Aachen: Braunkohle-Serie: Gesucht wird der richtige Einstieg in den Ausstieg

Aachen : Braunkohle-Serie: Gesucht wird der richtige Einstieg in den Ausstieg

Vielleicht wird es ja so kommen, dass die Frage, wie es mit der Braunkohle in Deutschland und im Rheinischen Revier weitergeht, darüber entscheiden wird, ob das Land von einer Jamaika-Koalition regiert wird oder ob wir uns auf Neuwahlen einstellen müssen. Das wäre eine beachtliche Zuspitzung, aber irgendwie würde es auch passen.

Das Thema birgt seit Jahrzehnten latent großes Konfliktpotenzial, und dieser Konflikt ist immer wieder eskaliert: Wenn Menschen ihre Häuser und Dörfer verlassen mussten, weil die Bagger anrückten. Oder wenn sich Polizei und Demonstranten gegenüberstanden und es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kam.

Jetzt steht das Thema erneut auf der Tagesordnung. Die Positionen bei den Jamaika-Sondierungsgesprächen in Berlin liegen weit auseinander; so weit, dass man sich — Stand heute — nicht vorstellen kann, wie eine Kompromisslinie aussehen könnte. Es geht den Parteien dabei auch um ihren Markenkern, ums Grundsätzliche. So entsteht eine Gemengelage, die es mit so hochkomplexen Streitpunkten wie Steuer- oder Asylpolitik locker aufnehmen kann.

Das Rheinische ist das größte Braunkohlerevier in Deutschland — vor dem in der Lausitz, dem zwischen Halle und Leipzig und dem bei Helmstedt. Die drei Tagebaue Inden, Garzweiler und Hambach haben die Landschaft hier geprägt. Bagger, so groß wie siebenstöckige Häuser, schaufeln Hunderte Meter tiefe Löcher; die Kraftwerke in direkter Nachbarschaft stoßen weithin sichtbar weißen Wasserdampf aus. Bis Mitte des Jahrhunderts könnten so noch 2,4 Milliarden Tonnen Kohle gefördert werden.

Ob es so weit kommt, ist eine politische Frage. Über die wird in Berlin gestritten. Ausgang völlig offen. Denn die Diskussion bewegt sich zwischen zwei extremen Polen: Die eine Seite bezeichnet die Braunkohle als „Klimakiller Nummer eins“, die andere hebt ihre Bedeutung als „Brückentechnologie“ für die Energieversorgung und als Arbeitgeber für Tausende Menschen hervor. Beides stimmt. Das macht es nicht einfacher. Gesucht wird also der richtige Einstieg in den Ausstieg.

1. Die Tagebaue

In den Tagebauen des Rheinischen Reviers werden unter Ägide von RWE Power jährlich zwischen 90 und 100 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert. Der Tagebau Inden erstreckt sich über eine Betriebsfläche von knapp 17 Quadratkilometern, aus der jährlich bis zu 19 Millionen Tonne Kohle geholt werden. Er wird voraussichtlich im Jahr 2030 ausgekohlt sein, dann endet auch die Genehmigung. Parallel wird wohl auch das vom Tagebau versorgte Kohlekraftwerk Weisweiler stillgelegt. Umsiedlungen sind bis dahin nicht mehr geplant.

Der Tagebau Garzweiler hat eine Genehmigungsdauer bis 2045 und versorgt mit jährlich bis zu 40 Millionen Tonnen Kohle aus einer gut 30 Kilometer großen Betriebsfläche die Kraftwerke Neurath und Niederaußem. Die damalige, rot-grüne Landesregierung beschloss 2006, die geplante Abbaufläche des Teils Garzweiler II um ein Drittel zu verkleinern, nannte aber keinen Ausstiegstermin. Die neue schwarz-gelbe Koalition hat diese Planung bestätigt. Die Erkelenzer Stadtteile Berverath, Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sollen im Zuge dessen bis 2027 umgesiedelt werden.

Der Tagebau Hambach, mit einer Betriebsfläche von 43 Quadratkilometern der größte in Deutschland, versorgt mit jährlich bis zu 40 Millionen Tonnen Kohle ebenfalls die Kraftwerke Neurath und Niederaußem und hat eine Betriebsgenehmigung bis 2040. Aktuell werden dafür die Ortschaften Kerpen-Manheim und Merzenich-Morschenich umgesiedelt.

2. Die Arbeitsplätze

Im Rheinischen Revier hängen die Jobs von rund 9000 Menschen direkt von den Tagebauen ab, bundesweit sind es knapp 20 000. Hinzu kommen bundesweit rund 50.000, im Rheinland rund 18.000 Menschen bei Lieferanten und Dienstleistern. Richtig ist aber auch: Diese Zahlen sind in den vergangenen Jahrzehnten bereits kräftig gesunken — auch, weil die Bagger und auch die Kraftwerke hoch technisiert und mechanisiert sind. Der Strukturwandel, der durch den Ausstieg aus der Braunkohleförderung ausgelöst und notwendig wird, ist also nicht so einschneidend wie der nach dem Ausstieg aus der Steinkohle.

