1. Region
  2. Bistum & Glaube

Interview zum Buß- und Bettag: „Die Selbstkritik hat abgenommen“, sagt der Aachener Dompropst

Interview zum Buß- und Bettag : „Die Selbstkritik hat abgenommen“, sagt der Aachener Dompropst

Ob große oder kleine Sünden – beichten gehörte über Jahrhunderte für viele zum Glauben dazu. Heute spiele die Beichte kaum noch eine Rolle, viele würden eher im Fernsehen über ihre Fehltritte sprechen, als beichten zu gehen, sagt der Aachener Dompropst Rolf-Peter Cremer. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er, wie alternative Seelsorge aussehen kann und ob die Kirche sich noch als moralische Instanz eignet.

Die Beichte sei „die rettende Planke nach dem Schiffbruch“ hat Papst Pius XII. festgehalten. Das Sakrament hat in der katholischen Kirche eine lange Tradition. Seit dem Vierten Laterankonzil 1215 fordert die Kirche ihre Gläubigen auf, wenigstens einmal im Jahr all ihre Sünden einem Priester zu beichten. Die Botschaft aus dem Mittelalter hat deutlich an Bedeutung verloren. Christoph Pauli hat anlässlich des Buß- und Bettages mit dem neuen Aachener Dompropst Rolf-Peter Cremer über ein Sakrament gesprochen, das nahezu in Vergessenheit geraten ist.

Die katholische Kirche erhebt keine Zahlen, aber würden Sie dem Eindruck widersprechen, dass kaum noch Menschen zur Beichte gehen?

Rolf-Peter Cremer: Nein, es stimmt. In der Lebenswirklichkeit, insbesondere von jungen Leuten, spielt die Beichte kaum noch eine Rolle.

Wird das Sakrament in Zeiten von Priester- und Gläubigenmangel überhaupt noch regelmäßig angeboten?

Cremer: Es gibt das Angebot nicht mehr so wie früher, als jeden Samstagnachmittag in jeder Kirche die Beichtstühle geöffnet waren. In der Stadt Aachen gibt es auf jeden Fall das regelmäßige Angebot in St. Foillan und bei den Benediktinern in Kornelimünster. Und natürlich besteht im Dom an jeden Samstag 90 Minuten lang die gut genutzte Gelegenheit zu beichten. Und es besteht ja immer noch die Möglichkeit, ein Beichtgespräch mit einem Priester zu vereinbaren.

Es gibt noch Bilder aus den 70er Jahren, als es vor Feiertagen Menschenschlangen vor den Beichtstühlen gab. Warum ist das Sakrament der Beichte ebenso aus der Mode gekommen wie das Sakrament der Priesterweihe?

Cremer: Ein interessanter Vergleich (lacht). Es gibt zwei Motive: Zum einen hat die Generation, die nach eigener Wahrnehmung oft unter der Beichte gelitten hat, weil es nach deren Einschätzung noch um „angedrohte Höllenqualen“ ging, den positiven Zugang zur Beichte verloren. Sie hatten oft Vorbehalte zur Beichte. Und diese Ablehnung vermittelt sie erst recht an die folgende Generation. Und das andere Motiv ist aus meiner Sicht: Zu beichten bedeutet auch, sich einzugestehen, etwas falsch gemacht zu haben. Solche Selbstkritik hat insgesamt abgenommen. „Ich trinke zu viel“ oder „ich fahre zu schnell“ wird bei vielen nicht mehr als Fehler registriert.

Kann es auch noch ein drittes Motiv geben? Hat nicht die Akzeptanz der Kirche als moralische Instanz nach skandalreichen Jahrzehnten drastisch nachgelassen?

Cremer: Das ist leider so. Bei der Beichte gibt es in diesem Zusammenhang noch eine weitere Barriere: Sexualität nimmt einen breiten Bereich im menschlichen Leben ein. Auch für jüngere, stark religiöse Menschen. Sie wollen wissen, ob sie gesündigt haben. Und dabei entsteht dann die Frage: Öffne ich mich einem Priester, dessen Lebenserfahrung ich nicht kenne? Auch das ist eine Hürde.

 Die Zehn Gebote waren damals eine Richtschnur für das eigene Handeln und dementsprechend für die Verfehlungen. Haben auch die Gebote an Bedeutung verloren?

