Missbrauchsfälle: Katholiken zwischen Mut und Angst

Missbrauchsfälle : Katholiken zwischen Mut und Angst

Der Skandal um sexuellen Missbrauch durch Priester und der entstandene Vertrauensverlust halten die katholische Kirche unvermindert im Griff. Eine eindrucksvolle Analyse einer früheren Ordensfrau in Aachen und etwas Unruhe um den Heiligen Geist.

„Das Kirchenrecht kennt keine sexuelle Selbstbestimmung und kann folglich auch keine Verletzung von sexueller Selbstbestimmung kennen“, sagt die frühere Ordensfrau Doris Reisinger in der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen.

Reisinger, die unter ihrem Mädchennamen Wagner mehrere Bücher im Herder-Verlag publiziert hat, gehörte vor Jahren einer sogenannten Geistlichen Gemeinschaft an, wurde von einem Priester sexuell missbraucht und war erschüttert darüber, dass ihre Kirche dieses Verbrechen bestritt. Lange Zeit hat man ihr nicht geglaubt. Sie spricht ganz ruhig und reflektiert und sieht den „tieferen Grund dafür, dass sich die Kirche mit der Aufarbeitung und Bekämpfung von Missbrauch so schwer tut“, darin, dass sie sich nicht entscheiden könne, „ob sie Missbrauch als eine Verletzung der kirchlichen Autorität auffassen soll oder als Verletzung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts der Opfer“.

Nach Reisingers Erfahrung ist es trotz aller Fortschritte in der Präventionsarbeit für Missbrauchsopfer „bis heute reines Glück, ob gut mit ihnen umgegangen wird“. Das hänge vom Bistum und vom Einfluss der Täter ab. Am schlimmsten sei es in den Orden, die nach wie vor allzu oft Unterordnung bis zur Selbstaufgabe verlangen. Gerade bei ganz jungen Betroffenen stelle der Täter die Tat als Strafe oder Belohnung dar. „Und genau diese Deutung der Tat ist es, die es Betroffenen dann so schwer macht zu verstehen, was wirklich geschehen ist.“

Im Gespräch mit dem Aachener Generalvikar Andreas Frick fordert Reisinger eine plurale Kirche und eine Verfassungsreform; die werde blockiert von „Amtsträgern, die sich nicht selbst entmachten wollen“. Kirchliche Amtsträger müssten aber abgewählt werden können. Frick zeigt sich beeindruckt von Reisingers Analyse und signalisiert Zustimmung, zumindest Verständnis für manche Forderungen.

Als der Generalvikar aber die Frage aufwirft nach dem Heiligen Geist und dessen Wirken in der Diskussion über Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal, wird es unruhig im Publikum. Viele derer, die zuhören, haben es nach eigener Aussage satt, „dass der Heilige Geist von Amtsträgern gepachtet wird“ und mit dem Hinweis, dass dessen Wirken Zeit brauche, dringend notwendige Veränderungen blockiert würden. Auch das zeigt der Abend in der Bischöflichen Akademie: Beschwichtigt wird nicht mehr. Neben der Angst vor Repression gibt es mittlerweile mehr Mut. Auch Hauptamtliche im Kirchendienst äußern sich heute deutlicher, kritischer und fordernder.

Dabei offenbart sich erneut das große Dilemma, in dem sich die katholische Kirche gefangen hält: Sie erkennt, dass sie mit ihrer hierarchischen Struktur und ihren moralischen Ansprüchen kaum noch akzeptiert wird. Sie weiß aber nicht, wie notwendige Konsequenzen mit dem Kirchenrecht, vatikanischen Vorgaben und einer abwehrenden Grundhaltung vieler Bischöfe in Einklang zu bringen sind.

Frick und Alexandra Schiffers, die im Aachener Generalvikariat als weisungsunabhängige Referentin die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen koordiniert, sagen, dass das Bistum 82 Personalakten im Umfang von rund 31.000 Seiten vollständig und im Original einer Anwaltskanzlei übergeben habe. Die werde alle Fälle begutachten, könne jederzeit Akten nachfordern und entscheide, so Frick, „ganz allein, mit wem sie – auf jeder Ebene des Bistums – noch reden will. Vielleicht muss die Bistumsgeschichte neu geschrieben werden.“ Wann diese Untersuchung beendet sein wird, ist offen. Frick kündigte an, dass die Kanzlei im kommenden Frühjahr auf einer Pressekonferenz ihre Ergebnisse vorstellen werde. Auch Bischof Helmut Dieser und er würden vorher nichts erfahren.

Missbrauch beginnt für Reisinger schon damit, die Pflicht zu vernachlässigen, Kindern und jungen Menschen spirituell Sinnzusammenhänge zu erschließen. Spirituelle Manipulation gehe noch weiter, indem ein Mensch durch Schmeicheln, Druck oder Lüge zu bestimmten Lebensentscheidungen verleitet werde. Das Opfer solle sich von anderen Bindungen, Partnern und Freunden lösen und könne sich dem subtilen Druck kaum entziehen. So würden beispielsweise manche Ordensschwestern gezwungen, Kindheitserinnerungen, Tagebücher oder Fotos zu vernichten.

Gegen spirituelle und sexuelle Gewalt kann sich nach Aussage von Reisinger vor allem ein Kind nicht wehren, weil die Autorität des Täters es nicht zulässt. „Ohne eine Kultur der Selbstbestimmung wird sich Missbrauch nicht vermeiden lassen“, sagt sie und sieht in der Kirche immer noch „eine Atmosphäre der Angst und der Tabus, Fragen, die man nicht stellen, und Namen, die man nicht nennen darf“. Andererseits verweist sie auf „synodale Strukturen und Prozesse und immer mehr Menschen, die keine Angst haben, die Fragen zu stellen, die auf dem Tisch liegen“.