Bonn: Bonn: Zwischen Abrissbirne und Aufbruch

Bonn: Bonn: Zwischen Abrissbirne und Aufbruch

Den Verlust an politischer Bedeutung hat Bonn wirtschaftlich gut verkraftet. Die Region steht bestens da. Rund 15 000 neue Stellen sind seit dem Umzug entstanden. Unterm Strich gibt es mehr Arbeitsplätze als durch den Umzug weggefallen sind.

Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie in kaum einer deutschen Großstadt. Kulturell hat die Beethoven-Stadt mit ihrer ambitionierten Bundeskunsthalle ihre Anziehungskraft sogar noch gesteigert.

Bei ihm haben sie eine heiße Bockwurst gegessen und Eis gekauft. Joschka Fischer klemmte sich nach dem Joggen einen Stapel Zeitungen unter den Arm. Alles vorbei. Die Aura der Macht liegt in Bonn nicht mehr in der Luft.

Wie ein museales Relikt steht der berühmte Kiosk an der Ecke Dahlmann-/Göresstraße gleich vor dem alten Kanzleramt heute verlassen da. Viel Kundschaft kommt nicht.

„Das Geschäft geht mäßig, leben kann ich davon zur Zeit nicht”, sagt Jürgen Rausch. „Aber es werden auch wieder bessere Zeiten kommen”, ist sich der 42-jährige Kioskbesitzer sicher.

Und er deutet die Göresstraße hinunter. „Von dort wird das Viertel schon bald wieder aufleben.”

Der von Skandalen und Hochwasser heimgesuchte Schürmannbau ist tatsächlich fertig geworden. Im Frühjahr werden hier mehr als tausend Mitarbeiter der Deutschen Welle einziehen.

Gleich dahinter ragt der neue Post Tower mit glänzenden Glasfassaden in schwindelnde Höhe - 162,5 Meter und 40 Stockwerke. Hier hat sich die Deutsche Post mit dem gehobenen Anspruch von US-Stararchitekt Helmut Jahn ihre Zentrale für rund 2000 Beschäftigte bauen lassen - ein neues Wahrzeichen für das Bonn der Zukunft, das den „Langen Eugen” noch um 50 Meter überragt.

Das frühere Abgeordnetenhaus nahe am Rheinufer wird saniert und soll Kernstück des geplanten UN-Campus werden.

Wenn dann noch das neue Kongresszentrum mit 5-Sterne-Hotel direkt neben dem Kiosk von Rausch steht, könnten die Träume vieler Bonn-Optimisten von einem Rennomierviertel mit pulsierendem Leben und sogar Straßencafés - die gab es hier nie - wahr werden.

Im alten Plenarsaal geht es immer noch zur Sache - aber anders. Als Betreiber verlangt die Hotelkette Maritim pro Tag 12.800 Euro Miete.
Der Baumarkt-Kette Obi war der historische Ort den Preis wert.

Mit ihrer „Internationalen Franchisepartner- und Marktleiter-Tagung 2002” hat sie sich an diesem Tag im Plenarsaal eingerichtet.

Moderator und TV-Star Gerhard Delling macht am Rednerpult lockere Sprüche. Dann doziert Bestsellerautor und Fitnessguru Ulrich Strunz vor dem Bundesadler über die Geheimnisse des Erfolgs und die richtige Sauerstoffmenge im Hirn.

Luxus lässt sich nicht gut verkaufen

In der Saemisch-Straße, direkt gegenüber des alten Plenarsaals, warten die früheren Appartements von Parlamentariern und Bediensteten auf ihr Aus. Manches vergilbte Namensschildchen ist noch zu entziffern.

Wie karg hier doch gehaust wurde. Auch Joschka Fischer wohnte hier. Staunen über geballte Gewöhnlichkeit drängt sich dem Besucher auch in den alten Gebäude von Bundestag und Bundesrat auf. Alles funktional, schlicht.

Auf einige Landesvertretungen traf dies nicht zu. Das erschwerte den Verkauf. Noch immer sind nicht alle Gebäude an den Mann gebracht. In der Vertretung Nordrhein-Westfalens, in der 1998 die erste rot-grüne Koalition ausgehandelt wurde, wird gerade ein Elite- Studienzentrum für Informationstechnologie hergerichtet.

