Viele offene Fragen für die katholische Kirche in Aachen

Die Zukunft der katholischen Kirche : Basis bangt. Bischof warnt. Zweifel nagt.

Das Ringen im Bistum hat längst begonnen: Es geht darum, welche Chancen kleine Gemeinden künftig noch haben. Denn wenn es immer weniger Priester gibt und immer weniger Gläubige, stellt sich die Frage, in welchem Maße die katholische Kirche in den heute bestehenden Gemeinden künftig noch präsent sein kann und will.

„Wie nahe bleibt die Kirche in meinem Ort, in meinem Dorf, in meiner Pfarrei? Diese Frage ist am meisten mit Angst besetzt“, hat Bischof Helmut Dieser im vorigen Monat im Interview mit unserer Zeitung auf die Frage geantwortet, welche Themen seine Gesprächspartner im bistumsweiten Gesprächs- und Veränderungsprozess „Heute bei dir“ hauptsächlich beschäftigen.

Wie die Struktur des Bistums und seiner Pfarreien und Synodalität künftig aussehen, wie Verantwortung geteilt und in Gemeinden entschieden wird, darüber debattieren engagierte Gläubige, Haupt- und Ehrenamtliche längst heftig.

Dieser selbst, der im laufenden Diskussionsprozess jederzeit und deutlich seine Entscheidungsbefugnis betont und seine Meinung einbringt, legt dabei Wert darauf, dass das, was er als seine Position und seine Argumente vorträgt, nicht verwechselt wird mit einem bischöflichen Dekret. Dass beides nicht unterschieden wird, kommt im Eifer der Debatte im und um den Veränderungsprozess vor.

Immer weniger Priester

Die Zahl der aktiven Priester wird weiterhin und noch schneller abnehmen. Es gibt – grob skizziert – zwei Alternativen, die sich allerdings nicht ausschließen müssen, sondern auch ergänzen könnten:

  1. Entweder wird es in Zukunft deutlich weniger und in vielen heute noch lebendigen Pfarreien gar keine Gottesdienste mehr geben, weil sich das Bistum auf von Priestern geleitete Messfeiern an zentralen Orten konzentriert.
  2. Oder es bleibt eine größere Vielfalt und die Nähe zur Kirche vor Ort erhalten, weil Laien und Ehrenamtler im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode sogenannte Wortgottesfeiern machen, in denen auch Kommunion in liturgisch angemessener Form verteilt werden kann.

Bischof: Dieser sieht die Wortgottesfeiern eher skeptisch und hat davor gewarnt, zu sehr am Denken um den eigenen Kirchturm festzuhalten. Damit ist er auf zum Teil heftige Kritik gestoßen, die Peter Esser teilt. Er gehört dem Kirchenvorstand einer kleinen Kapellengemeinde im Aachener Stadtteil Schleckheim an. „Die Wortgottesfeier ist oft besser besucht als die Messe“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Die Menschen wollen die Kirche in ihrem Dorf.“ Deshalb setzt Esser sich hoch engagiert für die Kapelle zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit in Schleckheim ein.

Ob klassische Messe oder Wortgottesfeier ist für Ulla Breuer letztlich zweitrangig. Sie ist Mitglied im gemeinsamen Pfarreirat von Oberforstbach und Schleckheim. „Die Eucharistiefeier, bei der vorne ein geweihter Mann mit all seiner Macht steht“, sei nur ein Modell. „Wir legen Wert auf die persönliche Begegnung sonntags in der kleinen Gemeinde, weil wir wissen, wie wichtig den Menschen diese Nähe ist.“

Deshalb lehnt sie zentrale Gottesdienste an weniger Orten ab. „Es rankt sich bei uns alles um die Kapelle“, sagt Breuer. „Jeder Mensch will Verlässlichkeit und Heimat, Vertrauen in Menschen, die er kennt und die ihm nahe sind. Wenn die Menschen sich kennen, machen sie gerne mit in der Kirche – auch junge Leute.“

Einheit in Vielfalt

Offiziell ist in der Schleckheimer Kapelle nur am fünften Samstag im Monat eine Messe vorgesehen – also wie in Lichtenbusch allenfalls vier Mal im Jahr. Man hat aber mit Oberforstbach vereinbart, sich monatlich abzuwechseln, damit in jeder der beiden Pfarreien sechs Mal im Jahr Eucharistiefeiern stattfinden können. An den übrigen 46 Wochenenden leiten ausgebildete Laien Wortgottesdienste; Breuer ist eine davon. In Kornelimünster wird jeden Sonntag die Messe gefeiert. „Es wäre ein solidarisches Zeichen, wenn sich die Propsteikirche dort wie alle anderen Pfarreien unserer GdG in den gemeinsamen Gottesdienstplan einreihen würde“, sagt sie.