3. Das Klima

Die Proteste gegen die Braunkohleförderung im Rheinland konzentrieren sich vor allem auf die Tagebaue Garzweiler und Hambach. Sie richten sich gegen die Folgen der Umsiedlungen (bis zum Abschluss der Maßnahmen in etwa zehn Jahren werden knapp 42.000 Menschen ihre Heimat verloren haben), gegen die massiven Eingriffe in die Landschaft und gegen die schlechte Klimabilanz bei der Verbrennung des Rohstoffs.

Tatsächlich stoßen die Kohlekraftwerke gut 350 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) im Jahr aus. Daneben produzieren sie Schadstoffe wie Feinstaub und Schwefeldioxid. Laut Transaktionsprotokoll der Europäischen Union stand das Kraftwerk Neurath im Jahr 2015 für 32,1 Millionen Tonnen CO2, das Kraftwerk Niederaußem für 27,3 Millionen, das Kraftwerk Weisweiler für 18,1 Millionen und das Kraftwerk Frimmersdorf für 4,8 Millionen Tonnen. Das liegt vor allem am schlechten Wirkungsgrad der Kohle und ihrer spezifischen chemischem Zusammensetzung.

Die Filtertechnik hat sich zwar verbessert, aber das Umweltbundesamt geht davon aus, dass 800 Gramm CO2 pro Kilowattstunde produzierten Stroms auch künftig nicht unterschritten werden können; derzeit sind es, abhängig vom Kraftwerkstyp, zwischen 950 und 1100 Gramm. Das ist mehr als bei anderen Energieträgern: Bei Steinkohle fallen 735 Gramm an, bei Erdgas 350 Gramm. Hier sieht das Umweltbundesamt aber Potenzial für weitere Reduzierungen.

RWE verweist nicht nur auf die verbesserte Filtertechnik, sondern auch auf die schrittweise Abschaltung von fünf Kraftwerksblöcken, die Anfang Oktober mit zwei 300-Megawatt-Blöcken in Frimmersdorf begonnen hat. Vier Jahre lang sollen sie noch als Kapazitätsreserve für Stromengpässe bereitstehen und 2021 endgültig vom Netz gehen. 2018 wird RWE zwei weitere 300-Megawatt-Blöcke in Niederaußem und 2019 einen in Neurath in die Reserve überführen.

So soll der CO2-Ausstoß bis 2020 um etwa 15 Prozent sinken. Bis 2030 rechnet RWE auch durch die Schließung des Tagesbaus Inden und des Kraftwerks Weisweiler mit 40 bis 50 Prozent weniger CO2. Kritiker bemängeln, dass die Abschaltung der alten Blöcke mit hohen Entschädigungen honoriert wird. Insgesamt fließen an die Braunkohlekonzerne in Deutschland rund 1,6 Milliarden Euro. Bezahlen müssen das die Stromkunden über höhere Netzentgelte.

4. Die Versorgungssicherheit

Die erneuerbaren Energien reichen noch nicht aus, um das ganze Land zu versorgen. Denn die Erzeugungskapazitäten für Wind- und Sonnenstrom sind inzwischen zwar groß, bei Flaute und bedecktem Himmel können sie jedoch kurzzeitig auf nahezu Null fallen. Die Folge sind Schwankungen im Stromnetz und Engpässe, die mit Energie aus Kraftwerken ausgeglichen wird. Ausreichende Speicher für Erneuerbare fehlen. Und oft muss der „grüne“ Strom über weite Strecken dorthin gebracht werden, wo er gebraucht wird. Das Netz kann das nicht ausreichend leisten.

Bricht also die Stromversorgung bei einem raschen Kohleausstieg zusammen — vor dem Hintergrund, dass bis 2022 alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden? Nein, sagen die Befürworter des Ausstiegs. Notwendig sei allerdings ein schneller Ausbau des Netzes und der erneuerbaren Energien. Um Schwankungen auszugleichen, müsse man verstärkt auf flexiblere und umweltverträglichere Gaskraftwerke setzen. Die rechnen sich derzeit aber nicht, weil Braunkohle so billig ist — eine Folge auch des nicht funktionierenden europäischen Emmissionshandels.

Außerdem produziere Deutschland schon heute mehr Strom, als das Land selbst braucht. Als Beispiel wird der 24. Januar genannt: Damals wehte bundesweit kaum Wind und schien wenig Sonne, die Ökostromanlagen lieferten über weite Teile des Tages nur etwa ein Zehntel des gesamten Elektrizitätsbedarfs. Die Versorgung war aber nicht ernsthaft gefährdet: Noch immer standen viele Gaskraftwerke still. Und unterm Strich exportierten Deutschlands Kraftwerke noch durchgehend Strom.