Tausende demonstrieren am Tagebau: Nur mal kurz die Welt retten

Tausende demonstrieren am Tagebau : Nur mal kurz die Welt retten

Von „Ende Gelände“ bis „Fridays for Future“: Die völlig unterschiedlichen Arten, für den Klimaschutz zu demonstrieren, konnte man am Wochenende im Westen der Republik wie unter einem Brennglas beobachten. Was bedeuten die Proteste für die Zukunft?

Die Rettung der Welt beginnt am späten Freitagnachmittag auf den Gleisen der Hambachbahn am Kraftwerk Neurath, dort lassen sich 500 „Ende Gelände“-Aktivisten nieder und beginnen, sich für die Nacht einzurichten. Aus Planen werden provisorische Zelte, Isomatten und Schlafsäcke werden ausgepackt, die Campingkocher angeworfen, irgendwo kreist ein Joint. Einige singen, andere turnen, und fast alle wischen dann und wann auf ihren Handys rum. So sieht Weltrettung im Sommer 2019 aus.

Das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ war am Wochenende zum fünften Mal im Rheinischen Revier, zum fünften Mal war das Ziel, die von RWE betriebenen Kraftwerke und Tagebaue lahmzulegen. Und überdies erklärte das Aktionsbündnis, „das Zeitalter der fossilen Energien beenden“ zu wollen. Es klang ein bisschen so, als wolle „Ende Gelände“ die Welt retten, und zwar noch an diesem Wochenende.

Die verschiedenen Arten, für den Klimaschutz zu demonstrieren, konnte man am Wochenende im Westen der Republik wie unter einem Brennglas beobachten. Auf der einen Seite die Aktivisten von „Ende Gelände“, die sich bewusst und erneut gegen den friedlichen Protest entschlossen haben und eben auch Straftaten in Kauf nahmen. Die fast zwei Tage währende Blockade der Hambachbahn in Neurath wertete die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach am Sonntagmorgen als Nötigung. Am Samstag durchbrachen Hunderte Aktivisten Polizeiketten und drangen in den Tagebau Garzweiler ein. Mindestens acht Polizisten wurden dabei verletzt. Hunderte Anzeigen wurden wegen Hausfriedensbruchs, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte, versuchter Gefangenenbefreiung und eben wegen Nötigung geschrieben.

Tausende demonstrieren rund um den Tagebau Garzweiler

Die Untätigkeit der Politik

Jahrelang rechtfertigte das Aktionsbündnis diese drastische Protestform mit der Dringlichkeit seines Anliegens. Doch nun, da wenigstens in der westlichen Welt das Thema Klimaschutz auf den meisten politischen Agenden sehr weit oben steht, beruft sich „Ende Gelände“ auf die Untätigkeit der Politik. „Wir rasen auf eine Erderwärmung von vier bis sechs Grad zu“, sagte „Ende Gelände“-Sprecherin Kathrin Henneberger am Sonntag, „aber in Deutschland ist dieses Jahr noch keine Tonne CO2 eingespart worden.“ Es gehe ihr darum, „den gesellschaftlichen Diskurs weiter zu verschieben“ und den Protest gegen die Braunkohleverstromung „in der Mitte der Gesellschaft zu verankern“.

Wer die „Ende Gelände“-Proteste live oder über die Sozialen Medien verfolgte, konnte feststellen, dass die Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, bei vielen Klimaaktivisten und Sympathisanten zu einer moralischen Überheblichkeit führt, die nicht bei allen auf Verständnis stößt. Ein Landwirt zum Beispiel twitterte am Samstag, „Ende Gelände“-Aktivisten seien ohne Not auf sein Feld gelaufen und hätten Petersilie und Möhren plattgetreten, dazu stellte er zum Beleg ein kurzes Handyvideo. Auf seine Beschwerde hin habe einer der Aktivisten erwidert, Landwirte würden schließlich subventioniert, er solle sich nicht aufregen. Der Landwirt bezeichnete das als „Arroganz der urbanen Eliten“.

