Sternmarsch: Tausende Menschen demonstrieren für Erhalt von Tagebaudörfern

Sternmarsch nach Keyenberg : Tausende demonstrieren für Erhalt der Tagebaudörfer

Maria Jansen hält mit ihrem Fahrrad an der Straßenkreuzung. Ein Demonstrationszug zieht an ihr vorbei. Fast jeder darin grüßt Maria Jansen. „Die kommen auch aus Holzweiler, so wie ich“, sagt sie.

Maria Jansen hätte vielleicht selbst mitgemacht beim Sternmarsch des Bündnisses „Alle Dörfer bleiben“. Aber ihrem Mann gehe es gesundheitlich nicht so gut. „Ich finde es gut, dass die Leute auf die Straße gehen. Aber das kommt ein bisschen zu spät“, sagt sie.

Rund 3000 Menschen demonstrieren nach Angaben des Veranstalters am Samstag für den Erhalt der vom Tagebau Garzweiler bedrohten Dörfer in Erkelenz. Sie starten an mehreren Orten in der Region zu Fuß oder mit dem Fahrrad in Richtung Keyenberg. Das ist der nächste Ort, der für den Tagebau verschwinden soll. Und das will das bundesweit agierende Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ nicht hinnehmen. Der Kohlekompromiss mache es möglich, dass die Dörfer erhalten bleiben, sagt Sabine Hollax von „Alle Dörfer bleiben“. „Für uns ist das ein großer Wunsch“, sagt sie. Und auch wenn die Realität im Moment anders aussehe, lohne es sich für die Dörfer zu kämpfen. „Wir haben am Hambi gesehen, dass Wunder geschehen können“, sagt Hollax. Der Hambacher Forst könnte nach den Empfehlungen der Kohlekommission tatsächlich erhalten bleiben. Die Rettung der Erkelenzer Dörfer wäre dann so etwas wie der zweite Teil des Wunders.

Während der Tagebaubetreiber RWE beim Hambacher Forst mittlerweile etwas Kompromissbereitschaft signalisiert, rückt das Unternehmen am Tagebau Garzweiler nicht von seiner Linie ab. „Die Umsiedlungen im Umfeld des Tagebaus Garzweiler müssen aus energiewirtschaftlichen Gründen planmäßig und vollständig abgeschlossen werden“, heißt es in einem Papier von RWE. Die Kohle werde schon in den frühen 2020er-Jahren benötigt, um die Kraftwerke weiter versorgen zu können.

3000 Menschen protestieren für Erhalt der Tagebaudörfer

Für einige Hundert Teilnehmer beginnt der Sternmarsch dort, wo eigentlich schon alles vorbei ist. Wo einmal das Dorf Immerath stand, ist heute nicht viel mehr übrig als ein paar Haufen Schutt und Sand, einige Bürgersteige mit losen und zerbrochenen Platten und die letzten Häuser, deren Mauern noch nicht eingerissen sind. Dort beginnt die Demonstration mit einer Kundgebung. Es reden Menschen, die zu Gesichtern des Braunkohlewiderstandes geworden sind: Antje Grothus von der Initiative „Buirer für Buir“, Dirk Jansen vom BUND, Michael Zobel, der Zehntausende durch den Hambacher Forst führte, und Milan Schwarze von „Ende Gelände“, dem Aktionsbündnis, das den Kohleausstieg mit „zivilem Ungehorsam“ selbst in die Hand nehmen will.

So unterschiedlich wie die Redner, die dort sprechen, wo einmal der gewaltige Immerather Dom stand, so unterschiedlich sind auch die Teilnehmer des Sternmarsches: Waldbesetzer aus dem Hambacher Forst, Senioren mit Rollatoren, Familien mit Kinder, Vermummte in Tarnkleidung und Schüler, die sonst bei „Fridays for Future“ auf die Straße gehen. Insgesamt hat das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ einen bürgerlichen Charakter. Deshalb verläuft alles friedlich und in geregelten Bahnen. „Wir mussten nicht einschreiten“, sagt Angela Jansen, Sprecherin der Heinsberger Polizei.

In Holzweiler startet die Demonstration unter völlig anderen Voraussetzungen. Alle, die dort leben, dachten jahrzehntelang, dass auch sie ihre Heimat verlieren. Aber dann wurde das Dorf gerettet. Nicht mit Demonstrationen oder Protesten, sondern per Leitentscheidung der damaligen rot-grünen Landesregierung. Das war im Jahr 2016. Da wurde klar, dass Holzweiler zur Insel im Tagebau wird. Sabine Hollax lebt in Holzweiler, sie will den Tagebau auch stoppen, damit er möglichst weit von ihrem Dorf entfernt bleibt. Als klar war, dass Holzweiler bleibt, habe sich die Gemeinschaft im Dorf zusammengerauft, sagt Hollax. Ihre Heimat bleibt erhalten, daraus will sie nun etwas machen. Gleiches wünscht sie den Nachbarn aus Keyenberg und den anderen Orten, die noch verschwinden sollen. „Ich kämpfe jetzt dafür, dass alle Dörfer bleiben können“, sagt Hollax.

Damit sprechen Hollax und all die anderen Demonstranten aber nur einem Teil der Keyenberger aus der Seele. Das Dorf ist tief gespalten. Die einen wollen so schnell wie möglich weg, die anderen bis zum Schluss darum kämpfen, bleiben zu können. Einer von denen, die weg wollen, ist Bernd Pieper. Er hat sich ein Warnweste angezogen, auf der „Kein Umsiedlungsstopp“ steht. Der Prozess sei nicht mehr aufzuhalten, Keyenberg nicht mehr lebenswert. Dreck und Krach vom nahen Tagebau und immer mehr leerstehende Häuser vertreiben viele Menschen, die eigentlich an ihrem Dorf hängen. Als einer der Demonstranten Pieper anspricht, diskutiert ein paar Minuten mit dem Mann. „Die denken, die kämpfen für uns. Aber in Wirklichkeit kämpfen die gegen uns“, sagt Pieper.

Pieper wünscht sich, dass Demonstrationen aufhören. Dass keine Fremden im Namen der Keyenberger auf die Straßen gehen. Aber Ruhe wird wohl nicht einkehren. Neben weiteren Protesten von „Alle Dörfer bleiben“ sind für den Sommer wieder Aktionen von „Ende Gelände“ und ein Klimacamp geplant.

Während vor einer Bühne am Ortsrand von Keyenberg Tausende die Abschlusskundgebung verfolgen, ist Maria Jansen wieder auf ihr Rad gestiegen. „Ich würde mich für die Leute freuen, wenn die Dörfer bleiben können. Aber was kommt dann? Hier ist doch schon so viel weg. Das Dorf ist schon halb leer“, sagt sie. Für die einen ist es halb leer, für die anderen immer noch halb voll.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Tausende Demonstranten fordern den Erhalt der Tagebau-Dörfer

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