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Würselen: „Blind Date“ auf Burg Wilhelmstein mit Deutschpop, Comedy und Genre-Mix

Würselen : „Blind Date“ auf Burg Wilhelmstein mit Deutschpop, Comedy und Genre-Mix

Zugkräftige Namen braucht es hier nicht. Wenn zum Auftakt der Kultursaison auf Burg Wilhelmstein das „Blind Date“ startet, dann sind die Sitzreihen immer voll. Auch am Wochenende waren alle Tickets lange im Vorfeld ausverkauft. Kein Wunder.

Denn obwohl niemand im Publikum wusste, wer am Abend auf der Bühne stehen würde, durfte jeder blind darauf vertrauen, dass Programmchef Hans Brings und sein Team bei der Auswahl der Künstler eine gute Wahl treffen würden. Flotten Deutschpop, pädagogische Pointen und eine Combo jenseits aller musikalischen Grenzen — das gab es diesmal für den guten Zweck.

Sämtliche Bands und Komiker, die beim „Blind Date“ mit von der Partie sind, stehen womöglich nicht bloß kurz vorm großen Durchbruch, sondern sind zudem bereit, auf ihre Gagen zu verzichten. Damit der Erlös des Abends traditionell und komplett dem Hilfswerk „Menschen helfen Menschen“ des Zeitungsverlags Aachen zugute kommen kann.

Zur Vorstellung des Hilfswerks holte Moderator Robert Esser, Redakteur unserer Zeitung, seinen Kollegen Hans-Peter Leisten auf die Bühne, der sich ehrenamtlich in der Geschäftsführung von „Menschen helfen Menschen“ engagiert.

Mit Sängerin Lucie Licht und ihren fünf Jungs geriet der Einstieg in den Abend ganz schön quirlig. „Unter Strom“ heißt ein Song vom im vergangenen Jahr veröffentlichten Debütalbum der Kölnerin, und dieser Titel war Programm. Mit lockigem Wuschelkopf und komplett in zartem Rosa erwies sich Lucie Licht als Energiebündel, das das Publikum im Nu für sich gewann.

„Lieber ein paar Schimpfwörter“

Mit sichtlich viel Spaß am Ambiente der Freilichtbühne hüpfte die Kölnerin umher und hatte deutsche Songs mit viel Ohrwurmpotenzial im Angebot. Nicht bloß im Stück „Alles läuft“ gab es mehr als nur einen Hauch der Neuen Deutschen Welle. Keine Überraschung daher, dass der einzige Coversong in ihrem Repertoire von Nena war: „Nur geträumt“, das passte wie die Faust aufs Auge. Vollgas vom ersten Song bis zum letzten, nur einmal nahm Lucie Licht bei der Ballade „Zeit“ das Tempo raus.

Als „das Ende einer langen Kette von Fehlentscheidungen“ präsentierte sich im Anschluss einer, der mal Lehrer war und sein Seelenheil jetzt in der Comedy sucht: Herr Schröder. Ein leidgeprüfter Mann, oder einfach ein „Beamter mit Frustrationshintergrund“, wie er selbst es nannte.

Das konnte das Publikum gut nachvollziehen, falls von den Geschichten, die er aus den Klassenzimmern präsentierte, auch bloß die Hälfte wahr sein sollte. „Seien Sie bloß nicht zu nett zu mir“, ließ er seine Zuhörer gleich zu Beginn wissen. „Brüllen Sie lieber zwischendurch mal ein paar Schimpfwörter in die Stille rein, damit mir die ganze Atmosphäre etwas vertrauter ist.“

Er erzählte von Schülern, die ihr Abitur mit 1,8 bauen — wohlgemerkt: 1,8 Promille — und von Eltern hochbegabter Kinder, die sich gern mal bei ihm erkundigen, ob die Nussallergie ihrer Sprösslinge wohl bei der Notenfindung berücksichtigt werden könne.

Ausgerechnet als Deutschlehrer ist Herr Schröder gestartet. Und als ob die Schüler nicht schon schwer genug sind, ist die deutsche Sprache selbst ja auch ganz schön vertrackt. „Wie soll man zum Beispiel bei den Artikeln durchblicken? Steht man in einem Feld, heißt es: der Weizen und das Korn. Aber abends in der Kneipe heißt es plötzlich: das Weizen und der Korn...“ Am Ende blieb die wohltuende Erkenntnis: „Wenigstens ein gutes hat das Lehrerdasein: Meine Schüler schreiben mein Bühnenprogramm praktisch ganz von selbst.“

Abgerundet wurde der Abend von einem Sextett aus Brüssel, das sich als Grenzgänger der Musiksparten erwies. Viel Jazz und einige rockige Elemente verwoben die jungen Männer von „Soma Age“ zu einer Mixtur, die auch Platz für Balkan-Pop, Trance-Elemente und französischsprachigen Hip-Hop hatte. Nicht gerade eingängig — aber an den Instrumenten virtuos serviert.

Großen Applaus gab es für „Soma Age“ — und für das Komplettpaket. Ein „Blind Date“ mit viel Charme.