Auf der anderen Seite der Klimaproteste standen besonders am Freitag in Aachen die von den Schülern von „Fridays for Future“ angeführten Demonstrationszüge, die mit einer riesigen Party vor dem Tivoli endeten. Die Bilder von Zehntausenden meist jungen und jüngeren Menschen, die ihrer Sorge vor dem Klimawandel friedlich Ausdruck verliehen, gingen um die Welt. Es gibt inzwischen kaum mehr Politiker, die die Sorgen der Schüler nicht mehr teilen.

Und dann war am Samstag noch eine dritte Gruppe von Demonstranten zu beobachten, nämlich diejenige, in der sich die Sorge vor der Erderwärmung und private Interessen vermischen.

An der Landstraße, die am Erkelenzer Ortsteil Keyenberg vorbeiführt, stehen die Leute dicht gedrängt. Wie viele es genau sind, lässt sich kaum schätzen. Es gibt Führungen durch die Kirche Heilig Kreuz. Die Einwohner und die Vereine wollen ihren Ort von seiner besten Seite zeigen. Und ein Gedanke macht bei den Keyenbergern die Runde: Vielleicht war das Dorf zum letzten Mal so voll. Das war am 2. Juli 2017. Die Tour de France passiert Keyenberg, und viele Radsportfans wollen das sehen. Zu diesem Zeitpunkt läuft die Umsiedlung des Dorfes bereits seit einem guten halben Jahr. 820 Einwohner müssen ihre Heimat verlassen oder sind schon weg.

Söder macht sich ehrlich

Und dann, an diesem Samstag, kommen doch noch mal rund 8000 Menschen, um dafür zu demonstrieren, dass die, die bleiben wollen, auch bleiben dürfen.

Doch der Protest hatte auch freundlichere Seiten, zum Beispiel in Erkelenz Keyenberg, wo Schüler und Anwohner gegen den Abbau der Tagebauranddörfer demonstrierten. Foto: ZVA/Kim Statzner

Die Dörfer am Rand des Tagebaus Garzweiler werden zu einem weiteren Symbol im Kampf gegen den Tagebau. So wie es der Hambacher Forst längst ist und wie es der bereits abgerissene Immerather Dom einmal war. Im Oktober 2018 kommen 900 Menschen zu einem Dorfspaziergang nach Keyenberg, im März dieses Jahres sind es 3000 Kohlegegner bei einem Sternmarsch. Und am vergangenen Samstag eben die 8000 Teilnehmer der Aktion „Platz nehmen“, bei der symbolisch eine schützende gelbe Linie zwischen dem Tagebau und dem Dorf gezogen wird. Dazu aufgerufen hatten das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ und mehrere Umweltverbände.

Dass die Kirche offen steht, wenn Sportfans im Ort sind, aber geschlossen bleibt, wenn die Kohlegegner kommen, hat der Erkelenzer Pfarrei bereits Kritik eingebracht. Das scheint die Teilnehmer der Kundgebung auf der Landstraße, über die 2017 die Tour rollte, nicht zu stören. Rund 500 Menschen hören seit dem Vormittag Live-Musik und Redebeiträge. Weitere 500 stoßen mit einer Fahrraddemo dazu. Richtig voll wird es, als „Fridays for Future“ mit 7000 meist jungen Demonstranten vor der Bühne ankommt.

Auf dieser Bühne steht Hubert Weiger, der BUND-Bundesvorsitze. Er sagt, dass im Umwelt- und Klimaschutz früher oft der Zuspruch der jungen Generation gefehlt habe. Der Schülerprotest von „Fridays for Future“ wirkt offenbar wie eine Frischzellenkur für die Klimaschutzbewegung. „Es ist sehr bewegend, das hier zu sehen“, sagt Weiger.

