Aachen: Böll-Biograf Ralf Schnell über den Hype zum 100. Geburtstag

Aachen: Böll-Biograf Ralf Schnell über den Hype zum 100. Geburtstag

Ralf Schnell ist viel unterwegs in diesen Tagen, ein gefragter Experte in Sachen Heinrich Böll. In seinem Essayband „Böll und die Deutschen“ wirft der Literaturwissenschaftler einen Blick auf das nie einfache Verhältnis des Schriftstellers zu seinem Heimatland. Mit ihm sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Zum 90. Geburtstag von Heinrich Böll fragte „Die Zeit“: „Wo ist Böll?“ Heute, zehn Jahre später und zu seinem 100. Geburtstag, wird Böll überall gewürdigt. Die Frage lautet also eher: „Was bleibt von Böll?“

Ralf Schnell: Diese Frage richtet sich letztlich an unsere Eventkultur. Wenn das alles nur ein Hype zum 100. ist, was wir zur Zeit in Sachen Böll erleben, wird nicht viel bleiben. Aber vielleicht ist der Geburtstag ja auch die Gelegenheit, Bölls Arbeiten zu entdecken oder auch einer Neuprüfung zu unterziehen. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob seine Bücher endgültig ins Archiv wandern sollten oder ob sie heute noch Relevanz besitzen.

Wie fällt Ihr Urteil aus?

Schnell: Bölls Arbeiten, wie sie jetzt in der 27-bändigen Werkausgabe vorliegen, sind ein literarisches und historisches Dokument der Entwicklungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das ist der eigentliche Wert. Böll war ein Gegenwartsschriftsteller, die historische Dimension hat für ihn keine Rolle gespielt. Sein Credo war: „Ich lebe in dieser Zeit, und schreibe für meine Zeit und meine Zeitgenossen.“ Er wollte Einfluss nehmen durch Deutungen seiner Zeit: literarisch, essayistisch, polemisch. Was mit meinem Werk nach meinem Tod passiert, interessiert mich nicht, hat er sinngemäß gesagt. Aber es gibt natürlich auch Bücher von Böll, die einen bleibenden ästhetischen Mehrwert haben.

Welche wären das?

Schnell: Die frühen, satirischen Kurzgeschichten: „Mein Freund hat seine eigenen Ideen“, „Die schwarzen Schafe“ oder „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. Dann Romane und Erzählungen wie „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Billard um halb 10“, „Ansichten eines Clowns“ und „Frauen vor Flußlandschaft“, der erst nach Bölls Tod erschien und sein ästhetisch kühnster Entwurf ist.

In der öffentlichen Wahrnehmung gab es immer zwei Bölls: hier der Schriftsteller Böll, dort die öffentliche Person, die sich einmischte. Wie passt das zusammen?

Schnell: Dieser Betrachtung liegt ein fundamentales Missverständnis zugrunde. Der Intellektuelle Böll, der sich öffentlich positionierte, ist von dem Schriftsteller nicht zu trennen. Das verbindende Element ist die Sprache. Sie ist bei Böll immer, auch in den Polemiken und öffentlichen Äußerungen, eine literarische Sprache. Nehmen wir seine Rezension des ersten Bands von Adenauers Erinnerungen aus dem Jahr 1966: Böll betreibt hier scharfe Sprach- und Stilkritik und kommt zu dem Schluss, dass Adenauers Sprache nicht lesbar und äußerst dürftig sei. Als Referenzpunkt nahm er Marcel Proust. Böll war der Meinung: Wie jemand schreibt, so denkt und handelt er auch.

Böll galt als der „gute Mensch von Köln“, als „Gewissen der Nation“ und „ewiger Moralist“. Dieses Bild oder besser diese Klischees verbinden wir noch heute mit ihm. In den 80er und 90er Jahren ist er dafür verspottet worden. Ihr Buch liest sich als Versuch einer Ehrenrettung.

Schnell: Ich bin der Meinung, dass Böll unterschätzt worden ist. Und das vor allem wegen seiner Grundierung durch den Glauben. Böll war kein katholischer Schriftsteller, wie man ihm unterstellt hat, aber die Dimension des Glaubens scheint bei ihm immer durch. Das hat ihm Kritik, Spott und zum Teil Häme eingetragen. Man kann das aber auch so sehen: Böll war es wert, von Leuten wie Henscheid oder Gernhardt verspottet zu werden. Das drückt auch ein Stück Größe aus. Warum sollten sie sich sonst an ihm abarbeiten?

Hat sich Böll in seinem Engagement vereinnahmen lassen?

Schnell: Nein, nie — im Gegensatz zu Grass oder Walser. Er hat sich stets auf eigenes Risiko und in eigenem Namen eingemischt. Böll ist nur einmal öffentlich für die SPD aufgestanden — und das auch nur, weil er Willy Brandt so nahestand.

Warum war das so?

Schnell: Vor allem wegen der Art und Weise, wie gegen Brandt gehetzt wurde. Und vielleicht, weil beide einen melancholischen Blick auf die Welt hatten. Böll hat in späten Jahren nicht mehr an die Aufklärung geglaubt, und Brandt nicht mehr daran, seine politischen Vorstellungen realisieren zu können. Zwischen den beiden bestand eine intellektuelle und persönliche Seelenverwandtschaft. Von der SPD selbst hielt Böll übrigens nichts.

Der Schriftsteller Dieter Wellershoff, der lange Jahre Bölls Lektor bei Kiepenheuer & Witsch war, hat ihn als „Randfigur“ bezeichnet. Auch das verbindet ihn mit Brandt.

Schnell: Ja. Böll selbst hat von einem „Gefühl der Fremdheit gegenüber der Welt“ gesprochen. Er hat das ausdrücklich in einem existenziellen und metaphysischen Sinn verstanden, nicht psychologisch. Säulen dieses Gefühls waren seine Erfahrungen im Krieg und sein Glaube. Diese Fremdheit hat auch sein literarisches Schaffen bestimmt. Böll hat immer auf Distanz zu seinem literarischen Material bestanden, um überhaupt produktiv sein zu können.

Brauchen wir heute wieder jemand wie Böll?

Schnell: Ich habe die Figur des überragenden, sich einmischenden Intellektuellen lange Zeit als überholt betrachtet. Aber jetzt glaube ich, dass wir eine solche Figur gut gebrauchen könnten — sei es, um uns daran zu reiben, sei es, um Orientierung zu finden. Es gibt diese Figur heute nicht mehr. Mit einer Ausnahme: der Schriftsteller Navid Kermani. Kermani steht in der Verbindung von essayistisch-intellektuellem Schreiben und literarischem Ausdruck in der Tradition eines Heinrich Böll. Er hat uns etwas zu sagen, über das nachzudenken sich lohnt.