Hambacher Forst: Aktivistin „Eule“ wehrt sich gegen Gefängnisstrafe

Aktivistin aus Hambacher Forst vor Gericht : Aus der unbekannten „Eule“ ist Paula W. geworden

Bei der Baumhausräumung im Hambacher Forst im vergangenen Herbst wurde eine junge Frau festgenommen. Die als „Eule“ bekanntgewordene Aktivistin wurde wegen verschiedener Straftaten verurteilt. Seit Dienstag läuft ihr Berufungsprozess.

Das letzte Eindruck der Angeklagten entstand im Februar, sie ließ sich regelrecht hängen, ihre Knie schleiften fast über den Boden, als Justizbeamte sie in ihre Zelle zurückbrachten. Zuvor hatte ein Richter am Amtsgericht in Kerpen sie zu einer neunmonatigen Haftstrafe verurteilt, ohne Bewährung. Das Besondere an der Angeklagten war nicht, dass sie singend aus dem Gerichtssaal entfernt wurde. Ungewöhnlich war vielmehr, dass man weder ihren Namen noch ihr Alter kannte. Sie nannte sich „Eule“ und war damals die einzig Inhaftierte in NRW, deren Identität bis zuletzt unbekannt war.

„Eule“ wurde bei der Räumung der Baumhäuser im Hambacher Forst im September festgenommen und ein halbes Jahr später wegen tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte und versuchter gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Richter Peter Königsfeld machte bei ihr deutliche „schädliche Neigungen“ aus, „so dass weitere Straftaten zu erwarten sind“. Bewährung kam für ihn deswegen nicht mehr infrage.

Das jüngste Eindruck dieser „Eule“ entstand am Dienstag am Landgericht in Köln. Dort findet vor der Großen Jugendkammer die Berufungsverhandlung statt, die sowohl von der Staatsanwaltschaft, die eine Gefängnisstrafe von einem Jahr gefordert hatte, als auch von der Verteidigung, die einen Freispruch wollte, beantragt worden war. „Eule“ musste nicht mehr aus dem Gefängnis abgeholt und vorgeführt werden, nachdem sie Mitte März aus der Haft entlassen worden war. Die junge Frau kam selbst der Ladung nach.

Die Überraschung: Aus „Eule“, der unbekannten Person der letzten Monate, ist Paula W. geworden, geboren im Januar 2000 am Prenzlauer Berg in Berlin. Sie wurde von einem Einwohnermeldeamt anhand von Lichtbildern identifiziert. Paula W. selbst bleibt bei ihrem selbst auferlegten Schweigegelübde, macht weiterhin keine Angaben.

Vor Gericht macht die junge Frau am Dienstag zeitweise einen apathischen Eindruck, mehrfach muss sie von Richter Ansgar Meimberg geweckt werden. „Brauchen Sie ärztliche Hilfe?“

Als die Angeklagte eine Pause um 15 Minuten überzieht, gibt es einen deutlichen Hinweis: „Diese Ausdehnung einer Pause ohne Rücksprache würde schon ausreichen, die Berufung zu verwerfen“, sagt der Vorsitzende der Kammer.

Die Zeugen, allesamt Polizisten, belasten sie, wie schon vor dem Amtsgericht Kerpen, nun auch in diesem Prozess. Eine junge Polizistin berichtete von einem Tritt der Aktivistin, als diese gefesselt am Waldboden lag. Mit ihren Springerstiefeln habe sie ganz knapp ihr Gesicht verfehlt, sagt die Zeugin, die damals keinen Helm trug. „Wenn sie getroffen hätte, wäre mit Sicherheit etwas kaputt gegangen in meinen Gesicht.“ Der Vorfall aus dem Herbst verfolge sie weiterhin in ihren Gedanken. Und es gäbe noch einen unangenehmen Folgeeffekt: „Seitdem bin ich szenebekannt und werde häufig bei Einsätzen angesprochen.“

Ein Kollege berichtete, dass er – folgenlos – von der renitenten Waldbesetzerin in die Kniekehle getreten worden sei. Eine andere Polizistin, eingeteilt zur Personalienfeststellung, zog sich bei einer Rangelei später ein Hämatom zu.

Die Polizisten beschreiben erneut, dass die Anklagte zu keinen Zeitpunkt „kooperativ“ gewesen sei an jenem Tag. Sie sei „laut, trotzig, provozierend und aggressiv“ gewesen, später musste man ihr eine Spuckhaube über den Kopf ziehen. „Das Gesamtverhalten war so, wie man es auch schon mal am Kölner Ring antrifft“, teilte ein Bereitschaftspolizist mit. Die Beamten im Forst vermuteten, dass sie unter Alkoholeinfluss gestanden habe. Ein Drogentest am Ende des turbulenten Tages dokumentierte aber nur Cannabisspuren in ihrem Blut.

In Behördenberichten aus der Gefängniszeit wird häufig ihre „Anti-Haltung gegen das System“ beschrieben. Das lässt sich aus mühelos aus den abgefangenen Briefen aus dieser Phase interpretieren. „Sperrt mich gerne noch zehn Mal weg, mit jedem Mal wird mein Widerstand um so größer“, schreibt Paula W. an einer Stelle.

Inzwischen laufen noch zwei weitere Strafverfahren gegen sie, wieder geht es um die Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Einmal soll sie in der JVA Iserlohn einen Bediensteten getreten haben, der zweite Vorfall soll sich Ende März in Berlin bei einer Demonstration ereignet haben – ein paar Tage nach ihrer Haftentlassung.

Die Verhandlung gegen Paula W. wird am kommenden Dienstag vor dem Landgericht fortgesetzt und vermutlich auch beendet.

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