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Beten im Alleingang: Die erste Krise mit Gottesdienstverbot

Beten im Alleingang : Die erste Krise mit Gottesdienstverbot

In früheren Krisensituationen wie nach den Terroranschlägen vom 11. September waren die Kirchen plötzlich voll. Doch in Corona-Zeiten sind Gottesdienste verboten. Es entstehen aber schon Alternativen.

Der Platz vor dem Kölner Dom – leergefegt. Die Piazza, auf der sich normalerweise Gott und die Welt treffen, sieht aus wie an einem Sonntag um fünf Uhr morgens. Es ist aber elf Uhr vormittags an einem Dienstag. Die Türen des Doms sind verschlossen, bis auf eine. Davor steht Domschweizer Franz-Jochem Henk, einer der Ordnungshüter in schwarzroter Robe. Der weißhaarige Mann lässt keine Touristen mehr rein. Sightseeing ist in Corona-Zeiten tabu. Der Kölner Dom ist nur noch zum Beten da.

Drinnen herrscht gleichfalls gähnende Leere. Im gesamten Kirchenschiff – einem der größten der Welt – ist kein Platz besetzt. Strahlendes Sonnenlicht fällt durch das berühmte Gerhard-Richter-Fenster und taucht Säulen und Wände in bunte Farben. Aber niemand ist da, der es sehen kann.

Nur in einer Bank im nördlichen Querhaus kniet eine junge Frau mit gefalteten Händen. Es ist Maité d'Anselme, eine in Köln lebende Französin. Normalerweise besucht die gebürtige Pariserin jeden Tag die Heilige Messe. Aber jetzt sind Gottesdienste verboten. „Ich fühle mich ein bisschen verlassen und einsam dadurch, dass ich nicht mehr die Kommunion empfangen kann“, sagt sie. „Für uns Gläubige ist das unsere Stärkung, um im Alltag klarzukommen. Wenn man daran gewöhnt ist, bemerkt man sofort, wenn es wegfällt.“

Franz-Jochem Henk, Domschweizer steht vor dem Eingang der Kathedrale. Foto: dpa/Oliver Berg

Wer hätte sich vor einer Woche vorstellen können, dass in Deutschland alle Gottesdienste verboten werden könnten? „Gerade jetzt in der Krise entwickeln die meisten von uns ein Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen“, sagt der Psychologe Peter Walschburger. Religiöse Menschen finden im Gottesdienst mit seinen immer gleichen Abläufen Rückhalt und Trost. „Das starke Ritual in der Gemeinschaft verbindet. Auch Menschen, die weniger gläubig sind, verspüren ja in Krisensituationen mitunter den Impuls, in die Kirche zu gehen.“

Nie sollen die Kirchen so voll gewesen sein wie im Krieg und in der harten Zeit kurz danach. In früheren Krisenzeiten strömten die Menschen geradezu in die Gotteshäuser, etwa nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Nach dem Absturz einer Germanwings-Maschine 2015 wurde im Kölner Dom eine Trauerfeier zelebriert, die auch kirchenferne Menschen tief bewegte. Es tat gut, in dieser Stunde zusammenzustehen und den Hinterbliebenen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein waren.

Diesmal also nicht. „Wir sind aufgerufen, solidarisch zu sein, indem wir körperliche Distanz erzeugen“, sagt Walschburger. „Im Gottesdienstverbot sehen wir diese generelle Situation noch einmal schlaglichtartig verstärkt.“

Der Berliner Professor findet, dass Gläubige deshalb jetzt nach häuslichem Ersatz suchen sollten. Er denkt dabei an Vorbilder wie den traditionellen Herrgottswinkel in bayerischen Bauernhäusern, an Ikonen oder an Kreuze am Wegesrand, aber auch an die Nutzung moderner Medien und an säkulare Formen gemeinschaftsbildender Rituale. So entwickelten sich in den vergangenen Tagen im schwer geprüften Italien die Gesänge auf den Balkonen anonymer Mietshäuser. Plötzlich verliefen da unsichtbare Fäden vom einen zum anderen.

Der Dom ist nur noch für individuelle, betende Menschen geöffnet. Foto: dpa/Oliver Berg

Pfarrer Josef Jirasek von der Evangelischen Kirchengemeinde Brebach-Fechingen-Bliesransbach im Saarland hat sich Folgendes ausgedacht: „Sonntags um zehn läuten wir die Glocken und laden zum häuslichen Gottesdienst ein“, wird er auf der Website der Evangelischen Kirche im Rheinland zitiert. Man müsse dafür nur eine Kerze anzünden und sich eine Liturgie mit kurzen Gebeten und einem Psalm auf der Gemeindewebsite herunterladen.

Pfarrer Christoph Wichmann aus Oberhausen im Ruhrgebiet appelliert an alle Christen, abends um 19 Uhr eine Kerze anzuzünden, auf die Fensterbank zu stellen und dann das Vaterunser zu beten. „Durch das Gottesdienstverbot ist unser Gemeinschaftsleben völlig zerbrochen“, sagt Wichmann der Deutschen Presse-Agentur. „Wir wollen ein neues Gemeinschaftserlebnis schaffen. Die Botschaft ist: In alle Zweifel hinein stehen wir als Christen zusammen.“

Sein Vorschlag sei zunächst einfach nur für seine eigene Gemeinde gedacht gewesen, doch mittlerweile habe das Ganze durch einen Zeitungsbericht größere Kreise gezogen: „Es wäre natürlich toll, wenn da ein Dominoeffekt entstehen würde. Je größer es wird, desto schöner.“

Im Erzbistum Köln läuten bis Gründonnerstag jeden Abend um 19.30 Uhr die Glocken aller Kirchen. Es ist eine Einladung an alle „Gläubigen und Menschen guten Willens zu einem Gebet für die Betroffenen“ der Corona-Epidemie.

Elke Schmitz aus Münster reicht es aus, im Kölner Dom eine Kerze anzuzünden. „Das mache ich immer, wenn ich an einer Kirche vorbeikomme“, erzählt sie. „Ein Licht senden für einen bestimmten Menschen oder Gedanken, das steckt dahinter.“ Sie bezeichnet sich selbst als „gläubig, aber nicht supergläubig. Vielleicht praktisch gläubig“ - und muss dabei lachen. „Deshalb das Kerzchen.“ Glaubt sie, dass es hilft? Einen kurzen Moment denkt sie nach: „Es hilft mir. Und vielleicht auch anderen.“

(dpa)