Propst Ewald Vienken, der die GdG leitet, legt hingegen Wert auf „Verlässlichkeit wenigstens in einer Kirche für eine Messe zur festen Zeit, am festen Ort“, wie er auf Nachfrage unserer Zeitung sagt. Zudem werde die Sonntagsmesse in St. Kornelius von vielen Ausflüglern besucht. „Das sind oft mehr als die Hälfte“, erklärt Vienken.

Noch mehr ärgert Breuer sich aber darüber, dass es im gesamten Bistum noch manche Pfarrgemeinden mit mehreren Eucharistiefeiern an einem Wochenende gibt und am Aachener Dom regelmäßig Gottesdienste von mehreren Geistlichen zelebriert werden. „Kann man denn die Priester für Eucharistiefeiern nicht gerechter verteilen?“

Nachdrücklich fordern Breuer und Esser Einheit in Vielfalt: kleine Strukturen, wo sie von gutem Engagement getragen werden, zentrale Strukturen, weil zum Beispiel in der Aachener Innenstadt gar nichts anderes möglich ist. Breuer, Esser und viele Mitstreiter haben im Januar den „Kapellenverein Schleckheim 2019 e.V.“ gegründet. Fast 60 Mitglieder hat er bis jetzt. Er soll die Kontinuität der Aktivitäten vor Ort gewährleisten. So will man nicht zuletzt auch das Pfarrheim direkt neben der Kapelle erhalten, das nicht der Gemeinde oder dem Bistum gehört, sondern von der Stadt Aachen gemietet ist. Kirchenchor, Schützen und andere Vereine nutzen es intensiv. Esser: „Wir wissen nicht, was kommt. Aber wir sind bereit und entschlossen, das, was wir hier haben, zu erhalten.“

Die beiden engagierten Ehrenamtlichen vermissen Unterstützung für ihre Initiativen vor Ort. Mehr noch: Sie vermuten eine regelrechte Strategie gegen die Kleinen. „Manche Hauptamtliche sind vor allem bischofstreu und arbeiten darauf hin, die kleinen Gemeinden plattzumachen“, sagt Esser. Breuer vermisst „Freude und Verständnis, dass wir kleine Gemeinden lebendig halten wollen“. Und Esser wird noch deutlicher: „Wenn uns ein Bischof zugewürfelt wird, der sagt, wir brauchen die kleinen Gemeinden nicht mehr, zerstört er persönliche Glaubensbeziehungen und die Kirche als Heimat.“

Was muss sich ändern in der katholischen Kirche? Die Frage wird heftiger denn je diskutiert. Die Bischöfe haben einen „verbindlichen synodalen Weg“ beschlossen, um bundesweit mit der Basis über notwendige, sogenannte systemische Veränderungen zu sprechen – also über den Pflichtzölibat, kirchliche Machtstrukturen, Frauenbeteiligung und Sexualmoral. Esser bezweifelt stark, dass alle Bischöfe zu Veränderungen bereit sind. Breuer erwartet, „dass der Klerus vom Thron runter kommt“. Sie sagt: „Früher hatten die Menschen mehr Angst vor der Hölle als Freude auf den Himmel. Was man alles nicht durfte! Das hat sich Gott sei Dank geändert.“ Nun müsse sich endlich auch die Kirche ändern. „Das Priestertum muss für alle geeigneten Menschen offenstehen – ob Frauen oder Männer.“

Breuer spürt Aufbruchstimmung in ihrer Kirche. „Wenn die nicht endlich auf Taten trifft, wird das zu Resignation unter den Ehrenamtlichen führen. Dann gehen die Menschen weg. Dann ist die Kirche weg.“ Ob beim bundesweiten synodalen Weg oder beim Veränderungsprozess hier im Bistum: Breuer und Esser hoffen, „dass die Basis wirklich Einfluss hat, dass nicht schon alles vorher feststeht und die Leute nur hingehalten werden und nur den Eindruck haben, sie hätten mitgewirkt“.