Interview mit Hans Leyendecker: „Minderheitskirche kann stark sein“

Interview mit Hans Leyendecker : „Minderheitskirche kann stark sein“

Vom 19. bis 23. Juni blickt die evangelische Welt nach Dortmund: Dann treffen sich in der Ruhrgebietsmetropole zehntausende Christen zum Deutschen Evangelischen Kirchentag. Präsident des Protestantentreffens ist in diesem Jahr der gerade 70 gewordene Journalist Hans Leyendecker. Mit ihm sprach Benjamin Lassiwe.

Herr Leyendecker, was bedeutet Wahrheit für Sie?

Hans Leyendecker: Drei plus drei ist sechs. Das jedenfalls ist nach unserer Arithmetik die Wahrheit. Ich bin Journalist, und Journalisten versuchen, sich der Wahrheit zu nähern, und zumindest einen Zipfel der Wahrheit in den Händen zu haben. Ich glaube, dass es beispielsweise bei Journalisten oder Richtern die ganze Wahrheit nur selten und häufig nur in Annäherungswerten gibt. Es wäre gefährlich, das Internet für die Darstellung der Wahrheit zu halten. Es ist vor allem Fiktion, eher wie ein Theaterstück. Wenn ich über meinen Glauben rede, ist Wahrheit für mich aber auch immer mit Hoffnung verbunden. Mit der Zuversicht, dass der, der da ist, mir Halt gibt, und ich hoffe, dass es beim Sterben auch so sein wird.

Im Journalismus erleben wir eine Welle von Fake-News, die die Menschen verunsichern. Was haben wir Journalisten falsch gemacht?

Leyendecker: Wir haben sicher Fehler gemacht. Wir haben manchmal Haltung über Recherche gestellt. Haltung kann wichtig sein, aber ersetzt nicht Recherche. Und wir haben gelegentlich den Fehler gemacht, dass wir zu einseitig waren. Dass wir nicht beide Seiten gehört haben. Dass wir uns zu schnell darauf verlassen haben, dass wir schon wissen, wie es ist. Und wir waren nicht demütig genug.

Gerade die Demut ist eine christliche Tugend – inwieweit spielt denn der Umgang mit Fake-News beim Kirchentag in Dortmund eine Rolle?

Leyendecker: Es spielt beim Kirchentag natürlich eine Rolle: Wir werden einen Hauptvortrag haben, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Georg Mascolo wird darüber reden. Er ist einer der profiliertesten deutschen Journalisten und geht mit der Überzeugung an das Thema, dass wir über unsere Schwächen und Fehler mehr reden müssen. Der Ort der Recherche sollte in der Regel nicht der Schreibtisch sein. Journalisten müssen vor Ort sein und dort recherchieren.

Die Kirchen erleben, dass viele Menschen ihnen ihre Wahrheiten nicht mehr glauben.

Leyendecker: Es gibt ja Untersuchungen, wonach mittlerweile ein Drittel der Menschen in diesem Land ohne den Glauben an Gott auskommt. Und die Kirchen sind auf dem Weg zur Minderheitskirche. Aber auch eine Minderheitskirche kann stark sein. Die K irche ist nicht davon abhängig, dass die Mehrzahl der Menschen in den beiden großen Kirchen ist. Sie muss, egal ob als Mehrheits- oder als Minderheitskirche, die Kirche Jesu Christi sein. Wahrhaftig muss sie sein. Dazu gehört es, das Wort Gottes in den Mittelpunkt zu stellen, das Wort Gottes zu predigen und sich gleichzeitig nicht in einen frommen Winkel zurückzuziehen. Man muss beides hinbekommen.

Leidet der Kirchentag in Dortmund an Folgen des Reformationsjubiläums, das ja eher missglückt ist?

