Arbeiterpriester: Malocher, Billiglöhner – und Priester

Arbeiterpriester : Malocher, Billiglöhner – und Priester

Albert Koolen ist einer der letzten Arbeiterpriester in Deutschland. Er lebt in prekären Verhältnissen und jobbt bei einer Mietwagenfirma. Bewusst. „Ich bin Kollege“, beschreibt Koolen seine Berufung.

Feste Schuhe, blaue Arbeitshose und eine wärmende Weste. In der Kluft für die anstehende Spätschicht sieht Albert Koolen nicht wie ein Geistlicher aus. Schon jemals Priesterkleidung getragen? „Um Gottes willen“, schießt es aus dem 59-Jährigen heraus. Er könnte, wenn er wollte. Er will aber nicht.

Albert Koolen lebt eine Idee, die nur noch wenige Anhänger hat. Als einer der letzten Arbeiterpriester in Deutschland lebt er abseits des normalen Kirchenalltags. Und das bedeutet, sich mit einem Job seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Koolen malocht bei einer Firma am Düsseldorfer Flughafen, die Tag für Tag 2000 Mietwagen in Schuss hält und für den nächsten Kunden startklar macht. Ein Job auf Mindestlohnniveau für den studierten Theologen.

Genau das macht den Arbeiterpriester aus: als Christ in den prekären Verhältnissen von Billiglohn-Beschäftigen Präsenz zeigen. „Ich bin Kollege“, beschreibt Koolen seine Berufung. Von den 300 Mitarbeitern seines Betriebes sind 200 Mini-Jobber, fast alle mit ausländischen Wurzeln.

Die Kluft zwischen Kirche und Arbeiterschaft zu überwinden – mit diesem Ziel hatten sich in den 1940er Jahren vor allem in Frankreich katholische Geistliche als Fabrik- und Hafenarbeiter verdingt. Ein Stachel im Fleisch einer verbürgerlichten Mittelstandskirche. Und schon damals eine Absage an den Klerikalismus.

Schließt die Firma: arbeitslos

Das Priesterleben im Arbeitermilieu hatte Koolen zunächst gar nicht im Sinn. Sein Theologie- und Philosophiestudium in Frankfurt wollte er schon wieder abbrechen, als er dann in Brüssel eine Jesuiten-WG kennenlernte, die sich im sozialen Brennpunkt-Viertel Schaerbeek engagierte. Und dann war da noch dieser Geistliche in seiner völlig verfallenen Hucke, der in einer Automobilfirma jobbte und sich gewerkschaftlich engagierte. „Seine kompromisslose Konsequenz und die politische Radikalität haben mich beeindruckt“, sagt Koolen. „Das ist eine Möglichkeit für mich, wie ich in der Kirche als Priester leben kann“, habe er damals gedacht.

Als „kleinbürgerlicher Spießerstudent“ engagierte sich Koolen dann nebenher in einem Jugendzentrum in Frankfurt. Es folgten Zivildienst und eineinhalb Jahre Stadtteilarbeit in Köln, bevor er seinen speziellen Priesterwunsch dem damaligen Aachener Bischof Klaus Hemmerle antrug. Der stellte Koolen zwei Bedingungen: Erst mal sollte er vier Jahre als Kaplan in einer „normalen“ Pfarrei arbeiten. Und sich dann aber für mindestens fünf Jahre festlegen: für das „Leben und Arbeiten im entkirchlichten Milieu“, wie es in der offiziellen Ernennungsurkunde für ihn und drei weitere Mitbrüder hieß.

Aus den fünf Jahren sind inzwischen 28 geworden. Koolen arbeitete in einem Krefelder Textilunternehmen und erlebte später den kompletten Untergang der Firma. Er spricht von der „bittersten Zeit“ seines Lebens. Heute noch quält ihn der Gedanke, als damaliger Betriebsratsvorsitzender nicht genug gekämpft zu haben. Nach 18 Jahren im Unternehmen wurde er wie seine Kollegen arbeitslos.

Damals meldete sich Hemmerles Nachfolger Heinrich Mussinghoff zu einem Gespräch an. Koolen dachte schon, er solle zurück in die Bistumsarbeit. Er erzählte dem Bischof von seiner Vita – und der meinte am Ende nur: „Ich glaube, die Arbeitslosigkeit gehört mit zu Ihrem Weg.“ Es dauerte ein halbes Jahr, bis Koolen ein neues Auskommen fand. Die Mitbewohner aus seiner WG, Flüchtlinge aus Sri Lanka, gaben ihm den Tipp, es bei dem Mietwagen-Unternehmen zu versuchen.

Mit Mission unter Mitarbeitern, woran Arbeiterpriester der ersten Stunde dachten, hält sich Koolen völlig zurück. Mancher seiner Kollegen weiß, dass er mal studiert hat, und diskutiert mit ihm über Lebensfragen. Oder über die sozialen Gegensätze in Deutschland.

Mit den Niedriglöhnern fühlt sich Koolen ganz am Rande der Gesellschaft. Aber auch in der Kirche stehe er „mit einem Fuß drin und mit dem anderen draußen“. Die Verkoppelung von Priesteramt und Macht – gerade jetzt nach dem Missbrauchsskandal großes Thema – ist Koolen schon immer ein Dorn im Auge. Sollen doch endlich mal Laien die Gemeinden leiten. Ab und zu hilft er sonntags in Pfarreien aus. Sonst feiert er regelmäßig Gottesdienste in einer psychiatrischen Klinik und mit einer kleinen Schwesterngemeinschaft.

Als Lichtblick empfindet Koolen Papst Franziskus und seinen Einsatz für Umwelt und gerechte Verhältnisse. Aber: „In Deutschland nimmt das ja keiner ernst.“ In seinem Ansatz erkennen sich die Arbeiterpriester und inzwischen auch die sogenannten Arbeitergeschwister wieder. Denn längst engagieren sich nicht mehr nur katholische Geistliche, sondern auch Laien, Ordensleute oder evangelische Theologen für die Idee.

Koolen organisiert die Pfingsttreffen der zwei Dutzend Arbeitergeschwister, die sich im „Ilbenstädter Kreis“ vernetzt haben. Zur nächsten Zusammenkunft in Herzogenrath hat sich auch Bischof Helmut Dieser angesagt, der noch nicht lange das Bistum Aachen leitet. Für Koolen wird das die erste Begegnung mit „seinem“ Bischof. Der wird einen Priester kennenlernen, der keinen Hehl daraus macht, dass ihn eine „gewisse Unversöhntheit mit Kirche und Gesellschaft“ bewegt.

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