Kirchlicher Missbrauch: So lange sagte das Opfer kein Wort. Warum?

Kirchlicher Missbrauch : So lange sagte das Opfer kein Wort. Warum?

„Niemand hätte mir geglaubt.“ Ein Betroffener von sexuellem Missbrauch in der Kirche erzählt, dass er jahrzehntelang nicht reden konnte. Doch aus welchen Gründen schwieg das Opfer so lange?

„Bis vor einem Jahr war mir überhaupt nicht klar, dass das, was mir geschehen war, eine Straftat ist.“ Mitten in dem ruhigen, traurigen Gespräch sagt Z. diesen Satz. Er ist eines der ungezählten Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester der katholischen Kirche in Deutschland. Allein diese erschütternde Aussage offenbart, was Z. (57), der mit seinen Aussagen auf jeden Fall anonym bleiben möchte, wenig später ausdrücklich bestätigt: Mehr als viereinhalb Jahrzehnte lang hat er das, was er erleben und erleiden musste, mit sich selbst ausgemacht. Bis zum Herbst 2018 hat er es niemandem erzählt. Er konnte nicht.

Z. ist seit 22 Jahren verheiratet und hat einen Sohn. Auch seiner Frau hat er erst vor einem Jahr alles erzählt; vorher habe er sich dazu nicht entschließen können. Sein Sohn weiß es bis heute nicht; aber er will es ihm noch sagen.

Das Ganze geschah in den Jahren 1972/73. Z. war damals elf Jahre alt und Messdiener in einer Pfarre im Norden des Bistums. Eine „katholische Hochburg“ nennt er den Ortsteil. „Mein Vater war sehr streng katholisch.“ Er und seine vier Brüder wurden alle auf Apostelnamen getauft. Die Kirche habe das Familienleben stark geprägt. M. war Pfarrer der Gemeinde und nutzte „ungefähr ein Jahr lang“ jede Gelegenheit, die sich bot, um Z. sexuell zu missbrauchen – insgesamt etwa zehn bis fünfzehn Mal. Schließlich entzog er sich selbst dem Priester, der dann auch von ihm abließ. Über Details will Z. verständlicherweise nicht sprechen.


Mit dem Fegefeuer gedroht


Aber er erzählt schon, wie infam der Täter vorgegangen sei, damit seine Vergehen nicht bekannt werden. „Ich bin sehr katholisch erzogen worden; da kommt man als Kind nicht raus. ‚Du musst in der Hölle schmoren‘; diese Androhung war für uns Kinder das Schlimmste.“ Daraus habe er keinen Ausweg gesehen. „Ich hatte Angst vor dem Fegefeuer. Und M. hat mir gesagt, wenn ich irgendetwas erzähle, ‚kommst Du in die Hölle und verbrennst im Fegefeuer‘. Davon war ich felsenfest überzeugt.“

Seinen Eltern sagte er nichts. „Wenn ich es meinem Vater gesagt hätte, er hätte mir nicht geglaubt; er hätte mich verprügelt. Es hätte keinen Sinn gehabt. Niemand hätte mir geglaubt.“ Wieder so ein Satz: „Niemand hätte mir geglaubt.“ Nach der Angst und der Ohnmacht, als er M. ausgeliefert war, kam die für ihn empfundene niederschmetternde Gewissheit hinzu: „Es glaubt Dir sowieso niemand.“ Und dieses Gefühl hat ihn über Jahrzehnte begleitet. Ein Mensch, der weiß, dass er einer unerträglichen Tat hilflos ausgeliefert ist und die psychischen Folgen über Jahrzehnte mit sich selbst ausmachen muss. Z. fasst seine tiefe Verzweiflung in wenigen Worten zusammen: „Das hat mir als Kind meine Seele ermordet.“ Er habe keine Seele mehr. „Da ist ein Hohlraum.“


Aus der Gemeinde verschwunden


„Hinzu kam die Scham. Ich war mit elf Jahren noch nicht aufgeklärt. Ich habe gemerkt: Da ist was falsch. Aber ich konnte mich nicht wehren, weil diese Person einen viel zu hohen Status hatte.“ Die Tat war für den Elfjährigen letztlich unaussprechbar. Er war allein gelassen. So fühlte er sich jahrzehntelang – eigentlich bis heute. „Innerlich bin ich immer allein. Ich habe bis zum vorigen Jahr mit niemandem darüber gesprochen. Ich hatte Panik, Todesangst.“ Z. hatte über Jahrzehnte hinweg sogar das Gefühl, es könnten ihm Vorwürfe gemacht werden wegen einer Tat, deren Opfer er war.