Die Familie von Barbara Ziemann-Oberherr lebt seit Generationen in Keyenberg, und die Frau, die an diesem Tag wie so viele in Gelb gekleidet ist, will verhindern, dass sich das ändert. Dass nun so viele Menschen nach Keyenberg kommen, um für den Erhalt ihrer Heimat zu demonstrieren, scheint ihr Hoffnung zu geben. „Anfangs hat es mir Angst gemacht, dass die Bagger immer näher kommen, dass man sie über den Bäumen schon sehen kann. Aber seit ich dagegen kämpfe, habe ich keine Angst mehr“, sagt sie.

Aktivisten im Tagebau Garzweiler haben „Climate Justice“ (Klimagerechtigkeit) in den Sand gesprüht. Foto: dpa/David Young

All das wäre ohne die Großproteste am Hambacher Forst und den gerichtlich erwirkten Rodungsstopp vergangenen Herbst nicht möglich. „RWE konnte nicht nachweisen, dass es die Kohle dringend braucht“, sagt Ziemann-Oberherr. Das habe in den fünf bedrohten Erkelenzer Orten eine „Dynamik“ ausgelöst. Die Leute stellten sich heute hin und trauten sich, offen gegen den Tagebau zu kämpfen. „Das gibt mir Mut“, sagt Barbara Ziemann-Oberher.

Wer gesehen hat, wie viele Menschen mittlerweile für den Klimaschutz allein in den vergangenen Tagen im Westen Deutschlands auf die Straße gegangen sind, dem fällt es schwer, sich vorzustellen, dass tatsächlich noch bis 2035 oder gar 2038 Braunkohle gefördert wird, wie es im Kohlekompromiss vorgesehen ist. Selbst der CSU-Vorsitzende Markus Söder erklärte am Wochenende, vermutlich auch unter dem Eindruck der anhaltenden Schülerproteste, dass die deutschen Klimaziele ehrlicherweise nur mit einem Ausstieg aus der Braunkohle bis 2030 zu erreichen seien, Kohlekompromiss hin oder her.

Doch selbst wenn Deutschland umgehend klimaneutral würde, wenn der CO2-Ausstoß auf null reduziert würde, was würde das fürs Klima bedeuten? Und was wäre dafür der Preis? Der Chemiker Fritz Vahrenholt (SPD), der in Hamburg Umweltsenator war und danach für die RWE-Tochter Innogy gearbeitet hat, will auf Grundlage einer Studie der Deutschen Akademien der Wissenschaften errechnet haben, dass der deutsche Steuerzahler 4,6 Billionen Euro ausgeben müsste, um sämtliches CO2 einzusparen. In Deutschland lebt weniger als 1,2 Prozent der Weltbevölkerung, der Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß beträgt ein bisschen mehr als zwei Prozent.

Neue Rechnung, neue Fragen

Aus einer solchen Rechnung ergeben sich für jeden einzelnen Staat Fragen, vor deren Beantwortung die Weltgemeinschaft erstmals steht. Auch das ist wahrscheinlich ein Grund, aus dem der Umweltschutz in den meisten Teilen der Erde noch sehr viel zögerlicher angegangen wird als in Deutschland.

Für „Ende Gelände“, das machten verschiedene Sprecher dieses Wochenende verschiedentlich klar, ist die Antwort einfach. „Der Kohleausstieg“, sagte etwa Kathrin Henneberger, „ist nur der erste Schritt.“ Sofort im Anschluss müsse es darum gehen, den Kapitalismus abzuschaffen und „an neuen Wirtschaftssystemen zu arbeiten“, die „ein gutes Leben für alle Menschen“ ermöglichen würden.

Während sie diesen Satz am Sonntag noch einmal wiederholte, trug die Polizei viele „Ende Gelände“-Aktivisten von den Gleisen am Kraftwerk Neurath. Wieder gab es unschöne Bilder: Aktivist widersetzt sich Polizist, Polizist schlägt zu, es gibt Geschrei.

Bis sich auch der Letzte von den „Ende Gelände“-Vorschlägen zur Weltrettung überzeugen lassen wird, könnte es auch deshalb noch eine Weile dauern.

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