danach begann in Deutschland die goldene Zeit der Brieftaubenzucht. Mahr steigt jetzt die roten Backsteinstufen in seinen Keller hinab, wo diese Zeit am besten konserviert ist. Dort lagert nicht nur, was er die kompletteste Sammlung der Fachzeitschrift „Die Brieftaube“ nennt, die es in Deutschland gibt, sondern dort stehen auch die alten Bücher, in denen die Vereine verzeichnet sind, die beim Verband Deutscher Brieftaubenzüchter als Mitglieder geführt wurden.

Wo Bergbau ist, sind Brieftauben

In den 60er Jahren gab es in Deutschland rund 9600 Vereine, ein Drittel davon im Ruhrgebiet, es war die neue Hochburg. Die Brieftaubenzucht mag dort nie bedeutender gewesen sein als der FC Schalke, aber sie kam direkt danach. Konnten die Bergleute ihre Vögel am Sonntag nicht steigen lassen, weil das Wetter schlecht war, holten sie das am Montag nach. Die Zechen standen still.

Wo Bergbau war, da waren Brieftauben, so war das in der Region, so war es im Ruhrgebiet. Zum kleinen Haus eines Bergmanns gehörte der Kaninchenstall im Garten und der Taubenschlag auf dem Dachboden. Zwischen Brieftauben und Bergbau gibt es eine Verbindung, warum, das kann noch nicht mal Mahr letztgültig erklären, aber er versucht es. Er sagt: „Ich glaube, wenn Sie elf, zwölf Stunden am Tag unter der Erde sind, dann haben Sie danach keine große Lust, sich ins Wohnzimmer zu setzen. Dann wollen Sie raus, dann gehen Sie in den Garten, setzen sich in einen Stuhl und dann sehen Sie den Tauben beim Fliegen zu. Dann haben Sie Ruhe.“

Mahr hofft sehr darauf, dass die Brieftaubenzucht zum Kulturerbe auf Bundesebene wird, weil es ihn in dem unterstützen würde, was er bereits seit Jahren tut: etwas von dieser großen Faszination zu bewahren, die die Tiere auf die Menschen ausgeübt haben.

„Brieftaubenzüchter sind in erster Linie Liebhaber der Tiere“

Er kennt die Kritik der Tierschützer an seinem Hobby, er kann ihr etwas entgegensetzen, Punkt für Punkt. Aber er lässt auch wenig Zweifel daran, dass er sie nicht verstehen kann. Weil ein Brieftaubenzüchter doch in erster Linie immer Liebhaber seiner Tiere sei. Weil er sie füttere, tränke, fliegen lasse, streichele. Weil er dafür sorge, dass es den Tauben gut gehe. So sieht er das.

Alen Feriz wählt andere Worte, aber er sagt das auch. In Kohlscheid-Bank ist jetzt Fütterungszeit, Feriz geht durch den Flur, vorbei an den Pokalen, die seine Tauben bei kleineren Flugwettbewerben gewonnen haben. Sie stehen auf einem Regal zwischen einem gerahmten Foto seiner ganzen Familie und einem, das seine Tochter zeigt. Feriz geht in den Garten. Als er sich den beiden Schlägen nähert, gehen die Tauben, die auf dem Dach sitzen, hinein, weil sie ihn kennen und wissen, dass es jetzt Futter gibt.

Mit einem durchsichtigen Plastikbecher schöpft Feriz Futter aus dem Eimer, er schwenkt ihn wie eine Sammelbüchse. Feriz pfeift drei Mal und ruft sehr laut „Kommt!“. Als er das Futter ausgießt, fangen die Tauben an zu picken, zuerst den Mais, das machen sie immer so. Feriz beobachtet die Tauben beim Fressen, er sagt nichts, das Geräusch, dass die vielen Vogelfüße auf dem Holzboden machen, klingt wie Regen.

Ein paar weiße Tauben sind auch da, Feriz zeigt jetzt auf eine. Er sagt, für Wettbewerbe eigneten sie sich nicht. Er hat sie eigentlich nur, weil er gerne sieht, wenn weiße Tauben fliegen. Wenn man möchte, kann man darin ein Symbol sehen.

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