Leyendecker: Vieles ist 2017 hervorragend gelungen. Aber es hat Erwartungen gegeben, die größer als das Ergebnis waren. Die Kirchentage auf dem Weg in Mitteldeutschland zum Beispiel. 1991 hatten wir den so genannten Ruhrgebietskirchentag, ein Kirchentag ohne Zentrum, der in Essen, Dortmund und Bochum parallel stattfand. Und es gab 16 Zentren auf dem Weg. Das war ein Fiasko, weil die Menschen nicht wussten, wo das Herz des Kirchentags ist.

Wo ist denn das Herz in Dortmund?

Leyendecker: In Dortmund ist die ganze Stadt das Herz. Der Kirchentag wird ein Kirchentag der kurzen Wege. Wer in Berlin am Stadtrand wohnte, ist eine Stunde bis zu den Veranstaltungen gefahren. Das ist in Dortmund alles ganz anders. Dortmund ist von der Kapazität her nicht mit Berlin vergleichbar. Aber Dortmund ist unglaublich engagiert. Konzerthaus, Oper, Theater - alles wird für den Kirchentag geöffnet.

In Berlin war der große Stargast Barack Obama. Wie sehr lebt ein Kirchentag von Prominenten?

Leyendecker: Da ist der Kirchentag manchmal auch etwas unehrlich. Natürlich sage auch ich häufig: Der Kirchentag lebt von Themen. Aber es ist schon so, dass die Hallen nur halbvoll wären, wenn die angekündigten Prominenten nicht kämen. Ich bin sehr froh beispielsweise, dass auch die Kanzlerin kommt. Der Promifaktor spielt also sicher auch eine Rolle. Aber es geht nicht nur darum, sondern auch darum, die Lebensrealität der Menschen abzubilden. Deswegen bin ich erfreut, dass wir in Dortmund eine Reihe von Veranstaltungen in der Nordstadt haben. Dort leben viele Ausländer, tausende Sinti und Roma beispielsweise. Es gibt Kitas, in den 35 oder 40 Sprachen gesprochen werden. Um in dieser Realität anzukommen, ist Dortmund ein guter Ort. Eine erfolgreiche Integration erfordert eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Fremden. Auch müssen Ideale und Werte der eigenen Kultur definiert und weitergegeben werden.

Sie haben eine BVB-Fahne im Garten. Ist Dortmund ein guter Ort?

Leyendecker: Ich habe diesen Verein seit 63 Jahren im Herzen. Aber Dortmund ist nicht nur der BVB. Eine der Attraktionen Dortmunds ist zum Beispiel, wie man den Phönixsee geschaffen hat. Da, wo der Stahl war, in Hörde, hat man einen riesigen See. Da wohnen Menschen drumherum. Es gibt sehr viele, schöne Häuser dort. Ich kenne Dortmund schon lange, habe dort auch mal gelebt und gearbeitet. Aber durch den Kirchentag lerne ich noch mehr schätzen, was die Dortmunder in den letzten Jahren alles hinbekommen haben.

Was soll denn beim Kirchentag in Dortmund am Ende herauskommen?

Leyendecker: Es hat Kirchentage gegeben, die ganz wichtige Signale gegeben haben – etwa zur Ostpolitik oder der Abrüstung. Und es hat Kirchentage gegeben, die sich mit der Frage beschäftigt haben, wie man andere politische Fragen in der Gesellschaft löst. Ich finde es deswegen besonders beachtlich, dass wir in Dortmund Konservative auf einem Podium zusammenbringen.

Ist das Ersatz für die AfD, die Sie vom Kirchentag ausgeladen haben?

Leyendecker: Einen Ersatz für die AfD brauchen wir nicht. Das sind Radikalinskis. Mir geht es um echte Konservative, und die AfD ist für mich keine konservative, sondern eine reaktionäre Partei. Was wir haben: Wir haben am Samstag ein Panel mit den Ministerpräsidenten Söder und Kretschmann und mit Andreas Rödder, wo es um Maß und Mitte in der Gesellschaft geht. Der Historiker Rödder tritt in einem neuen Buch für eine „offene Gesellschaft“ ein, „die Grenzen zieht, ohne moralisch auszugrenzen“. Wir sollten den neuen Konservatismus nicht mit billigem Populismus gleichsetzen.

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