Z. war nicht das einzige Opfer von Pastor M.. Das hat er aber erst vor einigen Monaten von Herbert Dejosez erfahren, dem Bischöflichen Beauftragten und Ansprechpartner für Opfer sexualisierter Gewalt durch Geistliche. Unabhängig davon liegt unserer Redaktion ein Urteil des Landgerichts Krefeld aus dem Jahr 1978 vor. Pfarrer M. wurde im April jenes Jahres wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. M. gestand die Tat vor Gericht. Er hatte in derselben Gemeinde 1977/78 einen anderen, damals elfjährigen Messdiener sexuell missbraucht – und zwar in zahlreichen Fällen und so lange, bis schließlich ein Übergriff von einer Zeugin zufällig entdeckt wurde. Die Eltern des Jungen zeigten M. an. Erst zu diesem Zeitpunkt verließ er die Pfarre. „Der Mann war einfach weg. Die Verurteilung ist in der Pfarrgemeinde nie bekannt geworden“, sagt Z.

Nach Auskunft des Aachener Bistumssprechers Stefan Wieland war M. anschließend weiterhin als Priester tätig – und zwar von 1978 bis 1990 als sogenannter Pfarrverweser (Vertreter eines länger abwesenden Pfarrers) in mehreren Gemeinden in Inden (Kreis Düren), von 1990 bis 1992 als Pfarrvikar in Mönchengladbach und die letzten zehn Jahre bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand 2002 als Subsidiar in der Aachener Pfarrgemeinde St. Foillan. Bekannt sind laut Wieland zudem Vorwürfe zweier Betroffener aus den Jahren 1991 und 2003, die aber nicht zu Gerichtsverfahren führten. 2011 und 2019 meldeten sich demnach zwei weitere Betroffene. Für Z. ist das Urteil des Krefelder Landgerichts sehr wichtig. „Weil es meine Glaubwürdigkeit unterstreicht.“

Mit 14 Jahren begann Z. eine Lehre und, wie er das nennt, „den Krieg mit seinem Vater“. Er sagte ihm kurz vor Heiligabend: „Ich gehe nicht mehr in die Kirche. Da hat er zwei, drei Wochen lang nicht mehr mit mir gesprochen. Das war der Schnitt. Ich verabschiedete mich innerlich von der Kirche. Ich war einfach wütend.“ Z. hatte seitdem nie wieder irgendeinen Kontakt mit M.

Z. unternahm zu Beginn der 90er Jahre einen Suizid-Versuch. Seit 1991 ist er in psychotherapeutischer Behandlung. Auch dort hat er über das Geschehen 20 Jahre zuvor nicht gesprochen. Er wurde wegen Depressionen behandelt, und die Ursachensuche konzentrierte sich auf das Verhältnis zu seinen Eltern. „Ich habe das eigentliche Thema nicht rausholen können.“ Wie er das ausgehalten hat? Z. nennt sich selbst einen „sehr ehrgeizigen Menschen. Ich habe immer versucht, perfekt zu sein, damit ich nicht angreifbar bin.“ Perfektion sei die Mauer, die er um sich gezogen habe.

