Manfred von Holtum hört als Dompropst von Aachen auf

Wechsel im Aachener Domkapitel : Manfred von Holtum hört als Dompropst von Aachen auf

Manfred von Holtum wird 75 und hört als Dompropst in Aachen auf. Glücklich schaut er aufs Münster, selbstkritisch auf seine Kirche.

Dem Dom geht es gut. Für sein Alter kann er sich wirklich sehen lassen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat er sich zum Teil aufwendigen Operationen unterziehen müssen – außen und im Innern. Er steht heute prima da, auch wenn es nach mehr als 1200 Jahren immer wieder und weiterhin an der einen und anderen Stelle zwickt und zwackt.

Der Dom braucht Freunde. Einer seiner besten kann künftig nicht mehr so viel wie bisher für ihn tun, bleibt aber in seiner Nähe und ihm auf jeden Fall eng verbunden: Manfred von Holtum. Der wird am 20. Juni 75 Jahre alt und hört deshalb als Dompropst – und damit als Hauptverantwortlicher für die Marienkirche – auf. In seiner Wohnung unmittelbar am Dom mit Garten und direktem Zugang zur Schatzkammer bleibt er. Darüber freut er sich, und schließlich werden die ausgeschiedenen Domkapitulare für die Gottesdienste im Dom dringend gebraucht. Aber er ist dann ein freier Mann – jedenfalls freier als bisher.

Von Holtum kennt die Stadt und deren Menschen aus verschiedenen Perspektiven – als Caritas-Direktor des Bistums (1993-1997), Generalvikar (1997-2015) und Domkapitular (seit 2003). „Das Interesse und die Begeisterung für den Dom ist unter den Aachenern außerordentlich groß“, sagt er. Von Holtum kennt die entscheidenden Leute und weiß, worum es in Aachen geht.

Der Dom und die RWTH sind für ihn in dieser Stadt die beiden wichtigsten Faktoren. „Und wir kommen gut miteinander aus und haben intensiven Kontakt, wenn es vor allem darum geht, die technisch besten Lösungen bei Restaurierungsarbeiten am Dom zu finden.“ Schaut er zurück auf seine viereinhalb Jahre als Dompropst, spricht er von einer „erfüllten Zeit“ und nennt einige markante Jahrestage: 600 Jahre Chorhalle, 1200 Jahre Karlsschrein, 40 Jahre Weltkulturerbe.

Den Aspekt des Kulturerbes nimm von Holtum sehr ernst. Es hat seine Amtszeit gekennzeichnet, wie er diesen Anspruch und Auftrag interpretiert. „Kulturell fasse ich sehr weit und denke zum Beispiel an das Konzert der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker Anfang des Monats im Dom oder die Inszenierung von Händels Oratorium ‚Der Triumph der Zeit und der Ernüchterung‘ im vorigen Jahr. Das sind einmalige Erlebnisse, die allen Beteiligten und eben auch dem Dom sehr gut tun.“ Das fasziniert ihn. Aber einfach war es nicht immer, solche Veranstaltungen im Domkapitel durchzusetzen.

„Wir müssen uns öffnen.“ Das heißt für ihn: den Dom zu öffnen – hin und wieder dafür, was in seinen Mauern zuvor noch nicht stattgefunden hat. Von Holtum nennt das „kulturelle Diakonie“. Er will den Dom – über das Eigentliche der Liturgie hinaus – öffnen, um dem Trend der Säkularisierung zu begegnen. „Wie kann ich dieses kostbare Kulturgut, das der Dom ist, Menschen nahebringen, die ich mit dem Hochamt und der Liturgie nicht erreiche?“ Er versteht das sogar als „Dienst an der Gesellschaft“, in der immer mehr Menschen die Verbindung zur Kirche verlieren, aber dennoch Sinn für Religion und Transzendenz haben. Manfred von Holtum wollte und will Brücken bauen.

