Tagebau Garzweiler: Die Frau, die in Berverath bleiben will

Tagebau Garzweiler : Die Frau, die in Berverath bleiben will

Seit ihrer Kindheit weiß Britta Kox, dass der Tagebau Garzweiler ihre Heimat bedroht. Doch damit findet sie sich nicht ab.

Wenn Britta Kox die Hoffnung sehen möchte, muss sie bloß vor die Tür treten und ein paar Hundert Meter nach rechts laufen. Ein Bauer hat dort eine Scheune errichtet, als längst klar schien, dass die Scheune und das Dorf Berverath im Tagebau verschwinden würden. Warum er das denn mache, wenn er doch wegziehen müsse, fragte Kox ihn, so erzählt sie es. Er antwortete, er werde nicht wegziehen.

Britta Kox ist eine Frau, die sich ihre Haare rot färbt, die Fingernägel in zwei verschiedenen Farben lackiert und seit dem sechsten ihrer 47 Lebensjahre weiß, dass die Bagger von RWE ihre Heimat zerstören könnten. Ihre Heimat ist Berverath, ein Dorf von knapp 100 Einwohnern, das zu Erkelenz gehört und noch so gerade eben Niederrhein ist. Bis 2028 sollen alle Menschen weggezogen sein. Auch die Nachbarorte Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sollen verschwinden, zusammen knapp 1500 Einwohner. Britta Kox aber hält dagegen: „Ich möchte kein Dorf mehr sterben sehen.“ Nachts hört sie schon die Bagger.

Kindheitserinnerungen

Das Grundstück, auf dem sie mit ihrem Mann und drei ihrer vier Kinder lebt, ist seit Jahrhunderten im Besitz ihrer Familie. 2000 Quadratmeter, ein großer, wilder Garten. Die Urgroßmutter habe das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg mit 14 Kindern wieder aufgebaut, sagt sie. Als Kind pflanzte Kox einen Baum, an dem sie nun ihre Hängematte befestigen kann. Die Werkbank des Großvaters steht noch im Schuppen. „Ich bin massiv heimatverbunden, auch wenn wir für alles fahren müssen“, sagt sie.

Bedrohte Heimat: Dieser Schaufelradbagger arbeitet im Braunkohletagebau. Ihm müssen die Dörfer rund um Garzweiler weichen. Foto: dpa/Federico Gambarini

Kox ist in Berverath aufgewachsen. Sie haben Banden gegründet, Oberdorf gegen Unterdorf, die Trennlinie war die Kapelle. Lag Schnee, zog ein Trecker sie auf dem Schlitten über die Feldwege. In Keyenberg ging sie zur Grundschule, hinter der Kirche küsste sie mit 17 zum ersten Mal den Jungen, der ihr Mann werden sollte, in Immerath ging sie zur Hauptschule und sonntags in die Messe. Immerath gibt es nicht mehr, Keyenberg und Bagger trennen noch ein paar Hundert Meter. Zwischenzeitlich zog sie immer mal wieder weg, kehrte wieder zurück und übernahm 2015 mit Kindern und Ehemann das Elternhaus. Vater und Mutter zogen aus, weil ihnen das Haus zu groß war und sie sich den Stress mit dem Tagebau nicht mehr zumuten wollten.

Britta Kox wusste bei ihrem Einzug, was drohte, und doch verließ sie die Zuversicht, als Berverath und die umliegenden Dörfer im Dezember 2016 den Umsiedlungsstatus erhielten. Seitdem entsteht nördlich von Erkelenz das neue Berverath neben dem neuen Keyenberg, Kuckum, Unter- und Oberwestrich. Die Dörfer werden nicht nachgebaut, es droht der Charme eines Neubaugebiets, die Bewohner können mit dem Geld, das sie für ihr altes Grundstück erhalten, Bauland im neuen Ort kaufen. Doch Kox sagt, sie würde nicht nur ihre Heimat verlieren, sondern auch einen großen Teil der Fläche. Einen Nutzgarten dürfte sie nicht mehr betreiben, Bäume pflanzen für die Hängematte auch nicht.

Einen Präzedenzfall schaffen

Laut RWE hat sich das Unternehmen mit 71 Prozent der Haushalte in den fünf Dörfern über einen Verkaufspreis einigen können, 56 Prozent wollen in die neue Siedlung ziehen. Kox hat nicht mit RWE gesprochen. Falls sie umziehen müsse, dann in ein anderes Dorf, eines, das historisch gewachsen ist. „Ich bleibe so lange, wie es geht“, sagt sie.

Kox war schon früh im Widerstand, das hatte sie vom Vater. Mit 14 stand sie in der Fackelkette, eine Aktion in den 80ern gegen den Tagebau. Der Vater schimpfte mit den Kindern, wenn sie Plastiktüten aus dem Supermarkt mitbrachten. Doch der Umsiedlungsstatus gab ihr das Gefühl, keine Chance mehr zu haben. Dann aber kam das Jahr 2018, der Rodungsstopp im Hambacher Forst, die Kohlekommission, die ein Ende der Stromgewinnung aus Kohle bis 2038 empfahl. Für Kox das Signal: Eigentlich können die Dörfer bleiben. „Dieses Licht leuchtete ganz groß.“

Doch sie will nicht nur hoffen, sondern was dafür tun. Erst vor kurzem gab die Gruppe „Menschenrecht vor Bergrecht“ bekannt, dass sie sich notfalls mit juristischen Mitteln RWE in den Weg stelle. „Das eigene Wohnhaus und den Heimatort aufgeben zu müssen, ist ein gravierender Eingriff in die Grundrechte der Menschen“, sagte Rechtsanwalt Dirk Teßmer, der die Anwohner juristisch vertritt, auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf. „Dass dies in Zeiten des Klimawandels und des Kohleausstiegs für den Abbau klimaschädlicher Braunkohle von diesen verlangt wird, ist absolut nicht mehr zeitgemäß und aus unserer Sicht sogar verfassungswidrig.“ Kox gehört zu dieser Gruppe, zu zehnt haben sie ein Grundstück am Ortsrand von Keyenberg gekauft. Da sie dieses nicht an RWE verkaufen wollen, müsste das Unternehmen die Enteignung beantragen, wenn es weiter baggern will. Dagegen können die Anwohner rechtlich vorgehen. Sie hoffen, so einen Präzedenzfall zu schaffen, der weitere Enteignungen verhindert und die Dörfer rettet.

Kox hofft, dass es nicht zum Rechtsstreit kommt, sondern RWE und Landesregierung nachgeben. Auf einer Skala von 1 bis 10 liegt ihre Hoffnung bei 7, dass sie ihre Heimat retten kann. Gerade denkt ihre Familie darüber nach, sich eine Solaranlage aufs Dach zu setzen.

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