Das alte Kanzleramt wird mit Millionenaufwand grundsaniert. Seit Monaten ist es mit transparenten Plastikplanen verhüllt. In drei Jahren soll hier das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit einziehen.

Doch mit der Regierungsaufteilung zwischen Berlin und Bonn ist das so eine Sache. Laut Gesetz von 1994 soll die Arbeitsteilung von „Dauer” sein.

„Aber Gesetze sind nicht für die Ewigkeit gemacht”, weiß auch Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann um die doch unsichere Zukunft. Seit dem Umzug haben sechs Ministerien ihren ersten Sitz am Rhein, die übrigen ihren zweiten Dienstsitz.

Immer noch arbeiten hier mehr Regierungsbeamte (rund 11.000) als in Berlin (rund 8000). Allerdings ist die Führungsspitze der Ministerien auch mit Erstsitz Bonn kaum noch am Rhein, und auch die Minister lassen sich höchst selten blicken.

Immer wieder sorgen daher in Bonn Spekulationen für Unruhe, dass an dem Gesetz gedreht werden soll, oder per Rutschbahneffekt neue Fakten geschaffen werden. Da war es kein gutes Signal, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder den Karnevalsempfang 2002 absagte. Im Wahlkampf machte er einen Bogen um die Stadt.

Zu später Stunde hatte der junge Abgeordnete hier einst lautstark am Eisentor des Kanzleramts gerüttelt („Ich will hier rein!”). Das Tor sichert heute ein privater Wachdienst.

Mit der Politik machten sich auch zwangsläufig Journalisten rar. Der alte Presseclub in der Heinrich-Brüning-Straße wird gerade runderneuert und soll wieder Zentrum für die Medien werden.

Und das berühmte Tulpenfeld, aus dem früher die Bundespressekonferenzen übertragen wurden, ist zu neuem Leben erwacht.

Hier gibt es Entwicklungsorganisationen, die Regulierungsbehörde, Post-Büros und eine große Kantine, in der sich Beschäftigte aus dem gesamten Regierungsviertel zur Mittagszeit versammeln. Parkplätze sind genau so selten zu finden wie zu Regierungszeiten.

„Weg der Demokratie” als Touristen-Attraktion

Geplant ist, im alten Regierungsviertel einen „Weg der Demokratie” einzurichten. Stationen wie die feine Villa Hammerschmidt, die noch als zweiter Dienstsitz des Bundespräsidenten dient, das renovierte Palais Schaumburg, das Kanzleramt oder der „Lange Eugen” sollen an 50 Jahre Geschichte der Bundesrepublik erinnern.

Dafür erinnert ein Lokal an die alten Zeiten. In der Adenaueralle 70, dort, wo früher Diplomaten des Auswärtigen Amtes aus dem Café Abresch ihren Kuchen holten, hat Guntram Fischer die „Bonner Republik” eingerichtet.

Zunächst hatte er mit einem Bundesadler-Schild geworben. Doch das Verwaltungsamt verfügte, dass der Adler als Symbol nicht zu Reklamezwecken benutzt werden dürfe. „Deshalb hängt hier jetzt die Henne.”

Eingeweihte wissen, dass der Bundesadler, der im Parlamentsaal hängt, wegen seiner runden Formen auch als „fette Henne” verspottet wurde.
Vor kurzem schaute auch Alt-Kanzler Kohl überraschend mal vorbei.

„Er trank eine Weinschorle und aß einen Thunfisch-Salat”, berichtet der 42-jährige Fischer.

In Räumen mit den Namen „Plenarsaal” oder „Ausschusssitzungen” hängen Politiker-Karikaturen und ein Ölbild aus der Hand von Ex-Verteidigungsminister Georg Leber.

Auf der Speisekarte stehen Gerichte wie „Erich Honecker” (1 Glas Leitungswasser mit einer Scheibe trockenem Brot), „Joschka Fischer” (Müsli mit Joghurt und Früchten dazu ein frischer Orangensaft) oder „Norbert Blüm” (Rheinischer Sauerbraten, Klöße und Apfelrotkraut).

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