Cremer: Es ist schwieriger geworden, sie direkt im Leben der Menschen heute umzusetzen. Im neuen Gotteslob, dem Gebet- und Gesangbuch der Kirche in Deutschland, das Ende 2013 erschien, gibt es einen interessanten Beichtspiegel. Da sind aktuelle Leitfragen aufgelistet, um sich selbst zu überprüfen. Wie verhalte ich mich im Straßenverkehr, wie ist mein ökologischer Fußabdruck? Das sind oft Fragen, die ich nicht direkt aus den Zehn Geboten ableiten kann.

In der Lehre der katholischen Kirche entscheidet sich der Mensch durch die sündhafte Tat bewusst gegen Gott und stellt sich somit auch gegen dessen Heilsplan, ist die Definition. Durch die Beichte soll es zur Versöhnung und Vergebung der Sünden kommen. Ist das noch eine attraktive aktuelle Botschaft?

Cremer: Das ist die Grundlage des Katechismus, und weil sich das schon so kompliziert anhört, kommen auch so wenige Leute (lacht). Das versteht so kaum jemand mehr. Ich brauche vor der Beichte erst einmal ein Bewusstsein, dass ich etwas falsch gemacht habe, was Gott so nicht will und was den Zehn Geboten widerspricht. Das setzt voraus, dass ich Gott für mein Leben anerkenne. Die Beichte ist so eine gute Gelegenheit, sein Leben noch einmal gespiegelt zu bekommen. Im besten Fall bekomme ich da ein gutes Koordinatensystem zur Reflexion.

Laut Kirchengebot soll man mindestens einmal im Jahr beichten gehen.

Cremer: Ja, die Absolution kann ich in dieser Form als Priester nur bei der Einzelbeichte erteilen. Aber es gibt auch andere Formen der Sündenvergebung, das findet in jeder Messe statt. In vielen Gemeinden gibt es vor den großen Kirchenfesten auch gut besuchte Bußgottesdienste.

Kann ich ein guter Mensch oder Katholik auch ohne jährliche Beichte sein?

Cremer: Ja, insoweit ich das beurteilen kann. Ich hoffe aber, dass ein guter Katholik sich immer wieder mit dem Willen Gottes konfrontiert und sich vor dem Schöpfer verantwortet. Verantwortung ist für mich ein zentraler Begriff. Dazu gehört auch, dass ich mein Leben gespiegelt bekomme, auch im Hinblick auf mein Zusammenleben und meine gesellschaftliche Verantwortung. Das kann auch durchaus impulsgebend sein.

Wie hat sich der Beichtinhalt im Laufe der Jahrzehnte nach Ihrer Beobachtung verändert?

Cremer: Als ich Jugendlicher war, bekamen die strengen Zehn Gebote ein moderneres Gewand. Im 6. Gebot („Du sollst nicht ehebrechen“) tauchte nicht mehr der schwer verständliche Begriff der „Unschamhaftigkeit“ auf. In den 80er Jahren gab es einen ausgeprägteren sozialen Gedanken: Wie engagiere ich mich für den Frieden, wie kann ich für die Dritte Welt verzichten? Aktuell wird es zunehmend schwieriger, mit Leuten ins Gespräch über Schuld und Fehler zu kommen. Die Sinnfrage im Leben wird nicht mehr so häufig im Kontext der Beichte und der Kirche gestellt. Es gibt allerdings ein merkwürdiges Phänomen. Der TV-Talker Domian kehrt ja gerade wieder zurück. Leute gehen in seinen digitalen Beichtstuhl und ignorieren, dass ihre Gespräche von Tausenden Zuschauern verfolgt werden. In der katholischen Kirche aber geht diese Bereitschaft deutlich zurück, reflektiert und diskret über das eigene Leben zu sprechen.

Der Beruf des Psychologen gewinnt in vielen Bereichen an Bedeutung. Beobachten Sie, dass die Gläubigen weniger Seelsorge benötigen?

Cremer: Die Nachfrage ist eher größer geworden. Im Bistum Aachen sind in drei Telefonseelsorge-Stellen fast ausnahmslos ehrenamtliche Mitarbeiter rund um die Uhr erreichbar. Alle drei werden in ökumenischer Trägerschaft von der evangelischen und katholischen Kirche finanziert. Aber der Begriff ist schillernder geworden, Seelsorge gab es früher nur in der Kirche. Heute gibt wird sie auch in Altenheimen und Krankenhäusern ohne kirchlichen Auftrag angeboten.

