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Mitglieder-Verlust: Rheinischer Präses fordert tiefgreifende Veränderung der Kirche

Mitglieder-Verlust : Rheinischer Präses fordert tiefgreifende Veränderung der Kirche

Die Kirche verliert Mitglieder, Geld und gesellschaftlichen Einfluss. Kürzungen hier und da reichen nicht mehr aus, um dem Wandel zu begegnen. Der evangelische Präses Thorsten Latzel fordert einen „Systemwechsel“.

Angesichts schrumpfender Mitgliederzahlen und abnehmender gesellschaftlicher Bedeutung bereitet der rheinische Präses Thorsten Latzel die evangelische Kirche auf einen tiefgreifenden Wandel vor. „Wir leben in Zeiten hochdynamischer Entwicklungen: technologisch, global, gesellschaftlich“, sagte das Oberhaupt der Evangelischen Kirche im Rheinland am Mittwoch in seinem ersten Rechenschaftsbericht für die digital tagende Landessynode. „Das macht Institutionen und Organisationen fragil. Sie befinden sich in allen gesellschaftlichen Bereichen unter massivem Veränderungsdruck.“

Auch die derzeitige Form der Kirche sei fragil. Nach dem Verlust von rund 15 Millionen Mitgliedern in 50 Jahren und knapp zehn Millionen Austritten im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) werde es künftig nicht mehr nur um Kürzungen gehen, sondern um einen „wirklichen Systemwechsel“, sagte Latzel. „Und wir brauchen schlicht jede gute Idee.“

Jedes Jahr verliere allein die rheinische Landeskirche 30.000 bis 40.000 Mitglieder, die Zahl ihrer Gemeinden reduziere sich um 15 bis 20. Teilhabe funktioniere nur noch beschränkt. Nur zehn Prozent der Mitglieder könnten mit dem derzeitigen Zustand der Kirche noch etwas anfangen. „Die anderen 90 Prozent hören wir schwächer oder gar nicht.“

Die Coronavirus-Pandemie und die Flutkatastrophe hätten die Verletzlichkeit der Gesellschaft gezeigt. „Wir brauchen eine Theologie mit schmutzigen Schuhen, die rausgeht zu den Menschen“, sagte Latzel mit Blick auf die Hilfe der Kirche in den Flutgebieten. Der 51-jährige Theologe war vor einem Jahr zum Präses der zweitgrößten evangelischen Landeskirche gewählt worden. Die neue Kirchenleitung legte bereits im Sommer ein Positionspapier mit konkreten Vorschlägen für eine grundsätzliche Neuaufstellung vor.

Regionen und Kirchenkreise müssten künftig mehr kooperieren und auf die Menschen zugehen, so Latzel. Als Zielgruppe nannte er vor allem die 20- bis 40-Jährigen, denn sie träten am häufigsten aus der Kirche aus. Junge Menschen müssten mehr Raum bekommen in der Kirche. Bereiche wie Kita-Arbeit sollten gestärkt werden, weil sie einen Kontakt zu jungen Familien böten.

Latzel sieht die Zukunft der Kirche auch ökumenisch, also in der Zusammenarbeit der Konfessionen etwa im Religionsunterricht, in Gemeinden und der Seelsorge. Zugleich stelle die Situation der katholischen Kirche „gegenwärtig eine Herausforderung für uns“ dar, sagte er. Beide Kirchen seien in einer „öffentlichen Haftungsgemeinschaft“ – auch dort, wo die evangelische Kirche dezidiert andere Positionen vertrete, etwa bei der Gleichberechtigung von Frauen, der Stellung von Priestern und bei Fragen der freien sexuellen Selbstbestimmung.

Es gebe nicht „die eine katholische Kirche“, sagte Latzel später vor Journalisten. Besonders belaste derzeit die Situation im Erzbistum Köln, wo sich der umstrittene Kardinal Rainer Maria Woelki noch bis Anfang März in einer „geistlichen Auszeit“ befindet. Aber die evangelische Kirche werde weiterhin mit Bistümern kooperieren.

Das Gebiet der rheinischen Kirche mit derzeit etwa 2,4 Millionen Mitgliedern und 643 Gemeinden erstreckt sich über Teile der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Hessen.

(dpa)