Ein oft übersehener Ort: Die Taufkapelle am Aachener Dom steckt voller Geschichte

Ein oft übersehener Ort : Die Taufkapelle am Aachener Dom steckt voller Geschichte

Bis vor 200 Jahren war die Taufkapelle am Aachener Dom der einzige Ort, in dem Aachener getauft werden durften. Der oft übersehene Bau steckt voller Spuren der Geschichte – so ließ etwa Napoleon ihn für eine Taufe rabiat verändern.

Bei Stadt- oder Domführungen wird die Taufkapelle meist nur beiläufig erwähnt. Sie fristet auf der rechten Seite am Eingang zum Domhof ein eher unbeachtetes Dasein. Wenn, dann sind es die Scharten im Sandstein, auf die die Besucher aufmerksam gemacht werden. Haben die Stadtsoldaten hier ihre Säbel gewetzt? Oder waren es doch eher die Händler vom Fischmarkt, die scharfe Messer brauchten?

Dabei teilt auch die Taufkapelle seit 1978 mit dem Dom den Titel des Unesco-Weltkulturerbes und – was viele nicht wissen – bis vor gut 200 Jahren durften ausschließlich in diesem kleinen Kirchenraum, der nur 9,45 Meter mal 7,55 Meter misst, Aachener Kinder getauft werden. Im Jahre 1811 sogar ein Sohn Napoleons I.

Aktuell erfährt die Taufkapelle, an deren Wand zur Straßenseite hin eine Jakobsmuschel den Pilgerweg nach Santiago de Compostela anzeigt, eine dringend notwendige Sanierung. Eine Gelegenheit für diesen Raum, ein wenig ins Rampenlicht zu rücken.

So sah der Eingang zum Domhof vor knapp 200 Jahren aus: Dieses Bild von J. P. Scheuren aus dem Jahr 1825 zeigt die Taufkapelle noch mit den gotischen Torbögen, die Napoleon für die Taufe seines Sohnes abreißen ließ, weil eine vierspännige Kutsche nicht hindurchgepasst hätte. Foto: Andreas Herrmann

„Das Marienstift hatte das alleinige Taufrecht, keine andere Aachener Kirche hatte es – denn das bedeutete ja Einnahmen“, weiß Dombaumeister Helmut Maintz. In der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten gab es noch eine Zusatzregelung: „Dann taufte man sogar im Dom. Im oberen Umgang hinter dem Marmorthron standen einmal ein Taufstein und ein Altar“, weiß Maintz. Bis zur Auflösung des Ancien Régime, das 1789 durch die Französischen Revolution beendet war, bestand diese Regelung.

Erste Erwähnung im Jahr 1215

Der Dachstuhl braucht dringend Hilfe: Der Aachener Dombaumeister Helmut Maintz inspiziert die geschwungene Barock-Konstruktion in der Taufkapelle. Foto: Andreas Herrmann

Bereits um das Jahr 1215 wird in Urkunden als Vorgängerbau eine Johanneskapelle erwähnt, benannt nach Johannes dem Täufer. Es gab Nachfolgegebäude im 13. und 14. Jahrhundert, von denen sich noch Mauerreste identifizieren lassen.

Die erhaltene Barockkapelle wurde 1766 fertiggestellt. Von 1984 bis 1986 wurde sie saniert, allerdings vorrangig im Inneren, wo der prunkvolle spätbarocke Bischofsstuhl von Marc-Antoine Berdolet, dem ersten Bischof von Aachen, aktuell in seiner Holzverschalung Schutz vor allen Bauaktivitäten rundum findet und auf neue Aufgaben wartet. „Man hat damals bereits den Dachstuhl verstärkt, diese Arbeiten wurden solide ausgeführt, aber das reicht nun nicht mehr“, sagt Maintz. „Jetzt ist eine komplette Dachstuhlerneuerung nötig, um das Gebäude zu erhalten.“

Die Taufe des Napoleon-Sprösslings hatte tiefgreifende bauliche Folgen, die man noch heute erkennen kann: Das spätgotische Doppelportal zum Fischmarkt hin, das mit seinen zwei geschwungenen Toren auf einer Lithografie des 19. Jahrhunderts gut zu erkennen ist, wurde anlässlich dieser Taufe abgerissen, damit Napoleons Präfekt Jean Charles François de Ladoucette und dessen Gefolge vierspännig in den Domhof einfahren konnten. Dazu brauchte man allerdings eine mindestens vier Meter breite Öffnung – und schuf sie per Abbruch. Die Spuren erzählen davon.