Registrieren Sie, dass in einer zunehmend säkularisierten Welt das Unrechtbewusstsein abnimmt?

Cremer: Eindeutig. Es ist schwieriger geworden, persönliche Schuld zu thematisieren. Es wäre einmal interessant, sich mit Juristen auszutauschen, ob die Wahrnehmung der persönlichen Verfehlungen sich auch vor Gericht verändert hat.

Vor Gericht und auch in der Kirche geht es um ehrliche Reue. Wie messen Sie diese?

Cremer: Sie ist nicht messbar. Aber ich muss das Gefühl gewinnen, dass ein Beichtender die Bereitschaft hat, etwas zu verändern. Manchmal ist eine Veränderung schwierig, wenn jemand zum Beispiel jähzornig gegenüber seinen Kindern ist. Es kann dann auch passieren, dass ich ihm in der Beichte rate, sich an Spezialisten zu wenden.

Mit der Absolution werden zur Buße Gebete auferlegt. Wäre es nicht zeitgemäßer, man würde „Sündern“ praxisnahe Vorschläge machen – zum Beispiel bei der Gemeindearbeit zu helfen?

Cremer: Ja, das praktiziere ich. Ich frage nach, ob so etwas in Betracht kommt, was diejenigen, die beichten, selbst als sinnvoll ansehen. So einen Vorschlag zu machen, ist natürlich einfacher bei einem Beichtgespräch. Im Beichtstuhl, der ja auf Anonymität abzielt, kann ich häufig nicht einmal das Alter des Gesprächspartners einschätzen. Ich weiß nicht mal, ob ich ihn duzen oder siezen soll. Deswegen bin ich zurückhaltender, wenn ich nicht weiß, ob eine solche Frage angemessen ist.

Wenn Sie als Beichtvater von gravierenden Straftaten erfahren, sind Sie an das Beichtgeheimnis gebunden?

Cremer: Das Beichtgeheimnis zählt. Es zählt auch, wenn man bei einem Beichtgespräch erfährt, dass zum Beispiel ein Kollege Missbrauch begangen hat. Schon im Studium haben wir gelernt, dass ein Beichtgeheimnis selbst bei Mord gilt.

Das muss Sie doch zerreißen, wenn Sie bei der Beichte Kenntnis von einem Kapitalverbrechen erlangen?

Cremer: Ich war zum Glück noch nicht in der Verlegenheit, damit belastet zu werden.

Schrecken diese kleinen dunklen Beichtstühle nicht auch die Kundschaft ab?

Cremer: Das vermute ich auch für einen Großteil. Es gibt auch Alternativen. Einmal im Monat gibt es etwa „Nightfever“ in St. Foillan im Zentrum von Aachen . Bei dieser Jugendgebetsnacht hat man die Möglichkeit, innerlich zur Ruhe zu kommen, und mit einem Priester oder anderen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Auch da gibt es eine Beichtmöglichkeit, die findet dann nicht in einem Beichtstuhl in der Ecke, sondern öffentlicher und für andere sichtbar statt. Das gefällt auch nicht jedem.

Meiden auch Seelsorger gerne die Beichtstühle?

Cremer: Die Seelsorger selbst meiden im Rahmen der Prävention bei der Beichte mit Kindern oft diese dunklen Beichtstühle. Sie setzen sich dann lieber vorne in der Kirche hin – für jeden erkennbar. Sie wollen nicht mit den Kindern in einen dunklen Raum gehen.

Die katholische Kirche in den USA hat schon vor Jahren eine Beicht-App abgesegnet. Ist die digitale Buße eine Option auch für Sünder in Deutschland?

Cremer: Puh, dazu habe ich keinen Zugang. Das mag aber auch an meiner fehlenden App-Affinität liegen. Ich fahre auch Auto ohne ein Navigationssystem.

Sie sind nur mit Gottvertrauen unterwegs?

Cremer (lacht): Und, ganz oldschool, herkömmlich mit Straßenkarten.

Wenn Sie für ein fast vergessenes Sakrament werben dürfen, was würde Ihnen an dieser Stelle einfallen?

Cremer: Es ist die Chance und He­rausforderung, über mein Leben vor Gott ins Gespräch zu kommen. Ich bekomme neue Anregungen. Das kann eine lohnenswerte Erfahrung sein.