Das gilt auch innerkirchlich. Er versteht den Unmut in vielen kleinen Pfarreien des Bistums, in denen wegen des akuten Priestermangels nur alle paar Monate eine Eucharistiefeier möglich ist, während im Dom etliche Priester mehrere Messen an jedem Wochenende feiern. „Wir haben da mehr Spielräume, als wir derzeit nutzen. Jedes Mitglied des Domkapitels sollte jeden Sonntag woanders im Bistum die Messe feiern. Die Lücken werden immer größer.“

Manfred von Holtum registriert Unruhe in seiner Kirche und im Bistum, die sich aus den anhaltenden Debatten um Reformen und um die künftige Struktur der Aachener Diözese ergibt. Die kirchlich Interessierten und Engagierten im Bistum Aachen sind in zwei Lager gespalten: Die eine Seite begrüßt die Initiativen von Bischof Helmut Dieser und den von ihm angestoßenen „Heute bei dir“-Prozess, die andere Seite stößt sich an Diesers Führungsstil und befürchtet, dass Vielfalt, Liberalität und Ortsnähe der Kirche im Bistum abnehmen werden. Diese Kurzanalyse will von Holtum sich nicht unbedingt zu eigen machen, aber er sagt: „Ich werde oft kritisch auf den Prozess angesprochen; und das bedrückt mich. Ich stelle gedrückte Stimmung im Bistum fest, die sich auch öffentlich artikuliert.“ Solche Polarisierung könne durchaus gefährlich werden. Es komme darauf an, „wie stark im Ergebnis des Prozesses lebendiges christliches Leben vor Ort weiterhin möglich bleibt“.

Dem von den Bischöfen beschlossenen synodalen Weg, von dem viele Katholiken einschneidende systemische Reformen in ihrer Kirche erwarten, sieht von Holtum mit einer Mischung aus Hoffnung und Skepsis entgegen: „Nur wenn ernsthafte Veränderungen möglich sind, wird der synodale Weg einen Sinn haben.“ Miteinander diskutieren reiche nicht. „Es muss Ergebnisse geben. Der Druck kommt von Menschen, die die Kirche lieben, die sich in den Pfarreien engagieren, die nicht mehr bereit sind, bestimmte Strukturen und Lehren einfach hinzunehmen. Die müssen konkrete Antworten bekommen.“

Das Zögern des Papstes

Die große Frage ist, ob sich die katholische Kirche in den Fragen Sexualmoral, Machtkontrolle, Klerikalismus, Zölibat und Frauenpriestertum bewegen wird. „Franziskus zögert, in diesen Fragen neue Wege zu gehen“, sagt von Holtum, sieht aber trotzdem gerade bei diesem Papst die Chance, dass die einzelnen Ortskirchen im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) mehr Kompetenzen wahrnehmen; es müsse – auch nach dem Verständnis des Papstes – vieles nicht einheitlich für die gesamte Weltkirche geregelt werden.

Der Dompropst setzt – zum Beispiel in der Frage verheirateter Priester – darauf, dass die lateinamerikanische Kirche die Initiative ergreift, „weil sie sich als besonders mutig erwiesen hat“. Wenn sie voran schreite, könnten sich auch andere Bischofskonferenzen öffnen. Und er selbst ist sehr dafür, dass Priester nicht länger verpflichtet sind, ledig zu bleiben.

Das Diakonat der Frau

Von Holtum rät zu Behutsamkeit, auch wenn er bislang ungewohnte Schritte für unumgänglich hält. „Ich halte sehr viel von der Freiheit in der Kirche“, sagt er. „49 Jahre pastorale Erfahrung sagen mir, dass wir zu neuen Ansätzen kommen können und müssen.“ Deshalb schätzt er Altbischof Heinrich Mussinghoff, „der immer bereit war, Neues auszuprobieren“. Manfred von Holtum ist ein offener, liberaler Kirchenmann, spricht sich für das Diakonat von Frauen aus und hätte keine Probleme damit, wenn die katholische Kirche endlich auch homosexuellen Paaren ihren Segen gibt. „In gleichgeschlechtlichen Beziehungen geht es genauso um Verlässlichkeit, Liebe, Treue und Partnerschaft.“

Es sind unruhige Zeiten für die katholische Kirche, in denen von Holtum nun geht – und bleibt. Er wird weiterhin besonders gerne das tun, was ihm in all den Jahren als Domkapitular immer am besten gefallen hat: „Abends allein in einem stillen Winkel im Dom sitzen und in aller Ruhe die Gedanken schweifen lassen. Das ist ein Privileg, das weiß ich, und dafür bin ich sehr dankbar.“ Ein Freund, wie die Marienkirche ihn braucht.

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