Katholikenrat beschäftigt sich mit dem Missbrauchsskandal

Missbrauchsskandal : Aufklären, wie das passieren konnte

„Es ist noch schlimmer.“ Dieser kurze, aber eindringliche Satz des Aachener Genralvikar Dr. Andreas Frick bei der Vollversammlung des Katholikenrates am Dienstagabend in der Dürener Marienkirche, hat die rund 100 Gäste kurz innehalten lassen.

Irene Mörsch und ihre Vorstandskollegen vom Katholikenrat hatten ihre Jahresversammlung dem Thema gewidmet, das derzeit viele Katholiken umtreibt und wütend macht: der sexuelle Missbrauch in der Katholischen Kirche – und auch im Bistum Aachen.

Neben den Ausführungen von Frick gab es Referate von Alexandra Schiffers, Referentin für die strategische Aufarbeitung der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz im Bistum Aachen, und Professor Michael Seewald, Theologe uan der Universität Münster. Es war ein erstaunlich offener, schonungsloser Abend.

Die schon jetzt im Bistum Aachen bekannten Zahlen sind alarmierend, aber sie sind ganz offensichtlich erst der Anfang: Die Diözese hat für die Studie 886 Personalakten und 64 Anträge auf „Anerkennung des Leids“ im Zeitraum von 1934 bis 2016 ausgewertet. 54 Priester und ein hauptamtlicher Diakon wurden als Täter beschuldigt, 35 von ihnen sind bereits verstorben. 86 Kinder und Jugendliche sind von den Taten betroffen. 26 Strafanzeigen wurden gestellt. Gegen zehn Beschuldigte gab es seitens des Bistums Sanktionen bis hin zur Entlassung. 320.000 Euro wurden an Betroffene als Anerkennungsleistung ausgezahlt. „Ich möchte keine exakten Prognosen wagen“, sagte Frick, „aber ich fürchte, dass wir nicht mehr nur von 86 betroffenen Kindern und Jugendlichen sprechen, wenn wir uns in zehn Jahren wieder treffen. Vermutlich haben wir es dann mit zehnmal so vielen Fällen zu tun.“

Frick berichtete von Begegnungen mit Betroffen und von Briefen, die Menschen, die als Kinder  sexuell missbraucht worden sind, heute an den Bischof geschrieben haben. „Da gibt es den 40-jährigen Familienvater, der von einem Priester gezielt betrunken gemacht und sexuell missbraucht wurde. Und den 80-Jährigen, der zwischen seinem 10. und 12. Lebensjahr ebenfalls missbraucht wurde, ohne bis heute darüber gesprochen zu haben.“

Paradoxerweise, ergänzte der Generalvikar, würden viele Missbrauchsopfer nicht selbstverständlich aus der Kirche austreten. „Das ist eine riesige Verantwortung“, sagte Frick. „Wir, die katholische Kirche, das Bistum Aachen müssen schonungslos nach der Wahrheit suchen.“ Damit meine er auch, betonte Frick, dass geprüft werden müsse, wer „weggeschaut und versetzt“ hätten. Frick: „Wir wissen heute, dass Priester, die Kinder und Jugendliche missbraucht haben, in eine andere Pfarre versetzt wurden, ohne dass dort entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden. Dort ist es erneut zu Missbrauchsfällen gekommen. Wir müssen aufklären, wie das passieren konnte.“

Frick befürchtet, dass auch große Namen von Kirchenmännern aus dem Bistum Aachen noch einmal ins Gespräch kommen. „Es ist  bekannt, dass es während der Amtszeit von Bischof Klaus Hemmerle einen handfesten Missbrauchsfall in Krefeld gegeben hat. Ja, und wir müssen auch der Frage nachgehen, was er davon gewusst hat.“ Frick kündigte an, dass es bei den Missbrauchsfällen auf Kirchenseite keinerlei Verjährungsfristen geben würde.

„Wenn die Kirche noch eine kleine Chance haben möchte, vertrauens- und glaubwürdig zu sein“, sagte Professor Michael Seewald, „muss sie alles Unrecht einsehen und  aufdecken – auch, wenn das die Kirche noch an einen tieferen Tiefpunkt bringt.“ Seewald versuchte,  deutlich zu machen, welche speziell „katholische Begünstigungsformen für Missbrauch“ vorhanden seien. Der Dogmatiker nannte das gewaltige Machtgefälle innerhalb der Kirche als einen Grund, aber auch die Verbindung von Macht und Sexualität.

Seewald: „Macht ist in der Kirche exklusiv an die Weihe zum Priester gebunden. Gleichzeitig ist der Zugang zu dieser Macht aber an eine gewisse Art des Umgangs mit Sexualität gebunden, nämlich die Enthaltsamkeit.“ Dabei, betonte der Wissenschaftler, fördere der Zölibat nicht grundsätzliches den Missbrauch. „Die Mehrheit der Priester hat sich nicht des Missbrauchs schuldig gemacht. Aber die enge Beziehung zwischen Macht und Sexualität bedeutet sehr wohl ein Missbrauchs-Risiko.“ Seewald bemängelte, dass eine selbstkritische Machtkontrolle in der Kirche nur begrenzt funktioniere.

„Priester werden von anderen Priestern oder Bischöfen kontrolliert, Bischöfe überhaupt nicht. Lange Zeit wurde das Thema Missbrauch gar nicht angesprochen.“ Die Sprache sei zudem ein Problem. „Es gibt Themen, über die in der Kirche nicht gesprochen wird“, sagt Seewald und wurde noch deutlicher: „Es gibt dogmatisch verhängte Gesprächsverbote. Und das macht die Aufklärung sehr schwierig, weil es nicht förderlich für Transparenz und Aufklärung ist.“ Die Aufklärung habe nicht von innen, sondern von außen stattgefunden. „Ich bin sicher, dass es keine so gründliche Aufarbeitung geben würde“, sagte Seewald, „wenn 2010 nicht so viele Missbrauchsfälle öffentlich geworden wären.“ 

Zudem bemängelte der Dogmatiker, dass die Kirche Täter und Opfer nicht beim Namen nenne, sondern von Sünde und Erlösung spreche. „Außerdem kommt es zu einer Umkehr von Schuld.“ Das erste Opfer, erklärte Seewald, sei die Kirche selbst. „Leider hat auch der Papst gesagt, dass die Kirche nun das ausbaden müsse, was andere ihr eingebrockt hätten. Das ist falsch. Die Kirche ist auch Täterin.“

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