Region: Bitte nicht Stören! Autismus im Alltag

Region: Bitte nicht Stören! Autismus im Alltag

Thomas hat gerne seine Ruhe. Viel Rummel um ihn herum, das ist nichts für ihn. Auf Familienfeiern zum Beispiel verlässt er meist die Runde, nachdem er nur eben etwas gegessen hat. Danach möchte er am liebsten allein sein und zieht sich in sein Zimmer zurück.

Thomas Rupp ist 14 Jahre alt. Ein Teenager, der gerade einfach mitten in der Pubertät steckt? Bei ihm verbirgt sich etwas anderes dahinter. Er ist Autist.

Familienalltag im Hause Rupp-Franksen: Mit dem 7-jährigen Bruder und Mutter Vera wird eine Runde Uno gespielt.

Autismus ist eine Störung der sozialen Interaktion und Kommunikation. Autisten fällt es oftmals schwer, Gesichtsausdrücke zu deuten und sich in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen. Auch körperliche Nähe und direkten Blickkontakt empfinden sie häufig als unangenehm. Deshalb ist es für viele Autisten auch schwierig, Freundschaften zu knüpfen.

Bei Thomas wurde die Diagnose „Autismus“ — in seinem Fall ist es der Atypische Autismus — nicht sofort gestellt. Seine Mutter hatte die Vermutung trotzdem schon sehr früh. „Schon bevor er ein Jahr alt war, war ich mir eigentlich sicher, dass er autistisch ist“, sagt Vera Rupp-Franksen. Sie macht deutlich, dass es den „einen“ Autismus nicht gibt. Es gebe unterschiedliche Ausprägungen.

Und natürlich hat jeder Autist seine ganz eigene Persönlichkeit. Die Art, wie Rupp-Franksen mit Thomas umgeht, nennt sie einen „liebevollen Zwang“. Sie lässt ihm seine Freiräume, drängt ihn aber auch immer wieder dazu, sich in „unsere“ Welt einzufügen.

Autisten nehmen Dinge oft anders wahr, als andere das tun. Viele können Eindrücke aus der Umwelt schlecht ausblenden. So geht es auch Thomas oft. Ein Gespräch ist für ihn zum Beispiel anstrengend, wenn der kleine Bruder im Hintergrund mit einer Verpackung raschelt.

Auf die Frage, wann er sich am wohlsten fühlt, antwortet Thomas: „Morgens, im Bett liegend.“ Er bleibe dann gerne lange liegen und mache einfach gar nichts. Ansonsten liest der 14-Jährige gerne Bücher — zum Beispiel Fantasy — , schaut Filme oder beschäftigt sich am Computer.

Auf etwa 200 Bücher kommt er dabei in einem Jahr. Nach draußen geht er nicht besonders gerne. Klar, die Wege, die er machen muss, macht er. Morgens geht es zur Schule — entweder er wird gefahren oder er nimmt den Bus. Freiwillig in den Garten setzen würde er sich eher nicht. Im Sommer ist es ihm da einfach „zu hell und zu warm!“.

Wenn Thomas — zum Beispiel einer fremden Person — die Haustür öffnet, ist er dabei freundlich und setzt ein Lächeln auf. Geht die Tür wieder zu, vergehe aber auch sein Lächeln schnell wieder, sagt Rupp-Franksen. Viele Dinge habe er einfach gelernt. Er kennt Regeln für bestimmte Situationen.

Das Lächeln setzt er auf, weil er weiß, dass man das so macht, wenn man jemanden empfängt. Das Lächeln, das Thomas hat, wenn er sich über etwas freut, sei ein anderes, sagt seine Mutter. „Denn dann strahlen auch seine Augen mit. Und die kann man eben nicht austricksen.“

Schwierig ist es für Thomas, wenn er in Situationen gerät, die neu für ihn sind. Das mache ihn unsicher, sagt seine Mutter. Routine und Gewohnheit spielen daher in seinem Leben eine wichtige Rolle. Gerät die tägliche Routine durcheinander, kann das für ihn schwer zu ertragen sein.

Zusammen mit anderen autistischen Jugendlichen nimmt Thomas regelmäßig an einer Sitzung teil, in der gezielt Übungen gemacht werden, die ihnen dabei helfen sollen, besser mit Situationen umgehen zu können. Die Gruppe schaut sich dort zum Beispiel Video-Sequenzen an, in denen Szenen zwischenmenschlicher Beziehungen gezeigt werden. Gemeinsamen diskutieren sie dann darüber, wie sich die Personen in der Situation fühlen könnten.

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