Diskriminierung von Homosexuellen: Katholische Jugend hat es satt

Diskriminierung von Homosexuellen : Katholische Jugend hat es satt

Die offizielle katholische Sexualmoral und das reale Leben von jungen Menschen, die der Kirche angehören, haben fast nichts gemeinsam. Die Haltung des römischen Lehramts, die Kleriker auch hierzulande – mal mehr, mal weniger überzeugt – zu vertreten haben, wird als vorvorgestrig längst nicht mehr ernstgenommen.

Illusionen macht sich Benedikt Patzelt da nicht. Der Aachener Diözesanvorsitzende des Bundes der katholischen Jugend (BDKJ) vertritt „eine dezidiert andere Position“ als die vatikanische Lehrautorität und fordert, dass seine Kirche endlich jene Maßgaben überwindet, die „als übergriffig empfunden werden“.

Mit Blick auf den für die deutsche Kirche beschlossenen „synodalen Weg“, der am 1. Advent beginnen und sich auch mit Machtstruktur, Zölibat und der Rolle der Frau befassen wird, konzentriert sich der BDKJ auf das Thema Sexualmoral, weil dabei die Kluft zwischen Alltagsrealität und katholischem Sittenkodex als besonders krass empfunden wird. Patzelt und die beim hiesigen BDKJ-Diözesanverband für Jugendtheologie zuständige Referentin Mirjam Tannenbaum nennen als eklatante Beispiele die Haltung ihrer Kirche zu Homosexualität, Sex außerhalb der Ehe und Empfängnisverhütung.

Sei es der gültige römisch-katholische Katechismus, seien es Äußerungen der vatikanischen Glaubenskongregation: Was die Kirche nach wie vor propagiert, trifft auch bei den meisten Gläubigen auf Unverständnis, Widerstand oder Abscheu. Beispiele: Homosexuelle Handlungen seien „in sich nicht in Ordnung“ und „in keinem Fall zu billigen“. „Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit berufen.“ „Unzucht ist die körperliche Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht miteinander verheiratet sind. Sie ist ein schwerer Verstoß gegen die Würde dieser Menschen.“ Jede Handlung sei „verwerflich, die (. . .) darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern“.

Der BDKJ geht davon aus, dass die katholische Kirche nicht mehr ernstgenommen wird, wenn sie im 21. Jahrhundert an derartigen Aussagen festhält. „In der Sexualmoral muss es um Treue, Liebe und Einvernehmlichkeit gehen, nicht um Verbote und nicht darum, erwachsenen Menschen Vorgaben zu machen, wie sie verhüten“, sagt Patzelt. „Ob man Kondom und Pille benutzt, ist die Gewissensentscheidung jedes einzelnen.“ Und seit Jahren fordert der BDKJ, dass die Kirche gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht abwertet und diskriminiert.

Der BDKJ beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit diesen Themen und kann seine Positionen dazu auch empirisch gründlich belegen. Patzelt stellt klar: „Es kann und darf keine Frage der Barmherzigkeit sein, ob Menschen in nichtehelichen oder homosexuellen Beziehungen zur Kommunion gehen und am vollen kirchlichen Leben teilnehmen können.“ Enthaltsamkeit als Konsequenz sei unmenschlich.

Dass sich der BDKJ mit seinen Positionen innerhalb der Kirche durchsetzt, diese Hoffnung hat Patzelt; aber allzu groß scheint sie nicht zu sein. Er wünscht sich, dass sich hierzulande viele Katholiken lautstark und nachdrücklich dafür einsetzen. Und er setzt auf den Papst. In seinem Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ hat Franziskus festgestellt, dass keineswegs alle Fragen für die gesamte Weltkirche einheitlich beantwortet werden müssen. Patzelts Hoffnung ergibt sich auch daraus, dass die deutschen Bischöfe diese Chance ergreifen und entsprechende Konsequenzen ziehen. „Wir legen Wert auf einen konstruktiven Dialog mit den Bischöfen; durch unterschiedliche Positionen muss keine Polarisierung entstehen.“ Für den „synodalen Weg“ stellt Patzelt eine klare Forderung: „30 Prozent der Entscheidungsträger müssen jünger als 30 sein.“

Beim Solidaritätslauf der Kirchen am Sonntag, 22. September, in Aachen rund um Dom und Rathaus (Start: 11 Uhr) ist auch der BDKJ als Sponsor vertreten und ruft dazu auf, sportlich wie optisch ein Zeichen zu setzen für einen anderen Umgang der Kirche mit Homosexuellen und damit die „Rainbow Catholics“ zu unterstützen.

Mehr von Aachener Zeitung