Erkelenz/Inden/Aachen: Braunkohle-Proteste: Auf der Suche nach der nächsten Aktion

Erkelenz/Inden/Aachen : Braunkohle-Proteste: Auf der Suche nach der nächsten Aktion

Die Menschen im Rheinischen Revier und in der Welt können ziemlich sicher sein, dieses Jahr über jedwede Aktivität im Klimacamp ausführlich informiert zu werden. Bei den laufenden Protesten gegen die Braunkohleverstromung sind fast mehr Journalisten als Aktivisten anwesend, selbst die „Tagesschau“ will nichts verpassen, deswegen ist sie mit zwei Wagen vor Ort.

Ebenso wie der WDR, auch RTL und Sat.1 sind da, unter anderem. Das ARD-Morgenmagazin und der WDR schalten hin und wieder sogar live ins Klimacamp. Journalisten werden von den Sprechern der verschiedenen Camps und Bündnisse in Scharen durchs Camp geführt, manche Teilnehmer müssen sich vorkommen wie die Tiere im Zoo.

Die Proteste sind zum medialen Großereignis geworden, jedenfalls im Vergleich zu vielem, was sonst so zwischen Erkelenz und Inden medial begleitet wird. Als am Freitag die lange angekündigten Proteste begannen, sammelten sich Kamerateams und Journalisten erst am Klimacamp, und als dann die Nachricht durchsickerte, dass im Tagebau Inden ein Bagger besetzt worden war, also ganz am anderen Ende des Rheinischen Reviers, gab‘s bei manche Medienvertretern lange Gesichter. Wo passiert denn nun was?

Die Aktivisten gaben sich bedeckt, die Polizei wusste es einfach nicht. Und so hetzten den ganzen Tag über Massen von Fotografen, Reportern, Kamera- und Tonleuten kreuz und quer durchs Rheinische Revier, immer auf der Suche nach der nächsten Protestaktion, nach dem nächste Foto, nach der nächsten Schalte.

Ein Überblick über das, was bis Freitagabend passiert ist:

6.55 Uhr, Tagebau Inden: Der RWE-Werkschutz schaltet die Polizei ein, Aktivisten sind in den Tagebau Inden eingedrungen und haben Bagger 282 am östlichen Ende des Tagebaus besetzt. Die Polizei ist schnell vor Ort. Sie stellen sieben Männer und sechs Frauen fest, die auf dem Bagger sitzen und singen, RWE lässt den Bagger abschalten.

Als die 13 Aktivisten auf das gute Zureden der Polizei nicht reagieren, kommt die Polizei zu ihnen, das wirkt. Die Aktivisten verlassen den Bagger und lassen sich aus dem Tagebau tragen. Der Einsatz ist gegen 9.40 Uhr beendet. Um 9.42 Uhr nimmt Bagger 282 seine Arbeit wieder auf. Ob die Aktivisten zum Klimacamp gehören oder nicht, findet die Polizei nicht heraus. Denn weder sprechen die Aktivisten Deutsch, noch haben sie Ausweispapiere bei sich. Identität ungeklärt, sie bleiben zunächst in Polizeigewahrsam. Wie lange, muss ein Richter entscheiden.

7.15 Uhr, Klimacamp: Die Sprecher der verschiedenen Camps und Bündnisse informieren Journalisten telefonisch, dass es jetzt losgeht. Was genau losgehen soll, wird nicht verraten. Aufbruchsstimmung im Camp, jedoch keine Hektik, keine Aggressivität. Eine kleine Musikgruppe beginnt zu trommeln. Die Demonstranten, die zusammen eine Gruppe bilden, einen sogenannten Finger, versammeln sich auf dem Camp.

9.30 Uhr, Klimacamp: Die Demonstranten gehen vom Camp ein paar Schritte bis zur L 19, wo schon Busse für die Aktivisten bereitstehen. Dort warten aber auch etliche Polizisten. Die Polizisten kontrollieren die Busse und Laderäume. Auch Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach schaut sich das Spiel an, es kommt zu riesigen Verzögerungen. Eine Gruppe, die zu Fuß das Camp verlassen will, wird von der Polizei kontrolliert, will aber ihre Ausweise nicht vorzeigen. Also lässt die Polizei sie nicht passieren.

11.10 Uhr, Kraftwerk Neurath: 80 bis 100 Aktivisten gelangen auf die Gleise der Nord-Süd-Bahn, eine von zwei Bahnen, die die Kohle in eines der RWE-Kraftwerke bringt. Die Stelle, an der die Aktivisten sitzen, liegt schräg gegenüber des Kraftwerks Neurath. Über Twitter teilen die Aktivisten mit, dass sie nun „Kohleinfrastruktur blockieren“.

Die Aktivisten, die die Gleise nach wiederholter Aufforderung der Polizei nicht freiwillig verlassen, werden ab 13.50 Uhr weggetragen. Keine Verletzten, alles verläuft friedlich. Eine Frage bleibt allerdings ungeklärt: Woher kamen die vielen Aktivisten, wie konnten sie der Aufmerksamkeit der Polizei entgehen? Bis Freitagabend hatte die Polizei auf diese Fragen keine Antwort.

12.50 Uhr, L 19: Eine Gruppe, die sich, begleitet von der Polizei, zu Fuß vom Klimacamp Richtung Tagebau Garzweiler aufgemacht hatte, kehrt bei Erkelenz-Holzweiler wieder um. Wahrscheinlich, weil so viel Polizeipräsenz Aktionen zivilen Ungehorsams nahezu unmöglich macht. Auf dem Rückmarsch bleibt die Gruppe, die aus etwa 300 Aktivisten besteht, auf der L 19 zwischen Titz und Erkelenz kurz vor Erkelenz-Kückhoven sitzen. Der Verkehr auf der gesamten Strecke liegt lahm, einige Auto- und Lkw-Fahrer reagieren aggressiv. „Haut hier ab, wir wollen Euch nicht“, ruft ein Erkelenzer, der damit droht, seinen Traktor zu holen, falls die Polizei die Blockade nicht räumt.

Doch sein Protest läuft ins Leere, weil sich kein Aktivist in der Nähe findet, der Deutsch spricht. Die Aktivisten singen oder fordern in Schlachtrufen das Ende der Braunkohleverstromung. Bis auf die Autofahrer, die nicht weiterkommen, sind alle entspannt.

14.15 und 15.11 Uhr, Kraftwerk Neurath: Die Polizei meldet zwei neue Gleisblockaden der Nord-Süd-Bahn, kleine Gruppen von Aktivisten sitzen auf den Gleisen zwischen dem Kraftwerk Neurath und dem Tagebau Garzweiler, nicht weit von der ersten Schienenblockade entfernt.

16.15 Uhr, Jüchen-Hochneukirch: Der RWE-Werkschutz teilt der Polizei mit, dass 50 Aktivisten von Hochneukirch aus in den Tagebau Garzweiler eingedrungen sind. Doch bevor sie zu einem Bagger gelangen können, ist auch dort die Polizei schon vor Ort.

17.15 Uhr, Kraftwerk Neurath: Durch die Schienenblockaden wird der Braunkohlenachschub unterbrochen. RWE beschließt, die Verbrennungsmaschinerie des Kraftwerks um 15 Prozent zu drosseln, damit die Vorräte in den Braunkohlebunkern länger reichen. Die Aktivisten haben damit ein Ziel erreicht: RWE kann seinen Kraftwerksbetrieb nicht wie geplant fortsetzen.

Die Polizei teilte am Freitagabend mit, auf weitere Aktionen gefasst zu sein.