Erst vor einem Jahr ließ sich Z. vom Verein „Eckiger Tisch“ beraten und wandte sich an den Missbrauchsbeauftragten Dejosez. Da wusste er noch nicht, dass M. nicht mehr lebte. Dass der Täter nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden konnte, hat Z. aber nicht enttäuscht. „Es war für mich in erster Linie eine Erleichterung, dass er tot ist“, sagt er ganz offen. „Er kann mir nicht widersprechen.“ Denn selbst zu diesem Zeitpunkt habe er noch Angst gehabt, „dass man mir nicht glaubt. Ich hatte ja keine Beweise. Es hätte sein können, dass M. alles leugnet.“

Z. führte ein Gespräch mit Dejosez. Für ihn sei es anschließend eine große Erleichterung gewesen, als Generalvikar Andreas Frick ihm vor einigen Monaten geschrieben und ihn im Namen des Bistums als Betroffenen sexuellen Missbrauchs anerkannt habe. „Da wurde meine Glaubwürdigkeit erstmals offiziell dokumentiert.“

Trotzdem hätte er sich mehr gewünscht, hätte er erwartet, dass nicht nur der Missbrauchsbeauftragte, sondern ein offizieller Vertreter des Bistums mit ihm persönlich spricht. Letztlich habe er nicht den Eindruck, dass das Aachener Bistum bereit ist, die Perspektive der Opfer einzunehmen und in erster Linie an sie zu denken. Vielmehr gehe es der Kirche nach wie vor darum, Tat und Täter unter der Decke zu halten.

Nach wie vor haben die Bischöfe die Frage nicht beantwortet, wie Missbrauchsopfer entschädigt werden sollen. Zwei Alternativen sind genannt worden: eine pauschale Zahlung in Höhe von 300.000 Euro oder – verbunden mit der Prüfung des Einzelfalls – eine Zahlung von 40.000 bis 400.000 Euro. Z., der vom Bistum Aachen eine geringfügige vierstellige Summe „in Anerkennung des Leids“ und als „freiwillige, materielle Leistung“ erhalten hat, befürwortet generell die Pauschale. „Es hat keinen Sinn, die Opfer Verhören auszusetzen. Wer will beurteilen, wie stark der Missbrauch die Betroffenen in ihrem weiteren Leben geschädigt hat?“


Von dem Skandal erschüttert


Über die Ursache für den Missbrauch von Minderjährigen durch Priester hat Z. sich viele Gedanken gemacht. Für Priester sei es vielleicht die einzige Möglichkeit, sexuelle Kontakte zu bekommen. „Weil der Widerstand bei Kindern am geringsten ist.“ Den Zölibat nennt er eine Geißel. „Er widerspricht der menschlichen Natur“ und könne durchaus als Ursache zum Missbrauch beitragen. Z. verfolgt intensiv die aktuellen Diskussionen in der Kirche und die Vorbereitungen auf den „synodalen Weg“. Er geht aber nicht davon aus, dass sich an den kirchlichen Strukturen etwas ändert.

Innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche ist festgestellt worden, dass der Missbrauchsskandal sie in den Grundfesten erschüttert habe. Z. selbst hat diesen Eindruck nicht unbedingt. „Sie propagieren das nach außen. Ob sie innerlich wirklich erschüttert sind, bezweifele ich – einzelne vielleicht.“ Die Kirche habe ihren moralischen Anspruch, Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielt. „Aber ich hasse die Kirche nicht. Sie ist für sehr viele Menschen wichtig und ein guter Halt.“

Ein gläubiger Mensch ist Z. nach eigener Aussage nicht; er sei es auch vor dem Missbrauch nicht gewesen, weil seine damaligen Gewissheiten von Gott, Himmel und Hölle eingetrichtert und angelesen gewesen seien und nicht innerer Überzeugung entsprochen hätten. Heute hat er keine innere Beziehung zu Religion und Kirche. „Ich bin kein gläubiger Mensch. Ich glaube nicht an Gott“, sagt er.

Ob er M. vergeben könne, würde der noch leben? Z. zögert sehr lange mit der Antwort. „Da würde ich das Gespräch lieber vermeiden, als ihm zu vergeben. Nein, ich glaube, ich könnte das nicht.“ Abgeschlossen sind die Tat und ihre Folgen nicht; der Schmerz bleibt. „Das nimmt mich alles nach wie vor stark mit“, sagt Z. Trotzdem spricht er mit viel Selbstbeherrschung darüber, abgewogen, ohne pauschale Vorwürfe, fast analytisch. Z. gibt sich nach außen hin ruhig, stärker und gefasster, als er innerlich ist.

(pp)