Greta Thunberg besucht Tagebau Hambach

„So gewaltig, so verheerend“ : Aktivistin Greta Thunberg besucht den Tagebau Hambach

Lange haben sich die Klimaaktivisten im Rheinischen Revier den Besuch gewünscht. Nun ist sie da: Mit verschränkten Armen schaut Greta Thunberg am Samstagmittag von einem Aussichtspunkt auf dieses Tagebauloch, das wie ein gigantischer Krater wirkt.

Die junge Schwedin ist zum ersten Mal am Braunkohletagebau Hambach - mit dem umkämpften Hambacher Forst wohl der symbolträchtigste Ort der deutschen Klimabewegung.

Thunberg will voraussichtlich am kommenden Mittwoch von einem Hafen im Süden Englands aus auf einer Jacht zum UN-Klimagipfel nach New York aufbrechen. Sie sei noch nie gesegelt, sagt sie. Dafür werde sie sich ein paar Grundkenntnisse aneignen, um zu wissen, was man auf einer solchen Jacht besser tut oder lässt.

Hier am Tagebau Hambach erklären ihr zwei Frauen vom Aktionsbündnis Ende Gelände, dass das früher mal Wald war, dass Greta da drüben am kaum mehr sichtbaren anderen Ende des Tagebaus noch den letzten Rest des Hambacher Forst sehen kann. Die 16-Jährige hört schweigend und ernst zu. Es geht ein sehr kräftiger Wind. Außenstehende fragen sich, ob sich die junge Klimaaktivistin langweilt oder ob ihr das alles zu viel ist. Sie kommt ja gerade von der internationalen Konferenz der Klimaschutzbewegung Fridays for Future aus Lausanne.

Nächste Station des Besuchs: der Hambacher Forst, den Klimaschützer seit Jahren besetzen. In einem Elektroauto fährt Greta durch ein Umsiedlungsdorf, in dem viele Fenster verlassener Häuser vernagelt sind, Häuser bereits in Schutt und Asche liegen. Aber der stattliche Kirchenbau, der steht noch.

Greta Thunberg (Mitte) rief die Menschen dazu auf, am 20. und 27. September an dem geplanten globalen Klimastreik teilzunehmen. Vor ort war auch die deutsche Organisatorin der Klimastreiks „Friday for Future“ Luisa Neubauer (rechts). Foto: dpa/Oliver Berg

Im Hambacher Forst macht Greta Thunberg deutlich, wie schwer diese Eindrücke wiegen: „Es war so gewaltig, so verheerend und es macht mich irgendwie traurig“, sagt sie auf dem Weg durch den Wald zum Dorf „Oaktown“ (Eichenstadt) von Waldbesetzern. Vor rund einem Jahr hat die Polizei Nordrhein-Westfalen in einem ihrer bis dahin größten Einsätze sämtliche Baumhäuser im Wald geräumt und zerstört, auch „Oaktown“. Jetzt gibt es wieder illegale Baumhäuser und ein illegales „Oaktown“.

Der Besuch der 16-Jährigen in der Region wurde relativ geheim gehalten - wegen der vielen Anfeindungen und auch Drohungen, die es gegen Greta gegeben habe, sagt die Sprecherin des Bündnisses Ende Gelände, Kathrin Henneberger. Außerdem sollte sie an dem Tag zwischendurch auch ihre Ruhe haben. Das Bündnis ist Gastgeber, hat alles organisiert. Zuletzt hatten die Aktivisten unter Regie von Ende Gelände noch im Juni mit Blockadeaktionen in einem Tagebau und von Kohlebahnen für Schlagzeilen aus dem Revier gesorgt - im Rahmen einer Demonstration von Fridays For Future.

Jetzt also eine Begegnung mit Greta, die wie ein Schulterschluss wirken könnte. „In manchen Fällen ist ziviler Ungehorsam notwendig, wenn gar nichts anderes hilft“, sagt die 16-Jährige dann auch, natürlich friedlich, ohne dass jemand verletzt oder etwas zerstört werde. „Es macht mir Hoffnung, dass viele Menschen auf ganz unterschiedlichem Weg Druck für den notwendigen Wandel machen.“ Die Aktivisten, die machten ihr Hoffnung. In einer von Ende Gelände verschickten Pressemitteilung rufen das Bündnis und Greta Thunberg am selben Tag zur Teilnahme am globalen Streiktag fürs Klima im September auf.

Der Berliner Politologe Achim Brunnengräber sieht bei Greta und Ende Gelände eine starke Interessenüberschneidung. Wie das Aktionsbündnis sage auch Greta Thunberg: „Wir müssen sofort handeln, uns bleibt keine Zeit. Die Sprache ist ja, was die Zeit-Achse anbelangt, radikal. Da wird nicht taktiert, überlegt und differenziert - wie das viele andere tun aus einer bestimmten Interessenlage heraus.“ Das Klimaziel werde als Leitorientierung formuliert.

Das Bundesamt vom Verfassungsschutz spricht bei Ende Gelände von einer linksextremistisch beeinflussten Kampagne. Sie werde sowohl von Gruppierungen des demokratischen Spektrums, aber auch von Akteuren der linksextremistischen Szene unterstützt.

Die Schwedin ließ sich unter anderem von Luisa Neubauer (links) und Kathrin Henneberger, der Vertreterin des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“ den Tagebau und die Umgebung zeigen. Foto: dpa/Oliver Berg

Am Nachmittag fährt Greta mit ihren Begleitern davon, in einem Elektroauto. Mit dabei ist ihr Vater Svante. Der hat den ganzen Tag lang auf seine Tochter achtgegeben, sich aber sehr im Hintergrund gehalten.

(dpa)
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