Der einflussreiche Politiker, der unter anderem durch sein Engagement für den Straßenbau bekannt wurde, hat den prunkvollen Auftritt höher geschätzt als die Bausubstanz. Und danach ließ man es einfach so. „Damals gab es keinen Denkmalschutz“, meint Maintz. „Niemand konnte das verhindern. Schließlich haben sich die Besatzer auch das Blei vom Dach des Oktogons und Säulen aus dem Dom geholt.“

Mit den Arbeiten an der Taufkapelle, die inzwischen komplett von Gerüsten und einer schützenden Hülle umgeben ist, fällt auf, dass sie einst sehr viel stärker mit den gegenüberliegenden Wohngebäuden verbunden war. Spuren im Mauerwerk lassen zusammen mit der Abbildung erahnen, wie das einst aussah. Über den beiden in schwungvoller Optik gemauerten Bögen verlief ein überdachter Gang, über den man bequem und trocken von der Taufkapelle aus das Obergeschoss des gegenüberliegenden Hauses erreichen konnte. Unter der einstigen Adresse „Zu den Staffeln“ gab es eine Wohnung, die vom Fischmarkt aus durch ein kleines, höchstens 1,60 Meter hohes Portal zu betreten war, das heute zugemauert ist.

Und der Turm? Das Westwerk war noch ein gedrungener Bau. Seine heutige Form erhielt es in der Zeit zwischen 1879 und 1884 mit der Errichtung des neogotischen Turms. An der Wand zum Fischmarkt hin stand damals zudem ein öffentlicher Brunnen. Er wurde vom Wasser der Pau gespeist, einem der Aachener Bäche, die unterirdisch weiterhin fließen. „Mit Pau-Wasser getauft“ ist ein beliebter Spruch, wenn jemand besonders stolz auf seine Aachen-Geburt ist. Für die Täuflinge wurde allerdings Weihwasser verwendet.

Im Mauerwerk sind unterschiedliche Steinsorten verarbeitet. „Das meiste ist Blaustein, aber man griff gleichfalls nach Material, das einfach zur Verfügung stand, und das  stammte zum Teil noch aus der Karolingerzeit“, betont Maintz. Über der Verzierung mit dem goldglänzenden Symbol der Dreifaltigkeit an der Nordwand über dem Eingang findet man sogar einen großen römischen Stein mit dem Rest einer Inschrift. „Es ist kein Zufall, dass man ihn auf den Kopf gestellt hat“, erläutert Maintz. „Das sollte an einem christlichen Bauwerk das heidnische Element bannen.“

Ihm und seinem Team bereitet der Dachstuhl aus Eichenholz Sorgen, der durch Alter und Witterungseinflüsse stark mitgenommen und sogar leicht „verdreht“ ist. Das Konstrukt kippt nach Südwest. Das Holz ist dunkel, die gebogenen Dachbalken sind inzwischen dünn, Nägel ragen hervor, Verankerungen lösen sich.

Die geschätzte Sanierungssumme von 500.000 Euro wird sich um mindestens 50.000 Euro erhöhen. „Die Arbeiten haben erst begonnen, mal sehen, was wir noch feststellen“, sagt der Dombaumeister vorsichtig. Wie man in Zukunft das Gebäude nutzen wird, das bereits ein Steinlager der Dombauhütte war, in dem man Besichtigungen anmeldete oder der Domchor probte, ist noch nicht klar.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Jeder kennt dieses Gebäude, aber kaum jemand seine Geschichte

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